„Fünf Positionen“ beschließen die besondere Ausstellungsreihe „Auf Einladung“ Vorarlberger Künstler:innen im Quadrart, Dornbirn.
Für die letzte Ausgabe wurde Siegrun Appelt eingeladen diese Ausstellung zu kuratieren und dafür Kolleginnen und Kollegen mit Wurzeln in Vorarlberg zusammenzubringen. In der Schau begegnen sich erstmals im gemeinsamen Dialog die fünf Vorarlberger Künstler:innen: Veronika Breuer, Sarah Schlatter, Liddy Scheffknecht, Emmanuel Troy und Siegrun Appelt.
Die Ausstellung stellt die unterschiedlichen Handschriften der beteiligten Künstler:innen vor und macht zugleich die Vielfalt künstlerischer Positionen, die heute in Vorarlberg aktiv sind, sichtbar. Die kuratorische Konzeption von Siegrun Appelt verbindet die einzelnen Arbeiten außerdem zu einem gemeinsamen Raum, in dem sie miteinander in Dialog treten. Dadurch entstehen ganz neue inhaltliche Bezüge. Die in Wien lebende und arbeitende Künstlerin Siegrun Appelt (geb. 1965 in Bludenz) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den grundlegenden Bedingungen unserer Wahrnehmung. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Licht, Zeit, Raum und Bewegung – Elemente, die sie nicht als selbstverständliche Gegebenheiten versteht, sondern als sensible, formbare Größen. Appelt nutzt verschiedene Medien wie Fotografie, Video, Sound oder Licht, um die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was im Alltag oft übersehen wird: die feinen Übergänge zwischen Helligkeit und Dunkelheit, die Langsamkeit von Veränderungen sowie die Beziehung zwischen Mensch, gebauter Umgebung, Natur und Atmosphäre.
Mit dem Projekt „Slow Light” zeigte sie, dass Kunst sowohl ästhetische als auch ökologische Relevanz entfalten kann. Ihre Slow-Light-Installationen betonen nicht das Spektakel, sondern den Wert der Reduktion – ein Plädoyer für bewusste Wahrnehmung und einen verantwortungsvollen Umgang mit künstlicher Beleuchtung. Auch in ihren Fotografien wird Zeit sichtbar: Bewegungen, Unschärfen und subtile Verschiebungen werden zu poetischen Kommentaren über Vergänglichkeit und Intensität.
Appelts Werk öffnet Räume für Wahrnehmungserfahrungen, die entschleunigen und sensibilisieren. Es fordert dazu auf, genauer hinzusehen, Licht wieder als elementaren Bestandteil unserer Umwelt wahrzunehmen und die eigene Position im Raum neu zu überdenken. Damit zählt sie zu den Künstlerinnen, die die Diskussion über Lichtkultur, Nachhaltigkeit und die Gestaltung des öffentlichen Raums maßgeblich prägen.
Die Arbeit der in Budapest lebenden Künstlerin Veronika Breuer (* 2000 in Bregenz) bewegt sich zwischen Fotografie, Installation und materieller Bildforschung. Ihre österreichisch-ungarische Herkunft, in der sie zweisprachig aufwuchs, prägte ihr künstlerisches Denken ebenso wie ihre besondere Aufmerksamkeit für Erinnerung, Identität und die Feinheit von Wahrnehmung. Breuer arbeitet überwiegend analog und nutzt handwerkliche, oft naturbezogene Materialien wie Papiere, Leinen, Hanf, Ton oder Wachs, die sie mit fotografischen Bildern verbindet. Dadurch entstehen Werke, die nicht als klassische Fotografien erscheinen, sondern als fragile, atmosphärische Bildobjekte, deren Oberfläche und Substanz genauso wichtig sind wie das Motiv selbst. Dunkle, erdige oder tief gesättigte Farbtöne verleihen ihren Bildern eine organische, fast körperliche Präsenz, während Projektionen, Überlagerungen oder transparente Stoffe ihren Arbeiten eine gewisse Flüchtigkeit und poetische Offenheit geben.
In ihren Installationen lässt Breuer Bilder nicht einfach „stehen“, sondern wirken, verschwinden und sich verändern, sodass Erinnerung, Zeit und Wahrnehmung ineinander übergehen. So auch in der neuen Serie „Burning Dreams“, in der es um aufgeschriebene Träume geht, die sie aufgeschrieben und anschließend verbrannt hat. Die verbrannten Papiere sind schließlich die kleinen Objekte.
Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt, unter anderem im FOMU Antwerpen, wo sie als vielversprechende junge fotografische Position hervorgehoben wurde. Charakteristisch für Breuers Werk ist die besondere Sensibilität, mit der sie den Raum zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Material und Bild sowie zwischen Erinnerung und Gegenwart auslotet. Ihre Kunst berührt, weil sie nicht nur zeigt, sondern auch erfahrbar macht. Sie öffnet Räume, in denen man Textur, Licht, Atmosphäre und Zeit beinahe körperlich spürt.
Die in Vorarlberg geborene und heute in Berlin und Vorarlberg lebende Künstlerin Sarah Schlatter (* 1983 in Feldkirch) verbindet Fotografie, Grafik, Film, Audio und raumbezogene Interventionen mit intensiver Recherche in Archiven und Stadträumen, um Bilder von Zeitgeschichte und sozialer Realität neu zu verhandeln. In ihren Projekten hinterfragt Schlatter, wie wir Zeit, Erinnerung und Raum konstruieren – sei es durch persönliche Aufzeichnungen, historische Nachlässe oder dokumentarische Spuren in von Städten geprägten Landschaften. Ihre Arbeiten verstehen sich nicht als reine Dokumentation, sondern als poetisch-politische Intervention, die bestehende Narrative aufbricht und vielschichtige Perspektiven eröffnet.
