Antike Frauenporträts und ihr Nachleben – die Frisur als wichtigstes Datierungskriterium

In der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums werden rund 250 römische Marmorbildnisse aufbewahrt. Ihre besondere Wirkung liegt in der Unmittelbarkeit, mit der sie Menschen aus einer fernen Vergangenheit lebendig erscheinen lassen. In der aktuellen Sonderpräsentation ergreifen die antiken Skulpturen selbst das Wort und erzählen von ihrer Erscheinung. Dabei wird deutlich, welche zentrale Rolle ein oft unterschätztes Detail spielt: die Frisur. An ihr lassen sich zentrale Fragen der Porträtforschung erschließen – von der Datierung bis zur Identität.

Die Sonderpräsentation ist Teil eines umfassenden Forschungsprojekts, das sich den „Biografien” antiker Skulpturen widmet. Im Zentrum steht die Frage, wie ein Werk zu beurteilen ist, das nicht mehr seinen ursprünglichen Fundzustand zeigt, sondern die Spuren einer langen nachantiken Geschichte trägt. Denn viele Porträts wurden mehrfach verändert – nicht erst seit der Renaissance, sondern bereits in der Antike. Köpfe erhielten neue Frisuren, die an wechselnde Moden oder an pragmatische Gründe wie Materialknappheit angepasst waren. So wurde ein Bildnis immer wieder neu interpretiert und umgeformt.
Das wichtigste Datierungskriterium der Forschung bleibt dabei die Frisur, die sich eng an den Moden des Kaiserhauses orientiert. Zugleich zeigen die Umarbeitungen, wie Kunstwerke dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst wurden. Auch Schäden durch jahrhundertelange Lagerung wurden beseitigt, um die Stücke wieder präsentabel zu machen. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist eine stolze Römerin aus der Sonderpräsentation. Ursprünglich trug sie die Lockenfrisur der Kaiserin Domitia, doch in einer späteren Umarbeitung erhielt sie einen Zopfkranz im Stil der Kaiserin Helena.

Moderne Methoden wie Materialanalysen und restauratorische Untersuchungen machen diese Eingriffe sichtbar und helfen dabei, Original und Ergänzungen zu unterscheiden. So wird Restaurierung zur Spurensuche, die verborgene Geschichten freilegt.

Das Projekt ist in ein internationales Forschungsnetzwerk eingebunden, das sich verstärkt weiblichen Porträts widmet – ein lange Zeit marginalisiertes Thema. Durch Kooperationen, interdisziplinäre Ansätze und digitale Rekonstruktionen eröffnen sich neue Perspektiven auf die Rolle dieser Bildnisse in der antiken Gesellschaft sowie auf ihre symbolischen Bedeutungen und ihre wechselvolle Rezeption von der Antike bis in die Neuzeit.

In der römischen Kaiserzeit waren Münzen weit mehr als ein Zahlungsmittel. Sie fungierten als Träger kaiserlicher Bildpolitik und verbreiteten die Porträts des Herrscherhauses im gesamten Reich. Mit beeindruckender Präzision sind selbst auf kleinstem Raum die charakteristischen Frisuren ausgearbeitet. An diesen Vorlagen orientierten sich auch Privatpersonen für ihre eigenen Porträts auf Grabbüsten, Grabreliefs oder Sarkophagen. Seit der Renaissance nutzt die Forschung diese Details zusammen mit den Beischriften, um Marmorporträts zu identifizieren und zeitlich einzuordnen.

Im Zentrum der Präsentation stehen zwei sehr unterschiedliche Frauenbildnisse, die beide von Eingriffen und Veränderungen geprägt sind. Die eine Büste zeigt vermutlich die vergöttlichte Julia (61–89 n. Chr.), die Tochter von Kaiser Titus und die Nichte von Kaiser Domitian aus dem Geschlecht der Flavier. Sie trägt eine markante Stirnlockenfrisur, die auf Rang und Epoche verweist. Der Körper ist eine raffinierte Montage aus antiken Fragmenten, darunter ein Kapitell und Bauornamente, die im 16. Jahrhundert ergänzt wurden – so geschickt, dass die Eingriffe lange unbemerkt blieben. Antike Substanz trifft hier auf frühneuzeitlichen Gestaltungswillen.

Das zweite Exponat, ein Grabrelief einer älteren Frau im Typus der „Großen Herkulanerin“, erzählt eine andere Geschichte. Auch sie trägt eine zeittypische Frisur, die sie als Zeitgenossin Julias ausweist. Ihre kostbare, traditionelle Kleidung deutet auf eine wohlhabende Frau hin. Doch ihr ursprünglicher Kontext ist verloren: Aus einem größeren Zusammenhang herausgeschnitten fehlen heute die Rahmung und die Begleitfiguren, beispielsweise ihr Ehemann.

Vermutlich gelangten beide Werke über den Seehandel aus Attika auf den venezianischen Kunstmarkt und von dort im 18. Jahrhundert in die Sammlung des Marchese Tommaso Obizzi (gest. 1803). Dieser richtete in seinem Schloss Catajo bei Padua ein eigenes Antikenmuseum ein.

Die Präsentationsreihe in der Dauerausstellung der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums beleuchtet in regelmäßigen Abständen die Antike aus verschiedenen Perspektiven und macht Deponiertes und Restauriertes, Analysiertes und Erforschtes, Faszinierendes und Amüsantes, Wunderliches und Inspirierendes neu zugänglich.

↗ Ausstellungswebsite: My Story – Antike Frauenporträts und ihr Nachleben

Vitrine Extra #8
My Story – Antike Frauenporträts und ihr Nachleben
bis 20. September 2026