16. Juli 2020 - 10:06 / Felix Kalaivanan / Film 

Nach über 70 Filmen und fast 60 Jahren Arbeitserfahrung veröffentlichte der 1942 in München geborene Regisseur Werner Herzog sein neustes Werk "Family Romance, LLC" exklusiv Online auf der Video-on-Demand-Plattform Mubi. Unter Mubi.com sind jeden Monat 30 Filme zu sehen, der Fokus liegt auf Genre- und Arthouse-Kino und das besondere ist die Vergänglichkeit: Nach 30 Tagen verschwinden die Filme von der Internetseite, um neuen Streifen Platz zu machen.

"Family Romance, LLC", der seine Weltpremiere im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes abseits des Wettbewerbs feierte und seither bei kleineren Festivals zu sehen war, ist damit ein weiteres Opfer der Corona-Krise. Der Umzug ins Digitale ist jedoch äußerst passend, erzählt der Film doch von der Sucht und Suche nach Illusionen im 21. Jahrhundert.

Ausgehend von einem realen Vorbild, folgt Herzog einem Unternehmer in Tokio, dessen titelgebende Firma "Family Romance, LLC" SchauspielerInnen vermietet, die Familienangehörige mimen.

Gedreht innert zwei Wochen mit wenig Budget vermischen sich dokumentarische Aufnahmen der japanischen Großstadt mit Spielszenen. Die SchauspielerInnen, laut Herzog großteils Laiendarsteller, folgen keinem fixen Drehbuch, sondern nur groben inhaltlichen Vorgaben. Gefilmt wurde mit kleiner Handkamera ohne Drehgenehmigung, der Regisseur führte die Kamera selbst und verzichtete auf eine Simultanübersetzung während des Drehs, vertraute stattdessen auf sein Gefühl aus jahrzehntelanger Erfahrung.

Erinnerungen an Herzogs Frühwerk werden wach und der Sog entsteht mehr aus der Abfolge kleiner, in sich geschlossener Momenten als aus einer präzis erzählten Handlung. Wenn Herzog seine fiktiven Figuren in realen Orten aufeinanderprallen lässt, entstehen teils unplanbare Szenen voller Schönheit und Absurdität:

Ein Bahnangestellter, der durch einen Fehler zu wenigen Sekunden Verspätung der eng getakteten Monorail beigetragen hat, mietet einen Schauspieler, der die Schuld und den Tadel des Vorgesetzten auf sich nehmen soll. Eine alleinstehende Frau engagiert einen Mann, der sich der Tochter als verschollener Vater vorstellen soll. Eine Lottogewinnerin lässt den Moment der Preisübergabe immer wieder nachstellen, um den glücklichsten Moment ihres Lebens erneut erleben zu können.

Der oben erwähnte Miet-Vater dient als Hauptfigur der Erzählung. Als er ein Hotel besucht, in dem Roboter die Gäste empfangen, keimen Zweifel in dem Schauspieler. Beim Anblick der mechanischen Kois im Aquarium stellt er sich die Frage, wie viel Illusion verträglich ist. Hier muten die improvisierten Dialoge künstlich an, erinnern aber auch an die Nonsens-Poesie, welche Herzog schon seinen Figuren in frühen Filmen wie "Stroszek", "Aguirre" oder "Auch Zwerge haben klein angefangen" in den Mund gelegt hat. Die hölzerne Sprache liegt vielleicht auch an der Übersetzung aus dem Japanischen, Mubi zeigt den Film im Orginalton mit Untertiteln.

"Film ist nicht Analyse, sondern Agitation des Geistes, das Kino kommt nicht aus der Kunst und der Akademie, sondern vom Rummel und dem Zirkus", so der Regisseur in gewohntem Pathos über seine Arbeitsweise. Und mit Werner Herzog geht man gerne auf den Rummel, erfreut sich der dortigen Sensationen, wagt gar einen Blick ins Spiegelkabinett, wohl wissend, dass man dort am Ende doch nur dem verzerrten Selbst gegenüberstehen wird.



Mit der kleinen Handkamera gefilmte Poesie (Bild: Screenshot)
Mit der kleinen Handkamera gefilmte Poesie (Bild: Screenshot)
Tokios Kirschbäume aus der Vogelperspektive (Bild: Screenshot)
Tokios Kirschbäume aus der Vogelperspektive (Bild: Screenshot)
Oft bedient sich der Film halb-dokumentarischem  Materials (Bild: Screenshot)
Oft bedient sich der Film halb-dokumentarischem Materials (Bild: Screenshot)
Nur scheinbar Vater und Tochter: Der Mann ist Mitarbeiter der Family Romance, LLC (Bild: Screenshot)
Nur scheinbar Vater und Tochter: Der Mann ist Mitarbeiter der Family Romance, LLC (Bild: Screenshot)
Regisseur Werner Herzog im Interview (zu sehen auf mubi.com)
Regisseur Werner Herzog im Interview (zu sehen auf mubi.com)