Beispielhaft sei ihre Ausstellung „Etwa schreiben” genannt: Dafür nutzte sie alte Tagebücher, Taschenkalender und Manuskripte aus Frauennachlässen, die sie in Bilder und Installationen verwandelte, in denen Schrift, Erinnerung und Materialität miteinander verschmelzen – Schreiben wird zum Bild, Subjektivität zum kollektiven Gedächtnis. Ein anderes wichtiges Projekt ist „Anschlüsse” (gemeinsam mit Jakob Weingartner), bei dem Schlatter Archivmaterial, dokumentarisches und inszeniertes Filmmaterial sowie zeitgeschichtliche Ereignisse miteinander in Beziehung setzte – mit dem Ziel, Geschichte(n) nicht einfach abzubilden, sondern kritisch zu hinterfragen. Sarah Schlatters Arbeit kreist um Erinnerung, Raum und Verantwortung – sie zeigt, dass Kunst nicht nur Ästhetik sein kann, sondern auch ein Mittel ist, um gesellschaftliche Brüche und stille Geschichte sichtbar zu machen.
Liddy Scheffknecht (geb. 1980 in Dornbirn) lebt und arbeitet in Wien. In ihren Schaffen verbindet sie Fotografie, Video, Projektion, Installation und Skulptur zu präzise komponierten Arbeiten, die sich mit Zeit, Wahrnehmung und Raum beschäftigen. Zentral ist dabei oft das Spiel zwischen Stillstand und Bewegung. Ein Foto bleibt zwar statisch, wird aber durch Licht, Schatten oder Projektionen erweitert und wirkt dadurch lebendig.
Ein prägnantes Beispiel dafür ist ihre Werkserie „Sciography“ (2016), in der Licht und Schatten zu zentralen Gestaltungsmitteln werden. Fotografien und Projektionen greifen ineinander und erzeugen ein irritierendes Wechselspiel, das Wahrnehmungsmuster hinterfragt. Auch in der Serie „Ceci n’est pas une plante“ (2014) untersucht Scheffknecht die Beziehung zwischen Abbild und Wirklichkeit. Obwohl auf den ersten Blick einfache Pflanzenfotografien zu sehen sind, verweist der Titel darauf, dass jedes Bild zugleich Distanz zur Realität schafft und Bedeutungen verschiebt.
Ein jüngeres Werk, das besonders stark räumlich und gesellschaftlich denkt, ist die Installation „Living Room (Closing)” (2025). Hier hat Scheffknecht ein pop-upartiges Wohnzimmer aus Karton erschaffen, das im Moment des Zusammenklappens festgehalten ist. Das fragile Objekt wird zum Sinnbild für den Wandel unserer Medienkultur: Das klassische Wohnzimmer als Zentrum gemeinsamer Fernsehnutzung löst sich auf, während digitale Geräte und mobile Medien den Alltag dominieren.
Gemeinsam zeigen diese Werke, wie Scheffknecht mit minimalen, oft poetischen Mitteln große Themen verhandelt. Ob in fotografischen Serien oder raumgreifenden Installationen – immer geht es um die Frage, wie wir die Welt wahrnehmen, wie Zeit sichtbar wird und wie sich Räume verändern oder neu denken lassen.
Der aus Egg im Bregenzerwald stammende Maler Emmanuel Troy (* 1993) setzt sich in seiner Arbeit intensiv mit der Tradition der Moderne auseinander und übersetzt deren Bildwelten in eine zeitgenössische malerische Sprache. Ausgangspunkt sind häufig kunsthistorische Referenzen, beispielsweise Gemälde von Arnold Böcklin, die Troy nicht zitiert, sondern interpretierend transformiert. Motive werden fragmentiert, verfremdet und in neue Farbräume überführt, sodass Erinnerung, Gegenwart und Erfindung im Bild zugleich präsent sind.
Seine Malerei bewegt sich zwischen Figuration und Auflösung. Körper, Landschaften oder mythologische Anspielungen erscheinen als fragile Bildreste, die sich aus der Farbe herausentwickeln und sich wieder zurückziehen. Damit knüpft Troy an zentrale Fragen der Moderne an, nämlich das Spannungsverhältnis von Bild und Bedeutung, von Innerlichkeit und Form.
Troy versteht Malerei als offenen Prozess. Die bewusste Unschärfe seiner Bilder verweigert eindeutige Lesarten und lädt zur aktiven Wahrnehmung ein. In dieser Verbindung von kunsthistorischer Reflexion und subjektiver Bildfindung entsteht eine Malerei, die Tradition nicht bewahrt, sondern neu befragt. (© Erhard Witzel, 2026)
Auf Einladung #15 – „Fünf Positionen“
24. Jänner 2026 bis 29. März 2026
Kuratorin: Siegrun Appelt, Wien/Feldkirch
Mit Kunst von: Veronika Breuer, Sarah Schlatter, Liddy Schenknecht, Emmanuel Troy und Siegrun Appelt
Vernissage: Samstag, 24. Januar 2026, 17:00 bis 19:00 Uhr
Finissage: Sonntag, 29. März 2026, 11:00 Uhr – Künstler:innenführung
Öffnungszeiten: geöffnet bis 4. März: Do bis Sa, 16:00 bis 18:00 Uhr; danach bis 29. März: jederzeit nach Vereinbarung