Auf der Suche nach Kafkas Lippenstift

Eines vorweg: UMSCHREIBUNG ist ein wirklich schön gemachtes Büchlein. Hardcover, handliches Format, die Farbe Lila diffizil eingesetzt – bis zur Seitennummerierung. Man will es nicht mehr aus der Hand geben. Freilich auch weil Bastian Schneider die Gabe hat, Spannung zu halten, egal wie abstrus sich die Geschehnisse verzweigen, überlagern, auflösen.

Emil Nerz ist ein Detektiv der Texte aufspürt. Er wird beauftragt zum 100. Todestag von Franz Kafka einen bislang unbekannten Text zu finden, der angeblich mit Kafkas Lippenstift zu tun hat. Bei der Recherche haftet sich unvermittelt und in einer parallel erlebten Welt die weibliche Kafka an. Sie ist eine Figur aus einem Computerspiel, dem Kosmos der Manga-Literatur, eine Stellaron-Jägerin mit Schwert, Laserspinnennetz und violetten Haaren, unter @asbestefreunde92 kontaktierbar und aktiv in der KI, der Kafka Incorporated.

Nerz’ Spur führt nach Buenos Aires, wo ihn ein geheimnisvoller Mittelsmann in die Abgründe der argentinischen Nationalbibliothek einweiht. Hier scannt der Bookreed 2000 sukzessive alle Bücher ein, diese kommen danach aber nicht mehr in die Regale, sondern enden per Algorithmus dann als Konfetti (mit dem Buch-Deckblatt als Unikat im Shop zu kaufen) oder als Feuer (Energiequelle des Bookreed). Oder doch alles ganz anders?
Raum und Zeit lösen sich auf, Personen verschwinden und sind präsent, ein Jahr ist unbemerkt vergangen, und doch holt die Realität Emil Nerz ein, wenn er die Hotelrechnung samt Mahnspesen dafür bezahlen muss, wenn der Auftraggeber die Rückzahlung des satten Vorschusses immer wieder urgiert hat und jetzt im Netz die Todesanzeige steht. Es ist schon der 101. Todestag von Franz Kafka, wenn er aus dem Fenster seines Hotelzimmers schaut und eine völlig neue Welt beobachtet: „Hie und da führte tatsächlich jemand eine Schildkröte spazieren. Niemand rannte, hetzte oder hastete. Alle schlenderten, grüßten sich und lachten mit offenen Gesichtern in den Tag, als wäre das ihre einzige Aufgabe.“

Unaufhaltsam steuert die Handlung auf die Große Umschreibung zu, mit der die Welt zu einem besseren Ort wird. „Die Große Umschreibung verspricht nämlich nichts Geringeres als ein Leben in Wohlstand und Frieden für alle Menschen und fordert lediglich eins – die Preisgabe des freien Willens, zugunsten der harmonischen Vergesellschaftung aller“, verrät der Verlagstext. Fanfiction, Literatur, Science-Fiction, Dystopie. Und ein bisschen Murakami. Aufmerksam folgend nimmt man dem Autor die „scheinbaren Dokumente und echten Fakes“ allesamt ab, hat sich darauf vorbehaltlos eingelassen. Ein Satz aus Kafkas Tagebuch bleibt hängen: „Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam“ …

Suchen die Lesenden nach Aufklärung, so hilft eventuell der Nachsatz im Buch auf Lila: „Bastian Schneider arbeitet seit Jahren unermüdlich an der vollständigen Großen Umschreibung der Welt im Kleinen, wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, verschwunden zu sein (siehe Das Loch in der Innentasche meines Mantels) und gesucht zu werden – oder vielleicht dann erst recht“. Und das Versprechen: „Seine Bücher sind als Einladung zu verstehen, sich dieser Mammutaufgabe durchs Lesen zu verschreiben.“

Bastian Schneider, 1981 in Siegen geboren. Studium der deutschen und französischen Literatur in Marburg und Paris; Studium der Sprachkunst in Wien. Dieter-Wellershoff-Stipendium 2019, Dresdner Lyrikpreis 2018, Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW 2018, Förderpreis des Landes NRW 2017, Stipendiat des Atelier Galata der Stadt Köln in Istanbul 2017, Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium 2016, nominiert für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2016. Er lebt in Köln und Wien.

Bastian Schneider | UMSCHREIBUNG
132 Seiten,12 x 19 cm, gebunden 
Sonderzahl, Wien 2026
ISBN 978-3-85449-696-0