8. Juli 2021 - 4:24 / Ausstellung / Geschichte 
4. Juni 2021 24. Oktober 2021

Das Kunstmuseum Bern, das mit der Sammlung Zwillenberg eine der grössten und hochkarätigsten Gaul-Sammlungen verwahrt, widmet August Gaul (1869–1921), dem Wegbereiter der modernen Tierplastik eine Ausstellung, in der sein Werk erstmals kulturhistorisch verortet wird.

Wir handeln mit Tieren, nehmen sie als Nahrung zu uns, verarbeiten sie zu Kleidungsstücken oder lassen sie als Haustiere teil unserer Familien werden. Die menschliche Kultur und Entwicklung ist ohne Tiere nicht vorstellbar. Eine besondere Zäsur im Mensch-Tier-Verhältnis, die fast alle gesellschaftlichen Bereiche betraf, ereignete sich um 1900: Nutztiere verschwanden aus dem Stadtraum, gleichzeitig zogen Haustiere in bürgerliche Wohnräume ein, die Tierschutz- und Vegetarierbewegungen wurden in Reaktion auf die Industrialisierung der Fleischproduktion und die Einführung des Tierversuchs gegründet. Infolge der Popularisierung der Evolutionstheorie verbreitete sich die Einsicht in die verwandtschaftliche Nähe von Mensch und Tier. Dass sich diese Verwandtschaft nicht nur äusserlich, sondern auch im Hinblick auf "das Seelische", also im Empfinden und Ausdruck von Emotionen wie Trauer, Freude, Wut oder Angst, manifestierte, erhöhte das Interesse am Tier zusätzlich.

Diese verstärkte Auseinandersetzung schlug sich auch in der Kunst nieder. Plötzlich wurde das Tier zum eigenständigen, vollwertigen Motiv jenseits seiner Einbindung in erzählerische oder allegorische Zusammenhänge, wie etwa in der Denkmalplastik.

August Gaul: Vom "Modelleur für die Kunstindustrie" zum "animalier"

1888 war der knapp zwanzigjährige Gaul aus Grossauheim bei Frankfurt nach Berlin gezogen, um dort seine Ausbildung zum Bildhauer abzuschliessen. Bei einer Verlosung an der Kunstgewerbeschule gewann er eine Dauerkarte für den Zoologischen Garten, wo er von nun an jeden Morgen vor den Käfigen der Tiere zeichnete und modellierte. Als er sich 1899 der im Jahr zuvor gegründeten Berliner Secession anschloss, wurde er auf Anhieb zum Publikumsliebling. Während die Darstellung des menschlichen Körpers an künstlerische Traditionen gebunden war, konnte Gaul am Tiermotiv frei mit Abstraktion und Geometrisierung experimentieren, um so der Plastik den Weg in die Moderne zu weisen. Statt spektakuläre Jagd- und Kampfszenen zu schaffen, zeigte er "das Tier an sich", frei von jeder Vereinnahmung durch den Menschen.

Der künstlerische Durchbruch gelang Gaul auf der dritten Ausstellung der Berliner Secession 1901 mit seiner "Grossen stehenden Löwin", einer damals unerhörten Variation auf das Motiv des machtsymbolisch-imperial aufgeladenen männlichen Löwen. Zu den Tierplastiken, insbesondere den sogenannt "exotischen", aus damaligen Kolonialgebieten stammenden Tieren wie Löwen, Straussen, Elefanten, Orang-Utans oder dem Tapir, entwickelte das Publikum ein besonderes, fast zärtliches Verhältnis. Der "Sitzende Junge Löwe" etwa wurde als Dusselchen bekannt. Auch wenn Gaul nicht als "Kolonialkünstler" im engeren Sinne bezeichnet werden kann, sind seine scheinbar autonomen Tierplastiken nicht frei von kolonialem Kontext. "Exotische" Tiere wurden in Zooführern seiner Zeit stolz als Geschenke von Kolonialbeamten und besiegten Widerstandskämpfern ausgewiesen und auf Völkerschauen vorgeführt; Sammler beauftragten Plastiken von Löwen, Elefanten oder Kasuaren (flugunfähiger Laufvogel aus Neuguinea) als Zeichen ihrer globalen Handelsbeziehungen. Vor den Käfigen im Zoo, dessen orientalisierende Stilarchitekturen allein auf die Schaulust des Publikums ausgerichtet waren und keineswegs an den Bedürfnissen der Tiere, kann der Künstler deren vielbeschworene "natürliche Erscheinung" und "charakteristische Existenz" kaum beobachtet haben. Auch wenn Gauls Darstellungen "exotischer" Tiere das propagandistische Pathos zeitgenössischer Kolonialkünstler fehlt, so waren seine Bilder dennoch eingebettet in eine aus heutiger Sicht problematische visuelle Kultur, die das vermeintlich "Wilde" und "Primitive" als Gegenbild konstruierte zum eigenen, das damit als "zivilisiert" und "kultiviert" ausgewiesen werden sollte.

Neben seiner Beschäftigung mit "exotischen" Tieren setzte sich Gaul auch mit domestizierten Tieren auseinander. Diese Auseinandersetzung fällt in den Kontext der Emotionalisierung des Verhältnisses zum Tier als Haustier bei gleichzeitiger Entfremdung von Nutz- und Wildtieren. Traten Rinder, Schafe und Schweine nur mehr als Ware in der Fleischtheke in Erscheinung, wurden für Hunde Stammbücher eingeführt und Erziehungsratgeber verlegt. Tiergeschichten und Tierspielzeug gewannen an Popularität, ebenso wie das um 1900 erfundene Kuscheltier. So finden sich im Gaul’schen Universum neben Löwen und Straussen auch Katze, Hamster und der familieneigene Esel Fritze.

Als "animalier" erhielt Gaul weitaus weniger Anerkennung in der Kunstgeschichte als etwa seine Weggefährten in der Berliner Secession Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Max Slevogt oder Lovis Corinth.

August Gaul. Moderne Tiere
4. Juni bis 24. Oktober 2021
Kuratorin: Katharina Lee Chichester

Kunstmuseum Bern
Hodlerstrasse 8-12
CH - 3000 Bern

W: http://www.kunstmuseumbern.ch/

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  •  4. Juni 2021 24. Oktober 2021 /
August Gaul, Laufender Strauss, 1900, Bronze, Flügelspitzen vergoldet, 41 cm, Kunstmuseum Bern, Leihgabe der Zwillenberg-Stiftung
August Gaul, Laufender Strauss, 1900, Bronze, Flügelspitzen vergoldet, 41 cm, Kunstmuseum Bern, Leihgabe der Zwillenberg-Stiftung
August Gaul, Zwei sitzende Junge Bären, 1903/4, Bronze, 53 x 83 x 30cm © Städtische Museen Hanau, Foto: Uwe Dettmar
August Gaul, Zwei sitzende Junge Bären, 1903/4, Bronze, 53 x 83 x 30cm © Städtische Museen Hanau, Foto: Uwe Dettmar
August Gaul mit Esel Fritze, um 1910 © Städtische Museen Hanau, Foto: unbekannt
August Gaul mit Esel Fritze, um 1910 © Städtische Museen Hanau, Foto: unbekannt
August Gaul bei der Arbeit am "Ruhenden Löwen" für Rudolf Mosse, um 1903 © Städtische Museen Hanau, Foto: Heinrich Zille
August Gaul bei der Arbeit am "Ruhenden Löwen" für Rudolf Mosse, um 1903 © Städtische Museen Hanau, Foto: Heinrich Zille