Backstein – ein Baustoff mit vielfältigen Möglichkeiten

„Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine sorgfältig zusammengesetzt werden”, sagte der Architekt Ludwig Mies van der Rohe treffend. Doch bietet dieses bekannte, oft unterschätzte und scheinbar banale Objekt tatsächlich Stoff für eine ganze Ausstellung?

Seit der Antike ist der Backstein ein zentraler Baustoff, der Stein für Stein Gebäude, Quartiere und Städte prägt und Geschichte erzählt. Von den Mauerwerken Roms bis zu zeitgenössischen Bauprojekten zeigt der Mauerziegel seine Vielfalt als Material, Gestaltungselement und Träger kultureller Bedeutung. Bis heute wird der natürliche Rohstoff Lehm aus Gruben gewonnen, geformt und zu Backsteinen gebrannt. Im Zuge der Industrialisierung und neuer ökologischer Herausforderungen haben sich die Herstellungsverfahren jedoch stark verändert – vom handgefertigten Vollstein bis zum wärmedämmenden Großblockstein.

„Backstein Reloaded” vereint rund fünfzig Arbeiten aus den Bereichen Architektur, Design und Kunst, die das Material aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigen. Dabei stehen Herstellung, ökologische Eigenschaften sowie gestalterische und künstlerische Neuinterpretationen im Mittelpunkt. Die Ausstellung zeigt, wie ein traditionsreicher Baustoff noch heute vielfältige Möglichkeiten eröffnet und sich immer wieder neu erfinden lässt.

„What do you want, brick?”

Der für seine imposanten Backsteingebäude in Dhaka (Bangladesch) bekannte amerikanische Architekt Louis Kahn führte in einem Vortrag von 1972 ein fiktives Gespräch mit einem Backstein und fragte ihn: „What do you want, brick?” Dieser antwortete: „Ich will einen Bogen.” Indem sich Louis Kahn auf diese Weise mit dem Ziegelstein auseinandersetzte, bezog er die spezifischen Merkmale und Eigenschaften des Baumaterials in seine Entwürfe mit ein, anstatt seine eigene konzeptionelle Vision, beispielsweise eine statische Konstruktion aus Beton, aufzuzwingen.

Was kann uns ein Backstein alles verraten? Etwa über seinen Herkunftsort und die Qualität seines Tons? Oder über seine thermischen Eigenschaften, je nachdem, ob er hohl oder massiv, luftgetrocknet oder gebrannt ist? Kann man ihm ansehen, ob er recycelt werden könnte? Und schließlich: Welche gestalterischen Vorstellungen oder historischen bzw. geografischen Bezüge thematisiert eine Backsteinkonstruktion? Dieser kleine Fragekatalog umschreibt die Ausgangslage von „Backstein Reloaded”.

Die Ausstellung beschäftigt sich in drei Kapiteln mit diesem auf den ersten Blick banalen Objekt. Sie erkundet die bautechnischen und gestalterischen Eigenschaften von Backsteinen je nach Anordnung im Mauerwerk. Sie zeigt die Perspektiven bzw. Kommentare einiger Kunstschaffender, Architekt:innen und Designer:innen zur heutigen oder zukünftigen Herstellung von Backsteinen. Darüber hinaus öffnet die Präsentation das Feld für freie gestalterische Interpretationen der beiden klassischen Herstellungsverfahren Extrusion und Formpressen.

Das CID Grand-Hornu realisierte 2025 die Ausstellung „Que veux-tu, brique?”, die rund fünfzig Werke von Architekt:innen, Designer:innen und Künstler:innen von der Moderne bis zur Gegenwart umfasste. Das Gewerbemuseum Winterthur zeigt „Backstein Reloaded” in Zusammenarbeit mit dem CID Grand-Hornu als erweiterte Fassung, die durch Beispiele aus Schweizer Architektur, Design und Industrie ergänzt wurde und einen speziellen Fokus in der Dauerausstellung „Material-Labor” setzt.

Backsteine in Winterthur

„Backstein Reloaded” beleuchtet gestalterische, materialtechnische und kulturelle Aspekte von Backsteinen. Das Gewerbemuseum Winterthur ergänzt dies mit lokalen Besonderheiten und zeitgenössischen Projekten. Im ehemaligen Werkareal der Maschinenfabrik Sulzer in Winterthur finden sich noch heute zahlreiche Produktionshallen, die mit Backsteinkonstruktionen errichtet wurden. Das Stadtbild spiegelt hier die Begegnung von zwei erfolgreichen Industriebereichen seit Ende des 19. Jahrhunderts wider: dem Eisenguss der Gebrüder Sulzer und der Backsteinproduktion der Keller Ziegelei in Pfungen und Dättnau. Unverputztes Backsteinmauerwerk prägte so über mehrere Jahrzehnte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Architektur in Winterthur: von Fabrik- und Lagerhallen über Arbeiter:innensiedlungen bis zu Villen von Fabrikanten.

