Die Ausstellung „Bucolica” der 1984 in Sušice (Tschechien) geborenen Künstlerin Anna Hulačová eröffnet im Kunstraum Dornbirn eine technologisch-futuristisch anmutende Welt, die von antiker Erzähltradition, mythologischer Symbolik und bildgeschichtlichen Referenzen durchdrungen ist.
Intensiv setzt sich die Ausstellung mit den Themen Landwirtschaft und Ökologie auseinander. Hierzu entwickelt die Künstlerin eine erzählerische Dialektik aus Wirklichkeit und Fiktion sowie Utopie und Dystopie. Ihre Skulpturen nehmen die Gestalt hybrider Wesen und Maschinen an, die in transitorischen Modi zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion pendeln. Sie kombiniert Elemente aus Beton, Keramik, Holz und Bienenwaben in meisterhaft vollführter handwerklicher Tradition. Im spannungsvollen Zusammenspiel von industrieller Ästhetik und natürlichen Materialien thematisiert sie auf spielerische Weise die Widersprüche zwischen Idealisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft, Zivilisation und Natur, Gemeinschaft und Individualismus sowie Tradition und Fortschritt.
In der historischen Montagehalle in Dornbirn präsentiert sich eine geschäftige Szenerie: Es wird gesät, gejätet und geerntet, es werden Pausen eingelegt, mysteriöse Gerätschaften bedient, ein Kalb getragen oder eine Mahlzeit geteilt. Die Figuren sind von menschlicher Gestalt, aus Beton geschaffen und in grau-melierter Optik gehalten. Ihre Kleidung, Kopfbedeckung und Frisuren sind grob konturiert. Ihre Gesichter wurden durch ornamental wirkende, glänzend lasierte Keramiken oder monochrome Zeichnungen ersetzt. Teils sind Gliedmaßen nicht ausgeformt: Wo eigentlich Hände die schwere Arbeit verrichten sollten, laufen Arme lediglich spitz zu.
Zentrale Organe werden stellenweise durch Bienenwaben ersetzt, wie bei der Figur mit dem Titel „Calf Bearer“ (2025, dt. Kalbträger). Die Leerstellen und Zwischenräume in Betonkörpern oder floralen Schnitzereien werden im heimischen Garten vom Bienenvolk der Künstlerin direkt bebaut. Der skulpturale Körper wird gewissermaßen zurückerobert, indem er während der Schwarmzeit vom Bautrieb der Bienen als Teil des Bienenstocks eingenommen wird. Bienenwaben tragen durch die antike Vorstellung der sogenannten „Bugonie” die mythologische Symbolik der zirkulären Erneuerung und Existenzsicherung in sich. Die Skulptur „To Eternity“ (2024) – ein auf der Seite liegender Rinderkopf, aus dessen offenem Hals Bienenwaben entwachsen – illustriert diesen Mythos: Die alten Griechen und Römer glaubten, dass Bienenvölker aus den Kadavern von Tieren auferstehen. Sie verbinden das Reich der Toten mit der Welt der Lebenden, stehen für das Fortleben des Geistes und sichern durch ihren Beitrag zum Kreislauf der Natur das Überleben der Erdenbewohner.
Hulačovás Interesse an diesen antiken Legenden prägt seit knapp einem Jahrzehnt ihre bildhauerische Arbeit. Sie trägt die Erzählung in die Gegenwart, verknüpft sie mit formalen Anklängen zur stilisierten und überhöhten Darstellung von Arbeitenden im sozialistischen Realismus und verwebt so auf spannende Weise antike Legenden, kulturhistorische Referenzen sowie eine einzigartige, zukunftsweisende Formgebung und Materialästhetik. In der Figur eines Bauern („The Man with the Hoe“, 2025) werden die Bienenwaben im Bauchraum mit einer kurzen hölzernen Hacke kombiniert. Das Werkzeug wurde in der Bildgeschichte zum mittelalterlichen Emblem für bäuerliche Arbeit im Einklang mit den natürlichen Zyklen und verweist auf Ernte, Fruchtbarkeit und Versorgung. Wir bewegen uns hier irgendwo zwischen Alltagsrealismus und Heroisierung, die aber noch ganz klar auf körperlich harte Arbeit verweist, die den Regeln der Natur folgt. Die Weiterentwicklung zur Industriearbeit vollzieht sich in Hulačovás Skulpturen durch die Verwendung von Maschinen. Diese fächern ein Spannungsfeld von Arbeit, Körper, technologischem Fortschritt und Ideologie auf.
Entlang der Skulpturen sehen wir die Traditionslinien der Darstellung von Arbeiter:innen in der Landwirtschaft: Angefangen beim mittelalterlichen Gebrauch von Werkzeugen über die Glorifizierung der Arbeiter:innen an Maschinen in der Industrialisierung und die damit einhergehenden Fortschrittsutopien des sozialistischen Realismus bis hin zu avantgardistischen Verschmelzungen von Körper und Maschine und den daraus resultierenden hybriden Formen, die bei Hulačová eine kritische Reflexionsebene industrialisierter Landwirtschaft ermöglichen.
