Die Gruppenausstellung im Kunstraum Niederösterreich in Wien versammelt sieben künstlerische Positionen, die das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion in Zeiten von Slopaganda, Deepfakes und Trumpismus beleuchten.
Algorithmen haben bekanntlich ein flexibles Verhältnis zur Wahrheit. Ob eine Aussage wahr oder unwahr ist, spielt für sie keine Rolle. Entscheidend ist, was die Aufmerksamkeit der User:innen fesselt. Nicht ohne Grund ist der Populismus digital so erfolgreich. Belohnt werden algorithmisch Inhalte, die polarisieren, Ängste triggern, Fakten infrage stellen oder gezielt eigene „alternative Fakten“ schaffen – von Fake News über Migration bis zur Leugnung der Klimakrise. Was zählt, ist der Effekt. Und der muss vor allem eines sein: „engaging”.
Um diese Verwandlung von Kommunikation in Spektakel besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Welt des Wrestlings. In ihrem 2023 erschienenen Buch „Ringmaster“ über den US-Wrestling-Tycoon (und Trump-Intimus) Vince McMahon beschreibt die Publizistin Abraham Josephine Riesman den Showkampfsport als gewaltige Irrealisierungsmaschine. Im Wrestling, so Riesman, werden die Grenzen zwischen Realität und Fiktion systematisch verwischt. Dies gehe so weit, dass mitunter nicht einmal die Wrestler:innen sicher wissen, was real ist und was nicht. Vom Publikum ganz zu schweigen. Die Zuschauer:innen lernen demnach, ihr Bewusstsein flexibel den Wendungen des Skripts anzupassen und mal dieses und mal jenes als Wirklichkeit zu akzeptieren – ungeachtet von Logik, Wahrscheinlichkeit oder Sinn. Realität als Mindset-Frage – diesem Kalkül folgen auch die digitalen Wirklichkeitsangebote, die täglich unsere Newsfeeds fluten. Hier wie im Wrestling gilt: Wahr ist, was gefällt. Attitude ist alles.
Politik und Showkampf, Fakt und Fake, Manipulation und Dissoziation – zwischen diesen Koordinaten bewegt sich die von Frederike Sperling und Pia Wamsler kuratierte Gruppenausstellung „Attitude Era”. Sieben künstlerische Positionen beleuchten darin das Verhältnis von Realität und Fiktion in Zeiten von Slopaganda, Deepfakes und Trumpismus. Sperling und Wamsler sagen dazu: „‚Attitude Era‘ widmet sich Formen der konstruierten Realitätsverschiebung und erkundet Momente, in denen Zweifel, Fragilität und Humor als Werkzeuge dienen, um die Gegenwart zu durchdringen.“
Im Rahmen der Ausstellung veröffentlicht der Kunstraum eine Podcast-Folge mit der Künstlerin und Autorin Patricia Reed, die auf dem Vortrag „Planetarische Hoffnung als Noch-Nicht-Realismus” basiert. Diesen hat Reed auf dem diesjährigen Donaufestival in Krems gehalten. Die Podcast-Folge ist eine Kooperation zwischen dem Kunstraum Niederösterreich und dem Donaufestival.
Das Vermittlungsprogramm zu „Attitude Era” bietet eine Auswahl an Workshops und (interaktiven) Führungen, darunter auch zwei Termine im Rahmen der Reihe „Through the Lens of …”, bei der Expert:innen aus unterschiedlichen Wissensgebieten durch die Ausstellungen des Kunstraums führen. Im Rahmen von „Attitude Era“ sind der Wrestling-Dragking Eric BigClit und die politische Bildnerin Stefanie Fridrik zu Gast. Daneben beinhaltet das Programm auch Formate für geschlossene Gruppen, wie eine mehrteilige interaktive Führungsreihe exklusiv für Schulklassen, die der Kunstraum in Kooperation mit dem Demokratiezentrum Wien anbietet. Das Workshop-Format „Body-Talks” findet erneut im Rahmen der Initiative „Culture Connected” des Bundesministeriums für Bildung statt. Damit setzt der Kunstraum seine im April 2026 begonnene Zusammenarbeit mit dem Bertha-von-Suttner-Schulschiff fort. Die Workshop-Leitung übernimmt diesmal die Stimm-, Tanz- und Performancekünstlerin Veza Fernández.
Mit Alice Bucknell, Chun, Zuzanna Czebatul, Andrea Ferrero, Kiki Furlan, Ndayé Kouagou und Toxic Thekla.
Attitude Era
Mi., 03.06.–Sa., 25.07.2026
Eröffnung: Di., 02.06.2026, 19 Uhr
Kuratorinnen: Frederike Sperling und Pia Wamsler