Auguste Herbin – ein Begründer der Abstraktion

Der französische Maler Auguste Herbin (1882–1960) gilt als bedeutender Revolutionär der Moderne und als einer der Begründer der Abstraktion in Frankreich. Kurz nach der Jahrhundertwende beginnt er mit spätimpressionistischen Landschaften, Stillleben und Porträts in leuchtenden, dabei harmonisch eingesetzten Farben. Diese werden in der darauffolgenden fauvistischen Phase wilder und bleiben es sein ganzes Leben lang. 1907 begegnet er dem deutschen Kunstkritiker und Galeristen Wilhelm Uhde, der ihn auch in Deutschland bekannt macht – mit weitreichenden Folgen. Herbin wird bis heute in Deutschland ausgestellt und gesammelt. 1908 malte er erste kubistische Bilder und zählte damit zu den Erfindern dieser Bildsprache. Auch sein Kubismus ist starkfarbig. 1909 bezog er ein Atelier im berühmten Bateau-Lavoir auf dem Pariser Montmartre, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Picasso und van Dongen.

Herbin malte in unterschiedlichen Gegenden Frankreichs, von der belgischen bis zur spanischen Grenze, sowie in Brügge (Belgien), im Hamburger Hafen und auf Korsika. Jeder Ortswechsel brachte die Wahrnehmung neuer Formen mit sich und löste häufig Veränderungen in seiner Bildsprache aus. Erst als er sich in den 1930er Jahren endgültig der abstrakten Kunst zuwendet, bleibt er vor Ort in Paris.
Während des Ersten Weltkriegs entwirft er Tarnmuster für Flugzeuge. Danach entwickelt er für dekorative Holzobjekte erstmals ein völlig abstraktes, geometrisches Formenvokabular. Als sozial engagierter Künstler und zeitweiliges Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs sieht er darin eine monumentale „Kunst für alle“. Wenn er sich anschließend der figurativen magisch-realistischen Malerei zuwendet, bedeutet das keinen Bruch, sondern eine Metamorphose. Wie immer in seinem variablen Werk ist es eine Weiterentwicklung des Alten im Neuen. Als er nach wenigen Jahren zur abstrakten Malerei zurückkehrt, tut er dies zunächst mit runden Formen, Voluten und Spiralen.

Als Organisator von Ausstellungen und Vereinigungen propagiert er die Bedeutung der abstrakten Kunst, so ab 1931 als Präsident der Gruppe „Abstraction-Création“. In den späten 1930er Jahren beschäftigt er sich vermehrt mit Farbtheorien, vor allem mit anthroposophischen Adaptionen von Goethes Farbenlehre. Daraus entwickelt er 1942 sein „alphabet plastique“, ein Regelwerk der reinen Farbtöne und geometrischen Formen, das er mit Musiknoten und Buchstaben kombiniert. Damit „buchstabiert” er Begriffe in Bildern, interpretiert sie jedoch stets variabel mit Blick auf ihre emotional erfahrbare Qualität. Nach 1945 wurde Herbin zum Vorbild für Vertreter der konkreten und kinetischen Kunst sowie der Op-Art. Sein Werk wurde in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt. Bis zu seinem Tod engagierte er sich als Erneuerer der französischen Abstraktion. Unsere Ausstellung umfasst die wichtigsten Stationen in Herbins Schaffen und zeigt ca. 50 bedeutende Werke mit umfangreicher Dokumentation.

Auguste Herbin
Kuratiert von Susanne Böller
Bis zum 19. Oktober 2025