28. Juli 2014 - 4:04 / Kurt Bracharz / Vorax
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Wer braucht schon eine Mastkur? Wenn man das Wort heute googelt, findet man folgende Definitionen, die alle aus älteren Texten stammen: "Diätetische Maßnahmen zur Erhöhung des Körpergewichts; meist durch vermehrte Zufuhr leicht aufnehmbarer Fette, Eiweißkörper und Kohlenhydrate bei schlechtem Ernährungszustand, Rekonvaleszenz und bei zehrenden Krankheiten, z. B. Tuberkulose."

"Mastkur WEIR MITCHELL und PLAYFAIR, überreichliche Ernährung bei völliger körperlicher und geistiger Ruhe und Anregung des Blutumlaufs durch allgemeine Massage, Behandlung für gewisse mit schwerer Abmagerung verbundene Fälle von Psychoneurosen." (Text von 1927)

"Mastkur, Heilverfahren, welches in einer durch überreichliche Zufuhr von Nahrungsmitteln herbeigeführten Überernährung besteht. Dujardin-Beaumetz und Debove wandten die M. zuerst gegen Schwindsucht an, indem sie den Kranken, welche wegen völliger Appetitlosigkeit jede Nahrungsaufnahme verweigerten, mittels Schlundsonde den Magen ausspülten."

In den weiteren Zitaten ist "Mastkur" fast immer als unfreiwilliges Zunehmen durch den Verzehr von zuviel Fastfood und anderen Kalorienbomben gemeint. Klar – wer außer Sumo-Ringern will heute schon freiwillig sein Körpergewicht hinauftreiben? Wer hier an Anorexie denkt, liegt daneben: Magersucht wird heute als ein psychisches Phänomen betrachtet, dem durch eine Zwangsernährung nicht beizukommen ist.

In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg war alles anders, da war Magerkeit noch keine Assoziation zum "Traumberuf Model", und es gab Frauen, die sich rundere Körperformen wünschten, deshalb gebe ich hier ein Mastkurrezept aus jener Zeit wieder. Es stammt aus "Das Buch der Frau" von Dr. med. Renate Hohenwart, das 1951 im Verlag M. Ludwig, Innsbruck, erschienen ist und offenbar recht erfolgreich war: Die hier zitierte 15. Auflage stellte immerhin schon das 71. bis 89. Tausend des Titels dar. Das Buch enthält eine Anzahl Strichzeichnungen, wobei jene in den medizinischen Kapiteln vom Grafischen her weniger auffallen als die im Kapitel "Schönheitspflege", welche ein wenig amateurhaft anmuten ... dem Impressum nach stammen diese Illustrationen aber doch von dem später mit ganz anderer Grafik berühmt gewordenen Paul Flora, Innsbruck.

Wenn man das Mastkurrezept aus diesem gut 60 Jahre alten Buch heute liest, fällt einem auf, dass die Mästung hauptsächlich durch viel Zucker (in den Getränken) und Fett (die Buttersemmeln) erfolgen sollte, unterstützt durch Bier. Auffällig ist das Fehlen der Empfehlung des üppigen Verzehrs von Pasta, die aber 1951 in Österreich noch nicht in Mode war. Der Spaghetti-Boom kam erst mit den Italienurlauben. Mit großen Portionen Pasta vor dem Schlafengehen (im Schlaf wird die Produktion des Wachstumshormons angekurbelt) würde man schneller als nur ein Kilogramm pro Woche zunehmen.



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