27. September 2020 - 0:51 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
26. September 2020 31. Januar 2021

Das groß angelegte Ausstellungsprojekt "Wände I Walls" spürt an drei zentralen Orten in Stuttgart der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Raumgrenze Wand nach. Während im Kunstmuseum Wandarbeiten im Innenraum realisiert werden, liegt der Fokus im StadtPalais – Museum für Stutt- gart und im Bonatzbau am Stuttgarter Hauptbahnhof auf dem Graffiti als Kunstform, die sich vor allem mit der Gestaltung von Wänden im öffentlichen Außenraum befasst.

"Wände I Walls" nimmt erstmals die Wand in ihrer Bedeutungsvielfalt zum Ausgangspunkt einer Ausstellung. Der Fokus liegt dabei nicht auf Wandmalereien oder der Geschichte des wandgebundenen Arbeitens in der bildenden Kunst. Stattdessen führt die Ausstellung Kunstwerke zusammen, die die Wand als kulturelles Erzeugnis begreifen und nach ihren medialen Eigenschaften fragen. Schon früh machten sich Künstler_innen Wände als raumgreifende Bildträger zu nutze. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts stellte sich ein veränderter Umgang mit der Wand ein; sie wird seither nicht mehr vornehmlich unter dekorativen Gesichtspunkten gestaltet, das heißt zur Ausschmückung bestehender Architektur. Vielmehr rückt die Wand als eigenständiges, zu analysierendes Objekt des Raums in den Fokus. In Wechselwirkung mit dem zunehmenden Bewusstsein für Raum- und Kontextfragen in den 1960er-Jahren sprechen zahlreiche Künstler_innen der Wand einen ästhetischen Wert zu.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart gibt mit den ausgewählten Werken aus dem Zeitraum 1966 bis 2020 einen Überblick zum reflektierten Arbeiten mit der Wand. Auf den ersten Blick sind Wände architektonische Elemente, die Räume bilden. Wände trennen Innen- und Außenräume voneinander bzw. strukturieren das Rauminnere. In ihrer senkrechten Ausrichtung liegen sie unmittelbar im Sichtfeld des Menschen und prägen so deutlicher als Boden und Decke unsere räumliche Wahrnehmung. Ihre Bedeutung geht jedoch weit über diese grundlegende Funktion hinaus: Wände sind Sinnbild und Ausdruck vielfältiger Abgrenzungen. Sie stehen von jeher für den Schutz des Individuums, sie können jedoch ebenso einsperren und Zugang verwehren. Sie sind widersprüchliche Grenzen.

Die Künstler_innen widmen sich in ihren Wandarbeiten unterschiedlichen Themen und kehren die vielseitigen symbolischen Aufladungen der Raumgrenze hervor. Folgende drei Aspekte stehen dabei im Vordergrund: die Wand in ihrer Funktion des Ein- und Ausschließens, die symbolische Bedeutung der weißen Wand des Ausstellungsraums und die Wand als soziales Konstrukt. Yoko Onos Labyrinth aus transparenten und verspiegelten Wandflächen verdeutlicht, dass die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum weniger sicher und selbstgewählt sind, als wir dies gemeinhin annehmen. Das haben wir in den letzten Monaten am eigenen Leib in den eigenen vier Wänden deutlich erfahren. Die weitreichenden Folgen der Corona-Pandemie schlagen sich auch in der individuellen Wahrnehmung von Räumen nieder. Räumliche Isolation kann entschleunigen und zusammenwachsen lassen, sie kann jedoch auch zu Einsamkeit, Frustration und Gewalt führen. Diese oftmals tabuisierte Schattenseite des sogenannten "trauten Heims" nimmt Parastou Forouhar mit ihrer verstörenden Wandtapete in den Blick, ebenso wie Robert Gober mit seinen in der Wand versenkten Abflüssen, die als Sinnbilder zahlreicher Verdrängungsmechanismen fungieren.

Einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung bildet die Rolle der Wand im White Cube. Dabei handelt es sich um die gängige Präsentationsform moderner und zeitgenössischer Kunst. Die weißen Wände des Ausstellungsraums sind relevant für die Wirkung und Betrachtung von Kunstwerken. Das zeigen vor allem jene Arbeiten, die die weiße Wand zum eigentlichen Exponat erklären. Seien es die Wandabnahmen von Elmgreen & Dragset – für die sie weiße Putzschichten aus den Ausstellungssälen internationaler Museen minutiös abgetragen haben – oder die partizipative Arbeit von Charlotte Posenenske, in der die Besucher_innen durch Bewegen der beiden weißen Wandflächen unterschiedliche Räume generieren können. Mit William Anastasi und Sol LeWitt sind Werke zweier Künstler vertreten, die Mitte der 1960er-Jahre zu den ersten zählten, die die Wand in ihren medialen Eigenschaften reflektierten.

Wände bestimmen unsere Lebensräume mit und sind maßgeblich beteiligt an unserer Verortung in einem Raum. Die damit einhergehende identitätsstiftende Bedeutung der Wand im Zusammenspiel von Subjekt, Objekt und Raum ist ein weiteres Themenfeld der Ausstellung. Einige Künstler_innen führen vor Augen, inwieweit Wände das Denken, Bewegen und Handeln eines Menschen beeinflussen können, indem sie die Wand als reagierendes Gegenüber begreifen. Bruce Naumans Arbeit "Body Pressure" (1974) verspricht den Besucher_innen eine erotische Begegnung mit der Wand. Emily Katrencik widersetzt sich der vereinnahmenden Kraft von Wänden dadurch, dass sie diese in einer Performance 2005 über mehrere Wochen hinweg aufaß. Monica Bonvicini wiederum verweist in ihrer Installation "I Believe in the Skin of Things as in that of Women" (1999) auf den Zusammenhang von Architektur, Raum und Geschlecht.

Neben der jeweiligen thematischen Zuspitzung haben die 30 versammelten Wandarbeiten die Ausrichtung auf das räumliche Erleben gemeinsam. Sie verdeutlichen, dass – obschon wir uns zunehmend in digitalen Welten bewegen – es immer auch die realen, umgebenden Räume sind, die uns maßgeblich prägen. Die Wand stellt dabei stets eine konkrete Grenze dar. Zugleich steht sie im übertragenen Sinn für Trennung und regt zum Nachdenken über vielfältige gesellschaftliche Abgrenzungsprozesse an.

Wände I Walls
26. September 2020 bis 31. Januar 2021

Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schlossplatz 1
D - 70173 Stuttgart

T: 0049 (0)711 216-2188
F: 0049 (0)711 216-7820
E: info@kunstmuseum-stuttgart.de
W: http://www.kunstmuseum-stuttgart.de/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  26. September 2020 31. Januar 2021 /
Klaus Rinke, "Primärdemonstrationen. Wand, Boden, Ecke, Raum", 1969–70 25-teilige Fotoserie © Klaus Rinke
Klaus Rinke, "Primärdemonstrationen. Wand, Boden, Ecke, Raum", 1969–70 25-teilige Fotoserie © Klaus Rinke
Klaus Rinke, "Primärdemonstrationen. Wand, Boden, Ecke, Raum", 1969–70 25-teilige Fotoserie © Klaus Rinke
Klaus Rinke, "Primärdemonstrationen. Wand, Boden, Ecke, Raum", 1969–70 25-teilige Fotoserie © Klaus Rinke
Einfahrt Hauptbahnhof Stuttgart , 2011, Foto: Stgt Spottings
Einfahrt Hauptbahnhof Stuttgart , 2011, Foto: Stgt Spottings
Felix Schramm, "Duo", Fondazione Volume, Rom , 2016 Rigipsplatten, Farbe, Holz Foto: Knut Kruppa © Felix Schramm
Felix Schramm, "Duo", Fondazione Volume, Rom , 2016 Rigipsplatten, Farbe, Holz Foto: Knut Kruppa © Felix Schramm
John von Bergen, "The Anti-Precious Moment", 2001 MDF, Polymergips, Plexiglas, Beflockungsmittel, Wandfarbe 275 x 120 x 245 cm Kunstmuseum Stuttgart © John von Bergen
John von Bergen, "The Anti-Precious Moment", 2001 MDF, Polymergips, Plexiglas, Beflockungsmittel, Wandfarbe 275 x 120 x 245 cm Kunstmuseum Stuttgart © John von Bergen
<del>Secret</del> Walls Gallery, Foto: Gerald Ulmann
Secret Walls Gallery, Foto: Gerald Ulmann