Anni Albers (1899–1994) zählt zu den bedeutendsten Künstler:innen und Designer:innen des 20. Jahrhunderts. Nach ihrer Ausbildung am Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin emigrierte sie 1933 in die USA, wo sie sich als Weberin, Textildesignerin und bildende Künstlerin etablierte. Neben ihren berühmten bildnerischen Webarbeiten widmete sie sich auch der Entwicklung neuer Textilien für Gebäude und Innenräume – sogenannter „nützlicher Objekte”. Ihre innovativen Gestaltungsgrundsätze und ihr experimenteller Umgang mit dem Material inspirieren bis heute.
Das Zentrum Paul Klee präsentiert die erste Einzelausstellung der Künstlerin in der Schweiz. Die Schau zeigt Arbeiten aus allen Schaffensperioden mit besonderem Fokus auf die architektonischen Interventionen und beleuchtet so die Verbindung von Kunst, Textil und Architektur sowie von Bauen und Weben im Werk von Anni Albers.
An Thanksgiving 1933 trafen Anni und Josef Albers im Hafen von New York ein. Ihr Reiseziel war das neu gegründete Black Mountain College in North Carolina, an dem Josef Albers auf Einladung des Architekten Philip Johnson einen Kurs für bildnerische Gestaltung aufbauen sollte. Sowohl Anni als auch Josef Albers hatten sich bereits am Bauhaus in Deutschland einen Namen gemacht, das Monate zuvor auf Druck der Nationalsozialisten schließen musste.
Bald nach ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten unternahmen Anni und Josef Albers mehrere Reisen nach Mexiko und besuchten später auch Chile und Peru. Albers hatte sich bereits im „Völkerkundemuseum” – dem heutigen Ethnologischen Museum – in Berlin für präkolumbische Textilien und Artefakte begeistert. Während ihrer Reisen war sie erneut fasziniert von der Vielzahl der Muster, Techniken und Farben der mesoamerikanischen und andinen Weber:innen und Keramiker:innen. Inspiriert von diesen Erfahrungen entstand 1936 „Ancient Writing”, eine ihrer ersten „Bildwebereien” oder rein künstlerischen Werke. Die monumentale Komposition ist aus glänzendem, dunklem Viskosegarn in unterschiedlich breiten Streifen weitmaschig gewebt. Über das zentrale Bildfeld verteilt finden sich aus hellen, glänzenden Fasern gewebte Formen, die an Texte und Symbole aus antiken, archäologischen Ausgrabungsstätten erinnern. Nicht umsonst widmete Albers ihre bahnbrechende Publikation „On Weaving” (1965) „meinen Lehrer:innen, den Weber:innen des alten Peru”.
„Ancient Writing” ist aber auch ein frühes Beispiel für eine Gruppe von Werken, die sich mit Sprache und Schrift auseinandersetzen. In Peru begegnete Albers dem Khipu, einem komplexen Instrument aus geknoteten Kamelhaar- oder Baumwollfäden, das in den Anden zum Zählen und zur Datenerfassung sowie zur Kommunikation verwendet wurde. Die kleinformatige Bildweberei „Code” (1962) nimmt beispielsweise mit ihren unregelmäßig platzierten Knoten Bezug auf diese verschlüsselte Sprache. Die zusätzlich eingewebten Schussfäden, die sich über die Arbeit ziehen, erinnern an geschriebene Zeilen und sprechen in der Sprache der Fäden zu den Betrachtenden. Nach 1963 lotete Albers die Grenzen von Schrift, Knoten und Faden in Arbeiten auf Papier weiter aus.
Annelise Else Frieda Fleischmann hatte im Winter 1922 nach einem einjährigen Vorkurs die Webereiwerkstatt am Bauhaus in Weimar betreten. Nachdem sie 1925 den Bauhaus-Künstler Josef Albers geheiratet hatte, verkürzte und modernisierte sie ihren Namen zu Anni Albers. Die theoretischen Grundlagen für ihr Schaffen vermittelte ihr unter anderem Paul Klee, der ab 1927 Gestaltungslehre in der Webereiklasse unterrichtete und für den sie ihr Leben lang große Bewunderung hegte.
