Auf den Spuren von Pina Bausch in Wuppertal

Diesmal sollte mein Köln-Besuch mit einer Aufführung im Pina Bausch Tanztheater Wuppertal bereichert werden. Frühmorgens machte ich mich also auf den Weg zur Erkundung einer weiteren „verletzten“ deutschen Stadt. Eigentlich von zwei, denn die Großstädte Elberfeld und Barmen wurden 1929 zu Wuppertal vereinigt. Dieser Name ist der Topografie und der Wupper geschuldet, die sich zwanzig Kilometer lang durch das Stadtgebiet schlängelt.

Der Hauptbahnhof im Stadtteil Elberfeld hat die Angriffe der Alliierten Großteils überstanden und wurde in den 2010er Jahren umfassend und recht engagiert umgestaltet. Es breitet sich nun eine durchgängige Fußgängerzone zur Innenstadt aus, dafür verlegte man sogar die Bundesstraße vor dem Bahnhof in einen Tunnel. Das herausragende Wahrzeichen von Wuppertal ist die Schwebebahn, die älteste, seit 1901 immer noch in Betrieb befindliche und mit über 13 km Streckenlänge eine der längsten Hängebahnen der Welt. Legendär ist die Geschichte des Elefantenkinds Tuffi, das 1950 einen Sprung aus der Schwebebahn in die Wupper überlebte. Der Zirkusdirektor Franz Althoff war immer schon originell bei seinen PR-Maßnahmen, so fuhr die kleine Elefantin bereits Straßenbahn, besuchte in Oberhausen den Oberbürgermeister im zweiten Stock des Rathauses, aß dort einen Blumenstrauß und urinierte auf den Perserteppich, und machte in Duisburg eine Hafenrundfahrt. Entsprechend groß war das Medieninteresse bei der Ankündigung, dass Tuffi im Waggon der Schwebebahn einsteigen würde. Das Gedränge und das Quietschen der Bahn versetzte das Tier jedoch in Panik, Tuffi schuf sich Platz, wollte sich umdrehen, durchbrach dabei die Seitenwand der Gondel und stürzte in den Fluss. 

Wie es heute in den Zentren Elberfeld und Barmen aussieht, ist das Ergebnis von Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und der Bauplanungen der 1950er Jahre, mit schnell errichteten funktionalen, schnörkellosen Gebäuden und breiten Straßenzügen für den wachsenden Individualverkehr.  Pläne, auch das stark beschädigte Schwebebahngerüst abzureißen, wurden aber zum Glück schnell verworfen. Ich habe etwas anderes erwartet, bin ratlos, steuere strategisch einfach mal das städtische Von der Heydt-Museum an, das eine exzellente Sammlung mit Kunst vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart beinhaltet, die vor allem privaten Schenkungen der Wuppertaler Industrie im 19./20. Jahrhunderts zu verdanken ist. Ein guter Einstieg.

Und dann der Glücksfall: Ums Eck hat das Stadtplanungsamt ein Baustellen-Info-Büro eingerichtet, um die aktuellen Arbeiten der Wuppertaler Stadtwerke zu vermitteln: Ich erfahre, dass man im Zuge der Grabungsarbeiten neben den City-Arkaden die Mauern der mittelalterlichen Wasserburg entdeckte; dass die sehr eng mit Fachwerkhäusern bebauten Ufer der Wupper zwar Großteils zerstört wurden, was dagegen die ausgedehnten gründerzeitlichen Stadtviertel entlang der rheinischen Bahnlinie im Norden kaum betraf; und dass die atmosphärische, sogenannte Wuppertaler Altstadt rund um den Laurentiusplatz zu finden wäre. Dorthin ging ich dann auch, doch nicht ohne vorher im Weltcafé – integriert in der reformierten Kirche mit den „ältesten Steinen des Wuppertals“, der erhaltenen, mit Beton versiegelten(!) Apsis aus 1230 – vorbeizuschauen.

Stilgerecht mit der Schwebebahn geht es am Nachmittag nach Barmen. Die Stadterkundungstour ist freudlos, die Fußgängerzone gespickt mit Diskontläden, immerhin wartet mittendrin Tuffi aus Bronze. Mein Ziel ist ohnehin das Opernhaus. Der 1905 als Stadttheater Barmen errichtete Theaterbau wurde nach dem Zweiten Weltkrieg im Stil der 1950er Jahre renoviert, in den 1970er Jahren erweitert und 2009 grundsaniert. Das Gebäude voller schöner Details – vom Treppenhaus, über Foyer und Saal, bis zu den Türgriffen – steht zurecht unter Denkmalschutz. 

Doch nun zum Highlight und Grund meiner Wuppertal-Erkundung: Die beiden Klassiker „Café Müller“ und „Das Frühlingsopfer“ standen am Programm. Werke von Pina Bausch altern auch nach fünfzig Jahren nicht. „Café Müller“, ein intimes Kammerspiel, traumwandlerisch, zur Musik von Henry Purcell, die Kaffeehausstühle stürzen um, werden zur Seite geräumt, Berühren, Umarmen, Vortasten … emotional, berührend, verstörend, die Zuschauerblicke bannend (siehe auch ImpulsTanz Festival).

Während der Pause wird Torf bei offenem Vorhang meditativ und flächendeckend ausgebracht. „Das Frühlingsopfer“ ist ein Meilenstein des zeitgenössischen Tanzes und Pina Bauschs letzte, im engeren Sinne durchchoreografierte Arbeit aus dem Jahr 1975. Das Stück zu Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ thematisiert das heidnische Ritual der Opferung einer Auserwählten, um den Frühling zu begrüßen, es geht um Fruchtbarkeit, Opfer und den Kreislauf von Leben und Tod. Atemberaubend. Standing Ovations.