Andrea Pesendorfer arbeitet mit Stoffen, deren Gewebe sie durch das Entfernen einzelner Fäden verändert. Was in der Malerei traditionell durch das Auftragen von Farbe geschieht, erreicht sie durch den umgekehrten Prozess: Sie nimmt weg, was trägt. Das Trägermaterial wird so selbst zum Werk, das sichtbar und eigenständig durch eine bewusste künstlerische Geste des Wegnehmens entsteht.
Aus einer Position jenseits künstlerischer Privilegien entwickelt Pesendorfer eine textile Sprache, die sich als Malerei behauptet. Sie unterscheidet sich von vielen textilen Positionen durch ihre konzeptuelle Herangehensweise. Sie denkt aus der Malerei heraus, ohne zu malen. Ihre Reduktion strebt keinen ästhetischen Minimalismus an, sondern basiert auf einer politischen Haltung, die sich den Hierarchielogiken von Material und Wahrnehmung entzieht.
Das textile Gewebe wandelt sie vom passiven Träger zum aktiven Material, in dem Herstellungsweise, Gebrauchsspuren und ästhetische Ordnung ineinander verwoben sind. Was sichtbar bleibt, ist ebenso bedeutsam wie das, was entfernt wurde. Sie zeigt sowohl die Fehlstellen im Stoff als auch die gelösten Fäden, die als Spuren der Arbeit sichtbar werden. Im Wechselspiel von Präsenz und Absenz offenbart sich, wie sich das Material durch Reduktion verändert, wie es Spannung verliert oder neu aufbaut und auf den Entzug reagiert. So wird das Malen durch Fädenziehen bei Pesendorfer zu einem Akt der Umwertung: Sie formt textiles Material nicht, sondern reduziert es.
Der Ausstellungstitel „Taste is never neutral: Geschmack ist politisch” im Bildraum 07 verweist darauf, dass ästhetische Urteile nie neutral sind. Dabei berührt Pesendorfer Fragen des Geschmacks – jenes sozialen Konstrukts, das Pierre Bourdieu als Ausdruck kultureller Hierarchien beschrieb.
Andrea Pesendorfer | Taste Is Never
Neutral: Geschmack ist politisch
Bis 5. Januar 2026