„Bauen für die Macht“ – Beziehungen zwischen Architektur und Autorität

Der Pavillon Le Corbusier in Zürich eröffnet die neue Saison mit der Ausstellung „Bauen für die Macht”. Sie zeigt die engen Beziehungen zwischen Architektur und Autorität und macht die Vielschichtigkeit und Ambivalenz dieses Verhältnisses sichtbar. Anhand von Plänen, Bildern und Modellen beleuchtet die Ausstellung Le Corbusiers kontroverse Entwürfe der Zwischenkriegszeit, verortet sie in ihren politischen Kontexten und regt dazu an, diese Verflechtungen neu zu hinterfragen.

Seit jeher dient Bauen nicht nur dem Schutz und der Organisation des Lebens, sondern auch der Manifestation von Herrschaft. Von den Pyramiden der Antike über Triumphbögen und Parlamentsbauten bis zu den ikonischen Hauptsitzen globaler Konzerne zieht sich eine jahrtausendealte Tradition: Monumentalität, Dauerhaftigkeit und Maßstab werden zu Werkzeugen politischer, religiöser oder ökonomischer Macht – und prägen bis heute unsere gebaute Umwelt. Umgekehrt winken Architekt:innen große Aufträge, Sichtbarkeit und Einfluss. Diese wechselseitige Beziehung hat in der Geschichte immer wieder zu beeindruckenden, bisweilen aber auch wahnwitzigen Projekten geführt.

Auch Le Corbusier sucht auf der Suche nach bedeutenden Aufträgen die Nähe politischer Macht – weitgehend unabhängig von deren ideologischer Ausrichtung. Er arbeitete für die Sowjetunion, warb um Mussolini und Maréchal Pétain und zeigte dabei wiederholt eine fehlende kritische Distanz zu autoritären Systemen. Gleichzeitig gab es keine Berührungspunkte zu den Nationalsozialisten in Deutschland. Die Ausstellung macht diese Ambivalenzen sichtbar und ordnet sie historisch ein, ohne sie zu vereinfachen oder zu entschärfen.

Städtebau zwischen Vision und Kontrolle
Im Zentrum stehen Le Corbusiers städtebauliche Visionen. Seine Projekte der Zwischenkriegszeit sind ebenso visionär wie verstörend. In idealtypischen Stadtentwürfen wie der „Ville contemporaine” entwirft Le Corbusier eine vertikal verdichtete Stadtstruktur mit gläsernen Hochhaustürmen für drei Millionen Einwohner. Noch radikaler präsentiert sich der „Plan Voisin” für Paris. Das Projekt plädiert für den großflächigen Abriss ganzer Quartiere zugunsten einer streng geordneten, funktional optimierten Stadtlandschaft, in der Ordnung, Effizienz und Kontrolle die Leitmotive sind. Dabei wird Architektur zum Instrument einer autoritär gedachten sozialen Neuordnung des urbanen Lebens.

Im Erdgeschoss treffen zwei Schlüsselwerke aufeinander: Der „Pavillon des Temps Nouveaux” (1937) präsentiert Le Corbusiers Stadtideen als visuelles Manifest. Mit „Chandigarh” (ab 1951) wurde diese Vision erstmals umgesetzt – als moderne Hauptstadt, in der Ordnung, Demokratie und Gewaltenteilung architektonisch verhandelt werden.

Das Obergeschoss richtet den Blick auf fiktionale Bauten für die Macht, die Le Corbusier geprägt und inspiriert haben. Dazu zählt Antonio Sant’Elia, der mit seiner „Città Nuova” um 1914 ein von technischer Dynamik und Geschwindigkeit bestimmtes Stadtbild entwirft. Ebenso vertreten ist Étienne-Louis Boullée, der die französische Revolutionsarchitektur um 1785 mitprägt und der Aufklärung damit einen architektonischen Ausdruck verleiht. Hugh Ferriss imaginiert schließlich in seiner „Stadt von morgen” dramatisch beleuchtete, stufenförmig aufragende Türme.

Der von der Zürcher Galeristin Heidi Weber initiierte Pavillon Le Corbusier ist selbst ein zentrales Exponat. Als letztes Bauwerk Le Corbusiers und als architektonisches Manifest der Nachkriegsmoderne bietet er den idealen Rahmen, um Architektur nicht nur zu zeigen, sondern auch räumlich zu erfahren. „Dieses Haus ist das kühnste, das ich je in meinem Leben gebaut habe”, schrieb Le Corbusier 1961 dem damaligen Direktor des Guggenheim-Museums, James Johnson.

Der Pavillon Le Corbusier wird seit seiner Eröffnung im Jahr 1967 als Ausstellungsort genutzt, um das Werk und die Ideen Le Corbusiers einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Auf rund 600 Quadratmetern und über vier Geschosse hinweg entfaltet sich die Ausstellung in engem Dialog mit dem Gebäude, das mit einer eigenen Sektion zu seiner Baugeschichte ebenfalls gewürdigt wird.

Bauen für die Macht
bis 29. November 2026
Pavillon Le Corbusier, Höschgasse 8, 8008 Zürich