12. Oktober 2019 - 4:04 / Ausstellung / Architektur 
17. Oktober 2019 19. Januar 2020

Balkrishna V. Doshi (* 1927 in Pune, Indien) ist Architekt, Städteplaner und Lehrer. Er zählt zu den einflussreichsten Pionieren moderner Architektur in Indien. In über 60 Jahren architektonischer Praxis hat er eine Vielzahl an unterschiedlichen Projekten verwirklicht, wofür Doshi 2018 mit dem renommierten Pritzker-Preis geehrt wurde. Seit den 1950er-Jahren hat er mehr als 100 Gebäude realisiert, darunter Verwaltungs- und Kultureinrichtungen, Siedlungen und Wohnhäuser.

Als eines seiner Schlüsselprojekte gilt der Campus des »Centre for Environmental Planning and Technology« (CEPT) in Ahmedabad, auf dem Doshi über einen Zeitraum von 40 Jahren einige seiner bedeutendsten Bauwerke realisierte. Bereits 1962 gründete Doshi die multidisziplinäre »School of Architecture«, die sehr von seinem Ansatz des Austausches über die Fächergrenzen hinweg profitiert. Um den Dialog zwischen Studenten und Lehrkräften zu fördern, entwarf er das Gebäude als frei fließenden Raum ohne strenge Trennung der verschiedenen Bereiche.

Sowohl die Gebäude als auch Studium und Lehre an der School of Architecture, die außerdem ein wichtiges Zentrum für Stadtplanung ist, haben die Architektenausbildung in Indien grundlegend verändert. Während die School of Architecture auf den Überresten einer alten Ziegelei gebaut wurde und mit ihrem offenen Erdgeschoss über dem Boden zu schweben scheint, liegt der ebenfalls auf dem Campus befindliche Kunstraum »Amdavad Ni Gufa« (1994) teilweise unter der Erde als Antwort auf das heiße örtliche Klima – »gufa« bedeutet auf Gujarati »Höhle«. Seine sich sanft in die Umgebung einfügende Struktur aus unterschiedlich großen Kuppeln wurde zwar mit speziellen Computerprogrammen entwickelt, jedoch von ungelernten Arbeitern von Hand aus Abfallprodukten gebaut.

Inspiriert von Mahatma Gandhis Lehren, entwickelte Doshi neue Herangehensweisen an den sozialen und experimentellen Wohnbau, die auf der Teilhabe der zukünftigen Bewohner basierten und die Möglichkeit der Anpassung an wechselnde Bedürfnisse und Anforderugen einbezogen. Die Wohnsiedlung für die »Life Insurance Corporation of India« (LIC) (1973) oder die Wohnsiedlung »Aranya« (1989) für die Indore Development Authority sind herausragende Beispiele dafür. Das als Musterprojekt gebaute Aranya hat heute über 80.000 Einwohner. Ausgehend von einer Parzelle mit Fundament, Sanitärblock und einem einzigen Raum können die Bewohner dank eines Modulsystems den Wohnraum nach ihren Bedürfnissen, persönlichen Vorlieben und wirtschaftlichen Möglichkeiten individuell ausbauen und gestalten.

Ein weiteres Beispiel für Doshis Wohnbauprojekte, allerdings in kleinerem Maßstab, ist sein eigenes Haus, das »Kamala House« (1963). Der Entwurf dieses weitläufigen und doch kostengünstigen Gebäudes mit kreuzförmigem Grundriss versorgt alle Räume mit viel Tageslicht, während isolierte Backsteinwände die sommerliche Hitze einfangen und dadurch kühlend wirken.

Ein weiterer Meilenstein in Balkrishna Doshis institutioneller Architektur ist sein eigenes Architekturbüro »Sangath« in Ahmedabad (1980). Erinnerungen an das Haus seiner Kindheit und an Le Corbusiers Atelier in Paris werden im Raumvokabular dieses Gebäudes vereint. »Sangath« bedeutet auf Gujarati soviel wie »sich zusammen bewegen«, hier arbeiten drei Generationen von Doshis Familie Seite an Seite. Wie bei allen seinen Gebäuden sind die Umgebung, das Klima und die Funktion in den Entwurf eingeflossen. Das Atelier kann im Handumdrehen in einen Konzertsaal oder einen Vortragsraum verwandelt werden. Zwischen den Hochhäusern und der Hochbahn von Ahmedabad ist Sangath eine Oase der Ruhe inmitten der betriebsamen Stadt.

Balkrishna Doshi: Architektur für den Menschen
17. Oktober 2019 bis 19. Januar 2020
Eröffnung: 16. Oktober 2019, 19 Uhr

Pinakothek der Moderne
Kunstareal, Barer Str. 40
D - 80799 München

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  •  17. Oktober 2019 19. Januar 2020 /
Detailansicht der Dachlandschaft des Kunstraumes: »Amdavad Ni Gufa«, Ahmedabad, 1994. © Iwan Baan 2018
Detailansicht der Dachlandschaft des Kunstraumes: »Amdavad Ni Gufa«, Ahmedabad, 1994. © Iwan Baan 2018
Einer der weitläufigen, lichtdurchfluteten Korridore des »Indian Institute of Management« (IIM), Bangalore, 1977-92. © Courtesy of Vastushilpa Foundation, Ahmedabad; Foto: Vinay Panjwani – India
Einer der weitläufigen, lichtdurchfluteten Korridore des »Indian Institute of Management« (IIM), Bangalore, 1977-92. © Courtesy of Vastushilpa Foundation, Ahmedabad; Foto: Vinay Panjwani – India
Offene Eingangshalle auf unterschiedlichen Ebenen: »School of Architecture«, CEPT Universität, Ahmedabad, 1966-68. © Courtesy of Vastushilpa Foundation, Ahmedabad; Foto: Vinay Panjwani – India
Offene Eingangshalle auf unterschiedlichen Ebenen: »School of Architecture«, CEPT Universität, Ahmedabad, 1966-68. © Courtesy of Vastushilpa Foundation, Ahmedabad; Foto: Vinay Panjwani – India
Außenansicht der Konzerthalle: »Premabhai Hall«, Ahmedabad, 1976. © Courtesy of Vastushilpa Foundation, Ahmedabad; Foto: Vinay Panjwani – India
Außenansicht der Konzerthalle: »Premabhai Hall«, Ahmedabad, 1976. © Courtesy of Vastushilpa Foundation, Ahmedabad; Foto: Vinay Panjwani – India
Die Form des Ompuri Tempels soll den Besucher dazu auffordern, sein »drittes Auge« zu öffnen: »Ompuri Temple«, Matar, 1998. © Courtesy of Vastushilpa Foundation, Ahmedabad; Foto: Vinay Panjwani – India
Die Form des Ompuri Tempels soll den Besucher dazu auffordern, sein »drittes Auge« zu öffnen: »Ompuri Temple«, Matar, 1998. © Courtesy of Vastushilpa Foundation, Ahmedabad; Foto: Vinay Panjwani – India
Balkrishna Doshi in seinem Büro: »Sangath Architect’s Studio« Ahmedabad, 1980. © Iwan Baan 2018
Balkrishna Doshi in seinem Büro: »Sangath Architect’s Studio« Ahmedabad, 1980. © Iwan Baan 2018