Ohne formelle Anleitung am Webstuhl waren die jungen Bauhäuslerinnen auf sich allein gestellt. Sie experimentierten und studierten an den Webstühlen und bemächtigten sich des Materials. Dieses Experimentieren, das ganz am Anfang ihrer Karriere stand, sollte Albers ein Leben lang begleiten und zu einem besonderen Merkmal ihrer Werke werden.
Für Anni Albers war das Weben ein Konstruieren mit Fäden, ein Experiment mit neuen Materialien, das eng mit der Architektur verbunden war. Ausgehend von den Materialien und der Funktion ihres Vorhabens fertigte sie zahlreiche Stoffmuster an. Im Jahr 1930 entwickelte sie im Auftrag des damaligen Bauhaus-Direktors Hannes Meyer einen Entwurf für eine akustische Wandverkleidung in der Aula des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Bernau. Ihre Versuche mündeten in einer innovativen Kombination von Materialien: Das Gewebe aus flauschigem Chenillegarn absorbierte auf der Rückseite den Schall der großen Halle, während Zellophanfasern auf der Vorderseite das Licht im Raum reflektierten und einen silbernen Glanz verstrahlten. Dieser experimentelle Umgang mit neuen, ungewöhnlichen Materialien prägte ihre Textilentwürfe auch in den folgenden Jahrzehnten.
Auch in den Vereinigten Staaten entwickelte Albers zahlreiche neue Textilien für Gebäude und Innenräume, die stets auf die spezifischen Bedürfnisse des Anbringungsortes abgestimmt waren. Zwischen 1948 und 1950 bestellte der Architekt und ehemalige Bauhaus-Direktor Walter Gropius beispielsweise Stoffe bei Albers für die großräumigen Schlafsäle im neuen Harvard Graduate Center. Es handelte sich dabei um eine der ersten Umsetzungen von modernistischer Architektur an einer großen Universität in den Vereinigten Staaten. Albers experimentierte mit verschiedenen Materialien, Strukturen und Farbeffekten und gestaltete schließlich drei Versionen von pflegeleichten Bettüberwürfen mit Karomuster, die den Raum beleben und Spuren von „schmutzigen Schuhen und Zigarettenlöchern” verbergen sollten.
Auch für sakrale Kontexte fertigte Albers Stoffe an. So entwarf sie 1957 für das erste dieser Projekte acht verschiebbare Paneele aus schimmerndem, maschinengewebtem Lurexgarn in den Farben Grün, Blau, Gold und Silber für den großen Tempel Emanu-El in Dallas, Texas. Auf diese und fünf weitere Projekte, in denen Albers eng mit Architekten zusammenarbeitete, wird in der Ausstellung mit großformatigen Fotografien und Textilentwürfen ein besonderes Augenmerk gelegt.
Anni Albers war 1949 die erste Textildesignerin, der eine Einzelausstellung im New Yorker Museum of Modern Art gewidmet wurde. Für die Ausstellung „Anni Albers Textiles”, die in 26 Museen in den Vereinigten Staaten zu sehen war, entwarf sie eine neue Reihe von Textilprototypen. Bemerkenswert sind dabei insbesondere die freihängenden Raumteiler aus Zellophan und synthetischen Materialien in Kombination mit natürlichen Materialien wie Jutefasern und Holz. Diese Raumteiler fungierten als leichtgewichtige Designalternative zu festen, unbeweglichen Wänden.
Im Zentrum Paul Klee werden einige von Albers' Textilien ebenfalls als raumstrukturierende Elemente eingesetzt und nehmen damit – ganz im Sinne Anni Albers' – den „Platz eines mitwirkenden Gedankens” in der Architektur ein.
Anni Albers. Constructing Textiles
Bis 22.02.2026