In ihrer Dornbirner Ausstellung setzt die tschechische Künstlerin auch das Thema der Eroberung der Landschaft durch die Bauten der Agrarwirtschaft in Szene: In der historischen Montagehalle bevölkern ihre zahlreichen Figuren und Maschinen eine Fläche, die vor hohen Bauten aus glänzendem Blech liegt. Ein großes Gebäude mit einem bis zu fünf Meter hohen Turm und einem Seitenschiff, an welchem zwei Trichtersilos angebracht sind, bildet den Kern des architektonischen Ensembles. Zwei zylindrische Silos mit Kegeldächern stehen seitlich des Baus. Hinten rechts ragt ein Lagergebäude aus mehreren vierkantigen Elementen auf. Die schmucklose, schemenhafte und metallene Anmutung referiert auf den Funktionalismus der landwirtschaftlichen Architektur und ihre monumentale Wirkung. Le Corbusier feierte diese Bauten in einer Schrift von 1933 als Leitbilder der Moderne, die eine Spiritualität in sich tragen, die von der Formverwandtschaft mit antiken Tempeln herrührt. Die landwirtschaftliche Architektur müsse den Anforderungen der industriellen Produktion folgen, um effiziente Wege zur Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung zu gewährleisten. Hulačová kommentiert dies mit der Anbringung humoristisch wirkender Skulpturen: So befindet sich an der rechten Seite der vierkantigen Speichereinheiten ein übergroßes Ohr und auf dem höchsten Turm sitzt ein Mischwesen aus Hund und Schwein, das uns mit aufgerissenem Maul und ausgestreckter Zunge scheinbar entgegenspringt. Gänzlich losgelöst von allem Irdischen schwebt über all dem ein kleines Flugobjekt, das von einer Person mit Schirmmütze gesteuert wird.
Wie der gesichtslose Flieger scheinen alle Figuren eine Orientierung, eine Aufgabe und eine Richtung zu haben. Sie gehen individuell gefühllos in der gemeinschaftlichen bäuerlichen Arbeit und Lebensweise auf. Es herrscht buntes Treiben und gleichzeitiger Stillstand im starren Beton der Körper, als hätte man den Film kurz angehalten – oder als würde man eine Erzählung illustrieren. Der Ausstellungstitel „Bucolica” ist den antiken Dichtungen des Theokrit und Vergil entlehnt. Die bukolische Dichtung dreht sich um das ländlich-idyllische Leben von Hirten und Schäfern im Einklang mit der Natur. Diese idealisierende literarische Form wirkt bis heute fort, wenn Natur in Kunst und Literatur zum Sehnsuchtsort und zur Inspirationsquelle stilisiert wird oder als bedrohtes Refugium zur Gegenspielerin der urbanisierten und digitalen Welt wird. Die Motive und Elemente der bukolischen Dichtung sind mit ihren Referenzen auf gesellschaftliche und politische Gegebenheiten ein Zeitspiegel – damals wie heute.
Hulačová interessiert sich für die Facetten des ländlichen und bäuerlichen Lebens als Erbe und Zukunftsvision, als motivische Vereinnahmung und Realitätscheck. Sie setzt sich mit den Agrarentwicklungen und deren tradierten Narrativen auseinander und formt sie zu Wesen und Maschinen, deren Körperlichkeit und Funktion transformiert sind, um sich mit unserer heutigen Gegenwart zu befassen. Die Figuren sind von Produktivität getrieben und doch darin gebremst durch die Dysfunktionalität der Maschinen und Körper. Was das kapitalistische System am Laufen hält, ist hier nur angedeutet vorhanden. So werden die Idealisierung der ländlichen Arbeit, Produktion und Gemeinschaft sowie die Harmonie mit der Natur – von Vergils antiken Schriften bis zum Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, von der Definition funktionaler Elemente in der ästhetischen Sprache Le Corbusiers über futuristische Utopien bis hin zur heutigen Dystopie – in ein Schaubild epischen Ausmaßes gegossen. All dies hat existenzielles Gewicht: In Hulačovás Werk steht nicht weniger als das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft infrage, wenn es um das Spannungsverhältnis von Mensch, Maschine und Natur geht. Doch das künstlerische Werk genügt sich nicht in der rückwärtsgewandten Idealisierung der monokulturellen Landwirtschaft oder der Aufarbeitung der Kollektivierung in der damaligen Tschechoslowakei. Vielmehr greift die Künstlerin in eine dystopische Zukunft, die uns teilweise längst zur Gegenwart geworden ist. Christliche Elemente wie das Brotbrechen der „Klučov Eaters“ (2023) stehen neben Figuren wie dem „Jester with Toaster“ (2025) – ein Narr, erkennbar an seiner typischen Kleidung und den Spielkarten, der einen Toaster mit zwei Brotscheiben trägt. Zufall, Schicksal, Spiel oder Täuschung treffen auf die heimische Sphäre der Alltagsgegenstände, die der essenziellen Versorgung dienen. Diese Verbindung ist humorvoll, bittersüß und vielleicht karikierend. Der Narr scheint eine Wette auf unsere Zukunft zu verkörpern. Doch Hulačová verpackt diese in ihren Werken so meisterhaft in bildhauerische Traditionen, folkloristische Handwerkskunst sowie eine herausragende Formsprache und Ästhetik, dass sie der dystopischen Zukunft eine hoffnungsvolle Dimension hinzufügt.
Anna Hulačová im Kunstraum Dornbirn
Eröffnung: Donnerstag, 13. November 2025, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 14. November 2025 bis 1. März 2026