Winterthur Glossar

In Zusammenarbeit mit den Winterthurer Bibliotheken und der Denkmalpflege Winterthur initiiert das Gewerbemuseum im Rahmen von „Backstein Reloaded” eine koordinierte Erfassung der Backsteingeschichte der Stadt. Im digitalen Nachschlagewerk „Winterthur-Glossar” wird dafür ein neues Kapitel eröffnet, das in den kommenden Jahren beständig erweitert werden wird. In einem partizipativen Aufruf kann sich die Bevölkerung Winterthurs im Blog „Dinge machen” mit Bildbeiträgen von Backsteingebäuden an der Erfassung beteiligen. Winterthur Glossar

Forschung und Produktion Standort Schweiz

In der Schweiz werden aktuell jährlich ungefähr 815 Tonnen Backsteine produziert, was den inländischen Bedarf fast deckt. Diese Menge entspricht einer 1 Meter hohen Mauer mit einer Länge von 1497 Kilometern. Sie würde also von Winterthur bis nach Stockholm reichen. Die Schweizer Produktionsbetriebe und Holdings, die aktuell an 19 Standorten Backsteine produzieren, reagieren seit einigen Jahren mit Standortoptimierungen und Forschungsprojekten auf Veränderungen und Herausforderungen im Bausektor und auf dem Markt.

„Backstein Reloaded” stellt auch Forschungsprojekte zu neuen Anwendungen oder Einsatzbereichen von Backsteinen vor. Ein Beispiel hierfür ist die Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern HSLU: Im Rahmen des Projekts „GreenBrick” entwickeln die Zürcher Ziegeleien gemeinsam mit der HSLU ein Produkt für begrünte Keramikfassaden. In der Zusammenarbeit mit der Kubrix AG beschäftigt sich die HSLU mit dem Designpotenzial variabler Produktionsprozesse für verschiedene Oberflächen von Backsteinfassaden.

Schwerpunkt im Material-Labor

Im Rahmen von „Backstein Reloaded” legt das Gewerbemuseum Winterthur auch in der Dauerausstellung „Material-Labor” einen Fokus auf Backsteine und geht ausgehend von spezifischen Fragen zu Material und Herstellungsverfahren noch weiter in die Tiefe. Worum handelt es sich beim Rohstoff Lehm und woher stammt er? Wo in der Schweiz wird er gewonnen und welcher Zusammenhang besteht noch heute zwischen Lehmgruben und Ziegeleien?

Antworten auf diese und weitere Fragen finden sich in der Ausstellung anhand von Werken und Projekten von:
Alvar Aalto (FI), Josef Albers (DE, US), Atelier Polyhèdre (CH), Ellie Birkhead (UK), Boltshauser Architekten (AG, CH), Pierre Culot (BE), Filip Dujardin (BE), Harun Farocki (DE), Patrick Fry (UK), Frédérick Gautier (FR), Gramazio Kohler Research (CH), Louis I. Kahn (US), Francis Kéré (BF/DE), Marijke Jans (BE), Bijoy Jain, Studio Mumbai (IN/ARGE), Kilga Popp Architekten AG und Baumberger & Stegmeier AG (CH), Kollaboration Hochschule Luzern HSLU mit Kubrix AG (CH), Kollaboration Hochschule Luzern HSLU mit Zürcher Ziegeleien AG (CH), Kueng Caputo (CH), Mercedes Klausner und Anna Saint-Pierre (FR), Anupama Mit dabei sind Kundoo (IN/DE), Robert Mallet-Stevens (FR), Jorge Méndez Blake (MX), Raymond Meier (CH/US), Baptiste Meyniel (FR), Pinaffo Pluvinage (FR), Maria-Elena Pombo (US), Boonserm Premthada (TH), Zuzanna Skurka (DK), Studio BISKT (BE), Studio Eidola (CH), Olivier Vadrot (FR), Salla Vallotton (CH), Bram Van Derbeke (BE), Aurélien Veyrat (FR) und Floris Wubben (NL).

„Backstein Reloaded” ist eine Ausstellung des CID – Centre d’innovation et de design au Grand-Hornu in Belgien mit Erweiterungen des Gewerbemuseums Winterthur.

Das CID Grand-Hornu ist ein renommiertes Museum für Design und ist seit 2014 in einem ehemaligen Industrieareal nahe der französischen Grenze untergebracht. Es zeigt Ausstellungen zu zeitgenössischen gesellschaftlichen Themen, Industriedesign, Architektur und angewandter Kunst. Der Gebäudekomplex des CID Grand-Hornu mit seinen prägenden Backsteingebäuden ist ein ausgezeichnetes Beispiel neoklassizistischer Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts und heute UNESCO-Weltkulturerbe.

Backstein Reloaded
12. Juni bis 1. November 2026