Asmik Grigorian in Eugen Onegin an der Wiener Staatsoper

Tschaikowski wollte seine „Lyrischen Szenen in drei Akten“ eigentlich mit Tatjana Larina titulieren, und wenn Asmik Grigorian die Hauptrolle singt, spielt – nein, Tatjana ist, überstrahlt sie die gesamte Aufführung. Doch auch über die zwanzig Jahre alte Inszenierung von Dimitri Tscherniakov und den gefragtesten Dirigenten seiner Generation, Timur Zangiev, gibt es Interessantes zu berichten.

Eugen Onegin ist die bekannteste und international meistgespielte Oper des russischen Komponisten, und das durch seine Werkbezeichnung assoziierte musikalische Schlüsselwort sei wohl „Intimität“. 1892 hätte Tschaikowski die Erstaufführung in Hamburg dirigieren sollen – doch sagte kurzfristig ab. Ein junger, vielversprechender Dirigent sprang ein, nämlich Gustav Mahler, damals 1. Kapellmeister ebendort. Jung ist auch der musikalische Leiter an der Wiener Staatsoper, Timur Zangiev (geb. 1994 in Moskau). Im Alter von drei Jahren begann das Wunderkind mit dem Musikstudium und dirigierte bereits mit sieben erstmals das Symphonieorchester der Philharmonie in Wladikawkas. 30-jährig blickt er bereits auf mehr als fünfzig Opernproduktionen in der ganzen Welt zurück. Im April 2026 gab er sein Debüt an der Metropolitan Opera in New York – mit Eugen Onegin, und Tatjana war – Asmik Grigorian. 

Der Moskauer Dmitri Tcherniakov ist nicht nur Re­gis­seur, son­dern auch Büh­nen­bild­ner sei­ner Pro­duk­tio­nen. Weltweite Aufmerksamkeit erlangte 2006 seine Inszenierung von Tschaikowskis Eugen Onegin am Bolschoi-Theater, die nach Gastspielen in Paris, London, New York und Tokio auch in das Repertoire der Wiener Staatsoper aufgenommen wurde. Die gesamte Handlung spielt sich in einer einzigen Räumlichkeit ab: im ersten Teil ist diese ein großzügiger heller Speisesaal mit hohen Fenstern im Hause Larin, wo dann auch der Ball zum Namenstag von Tatjana stattfindet; im zweiten Teil ein in Purpur getunkter, nun fensterloser, prächtiger Raum bei Fürst Gremin. Zentrales Element ist der bühnenfüllende lange ovale Tisch. Dieser funktioniert für die Feiern der illustren Gesellschaft genauso, wie für die intimen Momente, wenn Tatjana in ihrer Kammer den Liebesbrief schreibt. 

Tatjana ist eine Gutsbesitzertochter und verliebt sich in den egozentrischen Aristokrat Eugen Onegin (Boris Pinkhasovich, der russisch-österreichische Bariton gab 2023 Fürst Jeletzki in Pique Dame), den Lenski (Bogdan Volkov, einer der begehrtesten jungen lyrischen Tenöre), der Verlobte ihrer Schwester Olga (Daria Sushkova, kürzlich als Federica in Luisa Miller), in die familiäre Gesellschaft mitbringt. Entgegen aller Konvention wagt sie den ersten Schritt und schreibt ihm einen Liebesbrief. Onegin weist diesen jedoch kühl zurück, Tatjana ist tief verletzt.

Asmik Grigorian, „die große Interpretin, Gestalterin und Bezwingerin komplexer Menschenbilder“ sagt im Interview in dem Monatsmagazin der Wiener Staatsoper: „Mein Gesang ist kein Statement, sondern ein Bekenntnis“, sie wird einfach zu der Figur, und die Emotionalitäten, der Text und die Musik seien so allgemeingültig: „Ich denke, jede einzelne Frau hat eine Tatjana in sich“. 

Im dritten Akt sind zehn Jahre vergangen. Tatjana ist mit dem Fürsten Gremin (der russische Bass Dmitry Ulyanov ist an der Wiener Staatsoper regelmäßig zu erleben) verheiratet, und der auf vergeblicher Suche nach dem Glück zurückgekehrte Onegin begreift seinen Fehler. In der mondänen Gesellschaft ist die schöne Tatjana nun der Mittelpunkt. Es hätte vielleicht gut werden können, doch für die Ehefrau – „Auf ewig bleibe ich ihm treu“ – ist es nur noch ferne Schwärmerei und Onegin auf verlorenem Posten. Tschaikowski hat es wohl so gemeint, und auch vom Publikum ist kein Mitgefühl zu erwarten. Jenes feiert Tatjana – Asmik Grigorian und ebenso diese einfühlsame, hochkarätige Opernaufführung!

 Eugen Onegin | Piotr I. Tschaikowski
Lyrische Szenen in drei Akten
Text Piotr I. Tschaikowski & Konstantin Schilowski nach Alexander Puschkin
in russischer Sprache

Musikalische Leitung: Timur Zangiev
Inszenierung und Bühne: Dmitri Tcherniakov
Kostüme: Maria Danilova
Licht: Gleb Filshtinsky
Tatjana: Asmik Grigorian
Olga: Daria Sushkova
Eugen Onegin: Boris Pinkhasovich
Lenski: Bogdan Volkov
Larina: Elena Manistina
Filipjewna: Elena Zaremba
Fürst Gremin: Dmitry Ulyanov
Saretzki: Dan Paul Dumitrescu
Orchester und Chor der Wiener Staatsoper