André Willimanns Malerei ist narrativ, sie bildet Szenerien und Protagonisten ab aus abenteuerlichen, phantastischen Welten. Manche davon begleiten ihn seit seiner Kindheit: Das titelgebende „Bordurien“ ist ein fiktiver Staat aus „Tim und Struppi“, die im Jahre 2025 gewählte Bastion nach Eternia, Cimmera, Outremer. Willimann zeigt in dieser seiner 6. Solo-Ausstellung Werke, die in den letzten drei Jahren in Zürich entstanden sind.
Mit neuer Leichtigkeit
Als hoch-versatiler Maler sieht Willimann Impetus, Prozess und Ergebnis der Werkreihe „Bordurien“ im Kontext einer anzustrebenden Ungezwungenheit. Willimann sammelt Bilder, die ihm gefallen, mit größtem Respekt für die Urheber aber ohne Rücksicht auf Stil, Medium und Zeit. Er kopiert die gesammelten Bilder in mehr oder weniger freier Umsetzung und verwendet für seine Tafelbilder das schnell trocknende Acryl. Der als „Antizykliker“ bekannte Maler, der „in seiner Kunst immer auch Kunstgeschichte betreibt“ (Jörg Scheller) setzt sich auch über kunsthistorische Kategorisierung hinweg. Er ignoriert die Frage nach Kopie und Original, mischt Stilrichtung, Epoche und Gattung. „Bordurien“ umfasst Historienmalerei, Portrait, Landschaft, Comic und Stillleben in religiöser, dekorativer, illustrativer und ideologischer Funktion. “The Sea-Dragons as They Lived“ (1840) von dem Englischen romantischen Maler John Martin findet sich neben post-impressionistischen „Mahana maa 1“ (1892) von Paul Gaugin. Die neuste Arbeit der Sammlung ist Pablo Picassos „Der Flötenspieler“ (1971) – die älteste Arbeit stammt aus dem 15. Jahrhundert aus dem mittelalterlichen Manuskript „Livre de la Vigne de Nostre Seigneur“ von einem unbekannten Maler.
Die andere Wirklichkeit
Fiktive Länder oder Regionen sind Thema aller bisheriger Solo Ausstellungen von André Willimann. Abenteuerliche Universen, auch jene von Hergé und Disney, dienen ihm als „gültige Parallelwelt“. Er bezeichnet sie als seine „ewige Wirklichkeits-Referenz“ und als „hyper-realistisch“. Was bewegt den hervorragenden Maler Abenteuerwelten zu zeichnen, die manche als kindlich einordnen würden? Willimanns Malereien sind materielle Gegenstände, Dinge, die verführen anstatt zu belehren (Byung-Chul Han): Das Kunstwerk als Ding ist kein blosser Träger von Gedanken. Es illustriert nichts, es hat kein klares Konzept, sondern ein unbestimmtes Fieber. Ein Werk bedeutet mehr als alle Bedeutungen die sich ihm entnehmen lassen. Dieser Bedeutungsüberschuss verdankt sich laut Han paradoxerweise aus dem Verzicht auf Bedeutung. Durch ihn widersteht das Werk der Entzauberung der Kunst. Die Bemalung der Ränder verstärkt die Dinghaftigkeit von Willimans Malerei. André Willimann positioniert sich mit seinem künstlerischen Ansatz und Werk in den aktuellen philosophischen Diskurs der Ontologie, der Lehre vom Sein und der Frage nach der Wirklichkeit. Die Arbeiten verführen uns, indem sie im Sinne des deutschen Philosophen Markus Gabriel eigenständige Wirklichkeit eröffnen „Macht ausüben“, uns „kontrollieren“. Wir reagieren durch Kunst auf eine durch Kunst veränderte und geschaffene Wirklichkeit.
Anarchische Fiktionen
Die Idee, dass Kunstwerke eine eigene Art von Realität besitzen ist nicht neu, doch in der Geschichte des Denkens gab es immer implizite Rangordnungen, die auch pseudo-moralische Hierarchien stützen: Materielles über Geistiges, Rationales über Emotionales, Mensch über Tier, Mann über Frau und Realität über Fiktion. Willimanns Aufrufung abenteuerlicher Wirklichkeits-Referenzen hebt dieses Konzept der Hierarchien auf und entspricht einer ontologischen Demokratisierung nach Markus Gabriel. Die ontologische Demokratisierung bricht mit der Idee einer einheitlichen Welt: Diese eine Sicht der Welt - von der so oft gesprochen wird – es gibt sie nicht. Es gibt nur viele Wirklichkeitsbereiche, Gabriel nennt dies „Sinnfelder", in denen die Dinge jeweils erscheinen. Das Sinnfeld der Kultur, der Physik, der Biologie, des Rechts, der Phantasie, der Gefühle … Die Wirklichkeit der Malerei hat nicht bloß Sonderstellung in der Welt, sie ist ein gleichberechtigtes Sinnfeld, indem die Dinge existieren, nicht weniger real als die Atome, aber anders real. Der gefesselte Micky Maus („Mickey Mouse“ (1934) Walt Disney, (2025) André Willimann) existiert auf eine bestimmte Weise, – nicht als Lebewesen der Natur, als Tier aus Fleisch und Blut – sondern als Bedeutungsträger im Sinnfeld der Phantasie.
Arbeiten an der Welt
Moralischer Fortschritt bei Markus Gabriel bedeutet, Sinn zu ermöglichen und zu schützen, also Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen und andere Wesen bedeutsam existieren können. Das heisst auch, immer mehr Sinnfelder zu verstehen und achten zu lernen um die Sinnhaftigkeit der Welt zu erhalten. Sinn ist das, was die Welt zusammenhält und Ethik ist die Kunst, Sinn zu respektieren ohne ihn zu zerstören oder zu vereinnahmen. Die Akzeptanz von gleichberechtigten Bereichen der Wirklichkeit und die Suche nach ihnen unterläuft bisherige Rangordnungen, die einheitliche Sichtweise auf die Welt, wie sie im Physikalismus, Neurozentrismus, moralischer Nihilismus, Faschismus oder Techno-Feudalismus gegeben sind. Das Erschaffen von Kunst ist subversiv, ein Flirt mit dem Unbekannten und somit auch mit der Paranoia derjeniger, die Veränderung fürchten.
André Willimanns archaische und anarchische Fiktionen, die monströsen und paradiesischen Welten von „Bordurien“ ermöglichen dem Betrachter, in neue Sinnfelder einzutauchen. Sie schulen uns im Hinterfragen von Glaubenssätzen und in der sinnlichen Wahrnehmung neuer Wirklichkeit. Jedes Werk vergrössert unsere Realität, die Welt ist noch nicht erschaffen.
Amrei Wittwer, Nov 2025
André Willimann: Bordurien
10.01.2026 - 24.01.2026
CH 8008 Zürich