Anne Loch – „Malerei: Na und?”

Die Karriere der 1946 geborenen und 2014 verstorbenen Künstlerin begann in den 1980er-Jahren inmitten der Kölner Kunstszene im Umfeld von Rosemarie Trockel, Jenny Holzer und Cindy Sherman. Dann brach die deutsche Künstlerin radikal mit der Kunstwelt und lebte sehr zurückgezogen in der Schweiz. Ihrer künstlerischen Arbeit tat dies keinen Abbruch: Rund 1 400 Werke umfasst Anne Lochs Œuvre. Vom 18. Juli bis 20. September 2026 widmet das Zentrum Paul Klee der eigenwilligen Malerin die erst zweite große Einzelausstellung in der Schweiz nach derjenigen im Bündner Kunstmuseum Chur von 2017. Rund 80 zum Teil monumentale Arbeiten laden dazu ein, Anne Lochs unverwechselbares Werk zu entdecken.

Eine gelbe Blume auf blauem Grund, fast zwei Meter hoch. Eine Schafherde, die sich über 3,5 Meter erstreckt. Ein Falter auf einer knapp einen Meter hohen Leinwand. Das Innere einer Pfingstrosenblüte oder der Kopf eines Raben, vergrößert auf mehr als zwei Meter. Viele Werke von Anne Loch sind von überwältigendem Format. Monumental ist nicht nur die Größe der einzelnen Arbeiten, sondern auch der Umfang des gesamten Œuvres: Rund 1 400 Gemälde sowie zahlreiche Papier- und fotografische Arbeiten sind in ihrer knapp vierzig Jahre andauernden Schaffenszeit entstanden. Der umfangreiche Nachlass befindet sich in Bern.

Von der Kölner Kunstszene in die Schweizer Bergwelt

Der Beginn ihrer Karriere in den 1980er-Jahren war vielversprechend: Schon früh wurde sie zusammen mit Rosemarie Trockel, Jenny Holzer und Cindy Sherman von der bedeutenden Galerie Monika Sprüth vertreten und konnte ihre Werke in zahlreichen Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentieren. Mit ihren Natur- und Landschaftsbildern nahm sie im Kontext der wiederaufgekommenen figurativen Malerei in Deutschland eine äußerst eigenständige Position ein und hob sich von den gestischen und neo-expressionistischen Werken ihrer Zeitgenoss:innen ab.

Eine erfolgreiche Künstlerinnenlaufbahn schien vorgezeichnet, doch dann zog sich Anne Loch im Jahr 1988 radikal zurück und ließ sich in Thusis im Kanton Graubünden in der Schweiz nieder. Ihr Rückzug war nicht nur örtlich, sondern auch sozial: Sie brach die Kontakte nach Köln ab und pflegte auch in der Schweiz nur mit wenigen Personen einen regelmäßigen Austausch. Ihrer künstlerischen Aktivität tat dies jedoch keinen Abbruch: Unermüdlich arbeitete Loch im Stillen weiter und schuf ein umfangreiches Œuvre, das neben monumentalen Gemälden auch Zeichnungen, Fotografien, Text- und Videoarbeiten umfasst. Ihre Arbeiten stellte sie nur noch vereinzelt aus, unter anderem in der Berner Galerie Erika und Otto Friedrich.

Im Spannungsfeld von Kitsch und Kunst

Anne Loch hat mit wenigen Ausnahmen nichts anderes als Landschaften, Blumen und Tiere dargestellt. Dies sind Dinge, die zum Konventionellsten und Klischeebehaftetsten zählen, was die bildende Kunst zu bieten hat. Der Mensch blieb dabei weitgehend ausgespart, ebenso wie jeglicher Anspruch auf eine Verankerung in der gesellschaftlichen Gegenwart oder ein Bezug zum aktuellen Weltgeschehen. Sie selbst hielt in ihrem Tagebuch fest:

„Aber es ist doch tröstlich für mich zu wissen, dass ich keine Bestandsaufnahme male, keine Sozialkritik male, keine Utopie male, keine Gesellschaftskritik, keine soziologische Studie […]. Ich male einfach Striche und ihr Verhältnis zueinander.” Anne Loch, gesprochenes Tagebuch, Kassette 13 (unveröffentlicht)

Obwohl sich Lochs Bilder auf den ersten Blick dem Kitsch annähern, ist ihre Malerei ernst und unironisch. Durch die monumentale Vergrößerung ihrer Motive verliert das Dargestellte den Bezug zur Wirklichkeit. Aus den Arbeiten spricht keine Spontaneität, sondern genaue Planung und Konstruktion. Dank des umfangreichen fotografischen Nachlasses lässt sich nachvollziehen, dass den Werken von Anne Loch eine fotografische Vorarbeit vorausging und die Bildfindung bereits vor dem ersten Pinselstrich auf der Leinwand abgeschlossen war. Die Bilder wirken unreal, ja fremd, und ihre kühle Künstlichkeit hält auf Distanz. Von weitem wirken die Farben satt und die Motive sind klar erkennbar. Je näher man jedoch an ein Werk herangeht, desto mehr verschwindet das Motiv und man verliert sich in der Leinwand, die stellenweise durch die dünn aufgetragene Farbe hindurchschimmert.

Malerei um der Malerei willen.

Schnell ist man versucht, in den monumentalen Motiven nach versteckten Bedeutungen und Geschichten zu suchen. Doch Lochs künstlerische Haltung manifestiert sich nicht in dem, was sie malt, sondern in der Art und Weise, wie sie es malt.

«Ich habe keine inneren Geschichten zu erzählen, aus mir will nichts hinaus, Form annehmen. Diesen Anstoss bekomme ich von meinen Motiven. Sagen wir, so, wie ich den Blick eines Mannes brauche, um Lust auf einen Kuss zu bekommen. Geschieht er, ist die Sache eine andere, verselbstständigt sich, – wie das Malen. Beim Malen gibt es kein Motiv mehr.“ Anne Loch, 1991
Anne Loch: «Hinterrhein / Indifferent», in: Anne Loch. der Soldat und die Gärtnerin,, hrsg. von André Born und Anne Loch, Bern, 2003.

Anne Loch interessierte sich in erster Linie für das Malen an sich und die Auseinandersetzung mit Farbe, Oberfläche und Raum. Dabei werden die Motive austauschbar. Loch zeigt sich somit als Künstlerin ihrer Zeit, die Bildwelten auf den Prüfstand stellte. Sie spielte mit den Konventionen der Darstellung, vergrößerte ihre fotografischen Motive auf der Leinwand ins Monumentale und lotete dabei die Grenzen der Repräsentation aus. Das alltägliche Motiv verliert jegliche Relation zu seiner realen Vorlage, und die Arbeiten verwischen die gewohnten Grenzen zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, Malerei und Zeichnung sowie Realität und Traum.

So wird Malerei als eigenständige Form des Sehens und Erlebens erfahrbar – und nicht nur als bloße Abbildung der Welt. Das Interesse an Anne Lochs Werk liegt unter anderem darin begründet, dass ihre Malerei weniger Antworten gibt als Fragen stellt: nach dem Status des Bildes, nach der Verlässlichkeit des Sehens und nach einer künstlerischen Haltung, die sich der Festschreibung von Bedeutung bewusst entzieht.

Der Nachlass Anne Loch

Zu den wenigen Personen, zu denen Anne Loch nach ihrem Rückzug in die Schweiz und auch später Kontakt pflegte, gehörten André Born und Peter Spahr. Sie waren es auch, die sich nach ihrer Krebsdiagnose um eine Unterkunft und ihre Betreuung bis zu ihrem Tod kümmerten. Wohl aus diesem Grund vermachte Anne Loch André Born ihr gesamtes Werk, weshalb sich der Nachlass der Künstlerin heute in Bern befindet.

Anne Loch. Malerei: Na und?
bis 20.09.2026