Barbara Pflaum – humorvolle Beobachtungen des Wiener Alltags

Im MAK Kunstblättersaal findet eine Personale statt, die der Pionierin der österreichischen Pressefotografie, Barbara Pflaum (1912–2002), gewidmet ist. Mit ihrem besonderen Beobachtungssinn und ihrem Gespür für Form zählte sie zu den Wegweiserinnen des österreichischen Fotojournalismus der 1950er Jahre und prägte über zwei Jahrzehnte das Bild der Wochenpresse. Mit 40 Jahren, geschieden und Mutter von drei Kindern, begann sie ein Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien, entdeckte die Fotografie und widmete sich ihr von da an mit Hingabe. Die Ausstellung im MAK zeigt mit mehr als 100 Fotografien aus den späten 1950er und frühen 1960er Jahren eine bislang wenig bekannte Seite ihres Schaffens: aufmerksame, oft humorvolle Beobachtungen des Wiener Alltags.

Anfang der 1950er Jahre erhielt Pflaum von ihrem damaligen Partner, dem Reisenden, Schriftsteller und Fotografen Herbert Tichy, ihre erste Kamera. Zunächst fotografierte sie vor allem ihre Kinder und Freundinnen. Diese Porträts weckten die Aufmerksamkeit des Laborbesitzers, bei dem sie ihre Filme entwickelte. Er ermutigte sie, ihre Arbeiten einer Illustrierten zu zeigen. Zwischen 1954 und 1958 arbeitete Pflaum für die Wiener Illustrierte. Parallel dazu lernte sie den bekannten japanisch-amerikanischen Fotografen Yoichi Okamoto kennen. Er war Leiter der Bildredaktion des US-Informationsdienstes und schulte junge Fotograf:innen im modernen Fotojournalismus. Die Zusammenarbeit mit Okamoto prägte ihren Stil entscheidend und führte zu ersten Veröffentlichungen im „Wiener Kurier”.

Mit ihrer klassischen Mittelformatkamera war sie ab Mitte der 1950er Jahre bei Theater- und Opernpremieren, Vernissagen, politischen Veranstaltungen und gesellschaftlichen Events präsent. Sie porträtierte Staatsoberhäupter, Parteiführer:innen und internationale Künstler:innen, dokumentierte Parlamentsdebatten, Empfänge, Konferenzen und kulturelle Höhepunkte. Viele ihrer Porträts prominenter Persönlichkeiten erschienen auf der Titelseite des Wochenmagazins – Aufnahmen, auf die sie besonders stolz war und die sie zu Lebzeiten wiederholt in Ausstellungen zeigte.

Sie festigte ihre Position als Fotografin durch Veröffentlichungen in der Presse, Ausstellungen im Wiener Konzerthaus und eigene Publikationen. Neben offiziellen Aufträgen dokumentierte sie unermüdlich das alltägliche Leben Wiens: Menschen in Kaffeehäusern, auf Märkten, in Parks oder bei Festzügen, Passant:innen, Straßenhändler:innen, spielende Kinder oder Menschen im öffentlichen Raum. Besonders faszinierte sie der Wandel der Stadt: alte Viertel im Umbruch, Abriss und Neubau sowie beginnende Gentrifizierung.

Viele dieser Fotografien entstanden en passant – persönliche Beobachtungen, von denen einige in ihren 1961 erschienenen Bildband „Wie ist Wien?” Eingang fanden. Der Großteil blieb jedoch unveröffentlicht und lag jahrzehntelang im Archiv der Fotografin. Heute eröffnen diese Aufnahmen einen ebenso lebendigen wie humorvollen Blick auf die Stadt und ihre Bewohner:innen. Sie zeigen Alltagsszenen, aber auch Straßenproteste, weihnachtliche Märkte oder Stadtviertel, die kurz vor dem Abriss standen. Zugleich dokumentieren sie eine urbane Atmosphäre, die sich im Wien der Nachkriegszeit allmählich wandelte.

Die meisten Abzüge, die in der Ausstellung gezeigt werden, stammen direkt aus Pflaums eigenem Archiv, das heute bei Brandstätter Images aufbewahrt wird. Es handelt sich um selbst gefertigte Abzüge, die teilweise deutliche Gebrauchsspuren tragen – Spuren ihrer Verwendung als Arbeitsmaterial.

Ein wesentlicher Bestandteil von Pflaums fotografischer Handschrift hängt mit ihrer bevorzugten Kamera zusammen. Sie arbeitete mit einer Rolleiflex, einer großen, zweiäugigen Kamera für 6×6-cm-Film. Diese Technik erforderte ein bewusstes und überlegtes Arbeiten. Nach jeweils zwölf Aufnahmen musste der Film gewechselt werden und die Bilder wurden im quadratischen Format komponiert. Für den Druck in der Presse, der meist rechteckige Bildformate verlangte, mussten die Aufnahmen später beim Vergrößern beschnitten werden. Die Rolleiflex wurde auf Hüfthöhe gehalten, da das Bild auf eine Mattscheibe auf der Oberseite der Kamera projiziert wurde und nur von oben betrachtet werden konnte.

Charakteristisch für viele von Pflaums Fotografien ist eine starke, vielschichtige Komposition: Häufig strukturiert eine unscharfe Vordergrundfläche das Bild, dahinter öffnet sich der räumliche Kontext der Szene. Erst in einer dritten Ebene konzentriert sich das eigentliche Geschehen – ein kurzer Moment, eine Begegnung, eine Geste. Diese Bildstruktur verleiht den Fotografien Dynamik und lenkt den Blick gezielt auf das Wesentliche.

Bemerkenswert sind Pflaums Beobachtungsgabe und ihre Fähigkeit, „auf der Lauer zu liegen“ und den richtigen Moment einzufangen, ebenso wie die Originalität vieler ihrer Kompositionen. Egal, ob sie sich mit gängigen fotografischen Motiven wie Märkten oder Freizeitbeschäftigungen befasste oder aktuelle Ereignisse wie Demonstrationen fotografierte, achtete Pflaum stets darauf, die Aufmerksamkeit auf die Menschen zu lenken, eine dynamische Energie im Bild zu gewährleisten und Assoziationen zu wecken – und so ein Gefühl der Erzählung zu erzeugen.

So entsteht ein vielschichtiges fotografisches Porträt Wiens vor mehr als einem halben Jahrhundert. Barbara Pflaums Aufnahmen zeigen, welche Fülle an Möglichkeiten selbst ein flüchtiger Moment auf der Straße bereithält – vorausgesetzt, man betrachtet ihn mit Aufmerksamkeit, Geduld und künstlerischem Gespür.

Barbara Pflaum
Schaufenster des Alltags
15.04.–16.08.2026