Wie kann die Erde ein lebenswerter Ort für Menschen, Tiere und Pflanzen werden? Und welche aktive Rolle kann Kunst in Zeiten globaler Polykrisen dabei spielen? Die Ausstellung „Assembling Grounds. Praktiken der Koexistenz“ im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe bringt Künstler:innen aus Indien, Sri Lanka, Frankreich und Deutschland zusammen. Ihre Werke machen ökologische, soziale und kulturelle Herausforderungen sichtbar und geben konkrete sowie poetische Perspektiven auf neue Formen des Zusammenlebens. „Assembling Grounds“ ist Teil der dynamischen Ausstellungsplattform „Fellow Travellers“, auf der seit September 2024 wechselnde Projekte aus der ganzen Welt präsentiert werden. Die Ausstellung soll dazu anregen, die Welt durch Kunst umzugestalten.
Sie entstand aus dem internationalen Austausch im Rahmen der ZKM-Reiseausstellung Critical Zones. „In Search of a Common Ground“, die von 2022 bis 2024 in Indien und Sri Lanka gezeigt wurde. Diese Reiseausstellung wurde vom ZKM in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut/Max Mueller Bhavan Mumbai und mit Unterstützung des Netzwerks der Goethe-Institute Südasien vorbereitet und realisiert – eine inspirierende Kollaboration, die sich mit „Assembling Grounds“ fortsetzt. Aus dem Austausch mit lokalen Gemeinschaften und künstlerischen Netzwerken gingen zahlreiche Neuproduktionen hervor, die nun in Karlsruhe präsentiert werden. Die Positionen befassen sich mit ökologischer Gerechtigkeit, einem Systemwandel unserer Gesellschaft und möglichen Formen planetarer Koexistenz.
Zentrale Fragen der Ausstellung betreffen die Relevanz gefährdeter lokaler Wissensformen, den kulturellen Widerstand gegen dominante Fortschrittsnarrative und die Suche nach nachhaltigen Lebensweisen jenseits linearer Modernitätsbegriffe. Dabei wird Kunst zum Werkzeug des Erhalts, der Vermittlung und der Transformation von Wissen. Viele der Arbeiten stellen Mikrogeschichten in den Mittelpunkt, die sich großen gesellschaftlichen Fragen aus ungewöhnlichen, kontextgebundenen Perspektiven annähern.
„Assembling Grounds” ist Teil der Ausstellungsplattform „Fellow Travellers”, die Kunst als aktiven sozialen und politischen Akteur versteht. Die gezeigten Werke hinterfragen dominante Paradigmen von Entwicklung, Technologie und Wissensformen und setzen ihnen alternative Erzählungen entgegen, die vielfach in traditionellen Kulturtechniken, indigenem Wissen und ökologischen Praktiken verwurzelt sind.
Der Permakulturpraktiker und Künstler Abhijit Patil thematisiert in seinem Werk beispielsweise die politische Dimension von Saatgut und die Dringlichkeit aktiver menschlicher Handlung zum Erhalt der Waldökosysteme. Er sagt: „Die Installation lädt die Besucher:innen dazu ein, darüber nachzudenken, dass Erhaltung – um wirklich bedeutungsvoll zu sein – das Leben in all seiner Komplexität einbeziehen muss. Nicht als etwas, das isoliert aufbewahrt oder geschützt wird, sondern als etwas, das aktiv gepflegt, geteilt und im Kontext unserer sich ständig wandelnden Umwelt fortlaufend neu definiert werden muss.“ – Abhijit Patil über die Installation „Life doesn't grow in banks“.
Weitere Künstler:innen und ihre Projekte in der Ausstellung:
- Parag Tandel und Kadambari Koli-Tandel dokumentieren wertvolles Wissen in Form von Geschichten, Rezepten und Traditionen der Koli-Fischerei-Gemeinschaft in Mumbai.
- Nilanjan Bhattacharya und Mallika Das Sutar kontrastieren in ihren jeweiligen Arbeiten urbane und ländliche Perspektiven auf Ernährung in Bengalen.
- Ishita Chakraborty verbindet in einer Klangskulptur Aufnahmen aus dem indischen Sundarbans und dem Amazonas-Regenwald. Dadurch werden die Verflechtungen von Klimawandel und kolonialer Geschichte hörbar.
- Hema Shironi erzählt in Textilien und Anuja Dasgupta in ihren Papierarbeiten von der Möglichkeit, Land, Heimat und Umwelt in Sri Lanka und Nordindien neu zu denken.
- Maksud Ali Mondal beschäftigt sich mit den Lebensweisen von Termiten, Bienen und Ameisen als Inspiration für nachhaltige Architektur und Ernährung.
- Stéphane Verlet-Bottéro, Oliver-Selim Boualam und das Kollektiv Katzenwedelwiese entwickeln auf einer Streuobstwiese in Karlsruhe Objekte aus lokalen Materialien und erproben damit neue ökonomische Kreisläufe.
Die künstlerischen Projekte verweben sich zu vielstimmigen Erzählungen, die einer sich verändernden Welt weit mehr entsprechen als ein einzelnes, übergreifendes Narrativ. Einige der eingeladenen Künstler:innen werden ihre Werke in Residencies vor Beginn der Ausstellung in Karlsruhe schaffen, um den lokalen Kontext einbeziehen zu können. Es sollen Freiräume für ein neues Denken entstehen, die Raum für kontextabhängigen Dialog schaffen.
„Assembling Grounds. Praktiken der Koexistenz“
26. Juli bis 31. Mai 2026