28. Dezember 2021 - 15:44 / Aktuell / Literatur / Preise 

Die Französin Annie Ernaux wird mit dem 13. Würth-Preis für Europäische Literatur geehrt. Die Schriftstellerin erhält die Auszeichnung der Stiftung Würth "für die Unerschrockenheit, mit der sie ihre Erfahrung in ihrer Autofiktion protokolliert, und für die Klarheit ihres Blickes auf Gesellschaft und kollektives Gedächtnis", würdigt die Jury. Annie Ernaux schreibe autobiografisch, der Kern des Erlebens sei das Eigene, aber immer als Beispiel für soziale und zeitgeschichtliche Bedingungen. "Die literarische Form, die sie dafür findet, hat das autobiografische Schreiben von Schriftstellerinnen und und Schriftstellern in Europa und der Welt erneuert." Die Stiftung Würth verleiht die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung im Frühjahr 2022 im Carmen Würth Forum in Künzelsau.

Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als "Ethnologin ihrer selbst". Als eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit wurde sie jüngst für den Nobelpreis für Literatur gehandelt. Wie manifestieren sich bis heute in Europa bestehende, unsichtbare Klassenschranken? Wo greift der Staat ins Leben seiner Bürgerinnen und Bürger ein? Welche Erfahrung macht eine Frau, die sich nicht mit ihrem von der Gesellschaft zugedachten Platz zufriedengibt? Wie beschreibt man diese Erfahrungen, ohne zu moralisieren? Von diesen Fragen handelt Annie Ernauxs Gesamtwerk. "Sie will aus dem Abdruck, den die Welt in ihr und ihren Zeitgenossen hinterlassen hat, eine gesellschaftliche Zeit rekonstruieren", sagt die Erzählerin Annie Ernaux über sich selbst in dem Buch "Die Jahre" (frz. 2008, dt. 2017), das von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert wurde.

Zuletzt erschien 2021 auf Deutsch ihr eindringlicher Roman "Das Ereignis", in dem sie beschreibt, wie die Studentin Annie Ernaux 1963 schwanger wird und in einer Zeit und einem Land, in dem Abtreibung verboten ist, versucht, das in ihr heranwachsende Kind nicht zu bekommen. "Die Erfahrung von Entmündigung, Ohnmacht und Angst, die Ernaux‘ Text widerspiegelt, ist zeitlos gültig", urteilt die Jury des 13. Würth-Preises für Europäische Literatur. Audrey Diwans Verfilmung des Romans "L’évènement" gewann beim Filmfestival in Venedig 2021 den Goldenen Löwen.

Über den Würth-Preis für Europäische Literatur

Der mit 25.000 Euro dotierte Würth-Preis für Europäische Literatur wird alle zwei Jahre vergeben. Der Jury unter Vorsitz von C. Sylvia Weber, Geschäftsbereichsleiterin Kunst und Kultur der Würth-Gruppe und Aufsichtsrätin der Stiftung Würth, gehören an: Prof. Dr. Lothar Müller, Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Raulff, Denis Scheck, Marie Schmidt, Prof. Dr. Jürgen Wertheimer und der Preisträger des Würth-Preises für Europäische Literatur 2020, David Grossman.

Die Preisträgerinnen und Preisträger:

  • 2020 David Grossman
  • 2018 Christoph Ransmayr
  • 2016 Peter Handke
  • 2014 Péter Nádas
  • 2012 Hanna Krall
  • 2010 Ilija Trojanow
  • 2008 Peter Turrini
  • 2006 Herta Müller
  • 2004 Harald Hartung
  • 2002 Claude Vigée
  • 2000 Claudio Magris
  • 1998 Hermann Lenz