Ariadne ist bei den Salzburger Festspielen im Weltall

Regisseur Ersan Mondtag tat sein Bestes bei der Strauss´schen „Ariadne auf Naxos“, um das langatmige Vorspiel im ersten Teil schlüssig mit der antiken Tragödie, die von einer Komödie unterwandert werden muss, fantasievoll-farbenreich zu vereinen. Hervorragend, die musikalische Darbietung unter der Leitung von Manfred Honeck – vor allem der drei Solistinnen: der Ariadne, des Komponisten und von Zerbinetta.

Für die Titelrolle ist Christina Nilsson zwei Monate vor Probenbeginn eingesprungen, weil der Coup mit Mezzosopranistin Elīna Garanča in der Sopranrolle nicht gelungen ist. (Was bei Carmen – Mezzo – mit Sopranistin Asmik Grigorian erwartungsgemäß sensationell war.) Sie habe nach intensiver Auseinandersetzung mit der Ariadne keine ausreichende künstlerische und emotionale Verbindung gefunden, die sie für eine „überzeugende und wahrhafte Darstellung auf der Bühne als unerlässlich“ erachte, um die Partie in ihr Repertoire aufzunehmen. 

Irgendwie nachvollziehbar, denn die Story ist eigenartig: Aus der Laune des reichsten Mannes – hier – der Welt heraus wird die Oper „Ariadne auf Naxos“, die ein hoffnungsvoller Nachwuchskomponist – die Amerikanerin Kate Lindsay ist eine Traumbesetzung! – extra für das große Fest am Wüstenplaneten komponiert hat, als Vermischung mit einem heiteren Tanzstück in italienischer Buffo-Manier verordnet. Damit es nicht zu fad wird, muss noch dazu gekürzt werden. Und der gnädige Herr sei „schon seit drei Tagen ungehalten darüber, dass in einem so wohlausgestatteten Hause wie das seinige, ein so jämmerlicher Schauplatz wie eine wüste Insel ihm vorgestellt werden soll“, deshalb werde das Personal aus der Buffo-Oper das tragische Stück wenigstens einigermaßen anständig ausstaffieren … lässt er vom überheblichen Haushofmeister ausrichten, er selbst wird nie auftreten.

Und genau das gelingt Ersan Mondtag fantasievoll und vielschichtig. Er entwickelt eine extraterrestrische Zeitkapsel, eine geschlossene, zutrittskontrollierte Welt, „in der sich die Bewohnenden selbst konservieren. Im Verlust des Bezugs zur Wirklichkeit gefriert der Alltag zur sozialen Skulptur, der Glaube an die Vergangenheit wird zum Kult“, erläutert Dramaturg Till Briegleb. Eine völlig verstörte Ariadne – die schwedische Sopranistin Christina Nilsson ist eine wunderbare Primadonna – findet sich in der postapokalyptischen Schneelandschaft mit ausgedörrten Tierkadavern (Mammut, Löwe, Affe) wieder, erinnert sich an das kurze Glück mit Theseus, der sie auf diese Insel verbannte, an die Kindheit … die „pathetische Todessehnsucht erzeugt Doppelgänger ihrer widersprüchlichen Gefühle und Verletzungen im Raum“. Es sind aber auch die vier Tänzer:innen, die in der Folge bunte Bewegung in die unübersichtliche Handlung bringen.

Da taucht die kokette Tänzerin Zerbinetta mit ihrer Komödianten-Truppe auf und versucht die Unglückliche aufzuheitern. Die chinesische Sopranistin Ziyi Dai überzeugt nicht nur mit der Koloraturarie „Großmächtige Prinzessin“ (eine der anspruchsvollsten der gesamten Opernliteratur) sondern auch mit Zerbinettas Lebensphilosophie: Männer sind untreu, aber statt zu verzweifeln, sollte man sich einfach dem nächsten Liebhaber zuwenden. Und tatsächlich erscheint der goldgewandete Astronaut. Es ist nicht wie erwartet Hermes, der Begleiter in die Unterwelt, nein, es ist Bacchus, in den sich Ariadne musikalisch berauscht verliebt. „Nimm mich mit auf dein Schiff“ – das Raumschiff hebt ab ins Honeymoon … und das angekündigte Feuerwerk wird wohl nicht eine Explosion gewesen sein …?

Doch noch große Oper. Manfred Honeck, am Pult der kleinbesetzten Wiener Philharmoniker, arbeitet diese herrliche Musik von Richard Strauss feinsinnig und präzise aus. Das Publikum dankt mit begeistertem Applaus.  

Ariadne auf Naxos | Richard Strauss (1916)
Oper in einem Aufzuge nebst einem Vorspiel
Libretto von Hugo von Hofmannsthal
Manfred Honeck, Musikalische Leitung 
Ersan Mondtag, Regie / Bühne / Kostüme 
Franck Evin, Licht; Alexander Pannier, Video
Ashley Alexandra Wright, Choreografie 
Till Briegleb, Dramaturgie

Kate Lindsey, Der Komponist 
Christina Nilsson, Primadonna / Ariadne 
Eric Cutler, Der Tenor / Bacchus 
Ziyi Dai, Zerbinetta 
Johannes Silberschneider, Der Haushofmeister 
Christoph Pohl, Ein Musiklehrer
Jonas Hacker, Ein Tanzmeister; Blaž Stajnko: Ein Perückenmacher; Fabian-Jakob Balkhausen, Ein Lakai; Leon Košavić, Harlekin; Michael Porter, Scaramuccio; Lukas Enoch Lemcke: Truffaldin; Theodore Browne, Brighella; Jasmin Delfs, Najade; Anja Mittermüller, Dryade; Marlene Metzger, Echo; Fabio Dorizzi, Ein Offizier 

Wiener Philharmoniker