10. August 2007 - 4:45 / Film 

Zwei Wettbewerbsfilme beim 60. Filmfestival von Locarno entwickeln den Horror direkt aus dem Alltag. Erzählt George Ratliff in "Joshua" subtil vom langsamen Zerbrechen einer Familie nach der Geburt des zweiten Kindes, so prangert der Brite Jim Threapleton in "Extraordinary Rendition" mit drastischem Naturalismus die allen Menschenrechten widersprechende Terroristenjagd nach 9/11 an.

Präzise und knapp zeichnet George Ratliff am Beginn von "Joshua" das Bild einer glücklichen New Yorker Familie und feiert förmlich die Geburt des zweiten Kindes. Der hochbegabte 9-jährige Joshua fühlt sich allerdings bald vernachlässigt und sieht in der kleinen Schwester eine Rivalin um die Gunst der Eltern. Als das zunächst brave Baby ständig zu schreien beginnt, driftet die Mutter langsam in eine psychische Krise und die familiäre Situation beeinträchtigt wiederum die Arbeitsleistung des Vaters. Sukzessive dreht Ratliff weiter an der Schraube und lässt die Familie Schritt für Schritt zerfallen.

Steht am Beginn ein genaues realistisches Psychodrama, so mengt der Amerikaner immer wieder und zunehmend mehr subtile Horrormomente bei. Die hellen und klaren Farben lässt er mit Fortdauer des Films verblassen und aus der Wohnung wird langsam eine in fast monochromes fahles Braun getauchte klaustrophobische Höhle. An Roman Polanskis "Rosemarys Baby" kann man hier denken, auch wenn Ratliff die Balance zwischen Alltäglichem und Horror leider nicht durchhält. Nicht absolut eindeutig zeigt er zwar, ob wirklich der Junge die Ereignisse steuert, setzt aber jede Menge Indizien, die in diese Richtung weisen. Clever mag dieses Spiel mit der Interpretation durch den Zuschauers sein, doch setzt Ratliff dafür im letzten Drittel die Glaubwürdigkeit des Films aufs Spiel.

Der Brite Jim Threapleton legt mit "Extraordinary Rendition" eine verschärfte Version zu Michael Winterbottoms "The Road to Guantanamo" vor. Aufbauend auf der Tatsache, dass nach 9/11 zahlreiche als Terroristen verdächtigte Moslems in Europa ohne gesetzliche Grundlagen verhaftet, verschleppt und gefoltert wurden, erzählt Threapleton die Leidensgeschichte eines britischen Moslems, der in London auf offener Straße entführt, zunächst in einem Container gefangen gehalten und verhört, dann per Flugzeug deportiert und brutalster physischer und psychischer Folter unterzogen wird.

Threapleton setzt in seinem mit Digitalkamera gedrehten Film auf drastischen Naturalismus, zeigt schonungslos die Folterungen, deren Schrecken durch die rohen überbelichteten und in kalte Blautöne getauchten Bilder noch intensiviert werden. Wie ein auf die Realität umgemünztes Szenario aktueller Horrorfilme wie "Hostel" oder "Saw 3" wirkt "Extraordinary Rendition" dabei. Flashbacks machen mit der Vergangenheit des Verschleppten vertraut, mit seiner Freundin und seiner Arbeit als Geschichteprofessor an der Universität. Allzu belehrend wird dabei immer wieder gerade die europäische Tradition der Menschenrechte und die ambivalente Definition von Freiheitskämpfer und Terrorist angesprochen.

In seinem pseudodokumentarischen Stil kommt Threapleton aber nicht über die Rekonstruktion der Ereignisse hinaus. Sein Film ist zwar eine heftige Anklage gegen das Vorgehen der Exekutive nach 9/11 liefert aber keine tieferen oder neuen Einsichten. Wo Filme wie Benjamin Heisenbergs "Schläfer" oder Kenny Gleenans "Yasemin" differenziert und feinfühlig das Klima der Terrorangst und Verunsicherung heraus arbeiteten, bleibt "Extraordinary Rendition" an der Oberfläche, zeigt aber immerhin am Ende einerseits, wie gerade solche Maßnahmen den Hass auf den Westen und die Bildung radikaler (islamistischer) Gesinnung fördern, andererseits aber auch, dass die Traumatisierung durch solche Erlebnisse dauerhaft nachwirkt und ein normales Leben für das Opfer danach nicht mehr möglich ist.



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