Alpitypes: Grafisches Erbe von Design- und Kunststudierenden neu interpretiert

Studierende des Studienganges „Design und Künste“ der Freien Universität Bozen haben hochwertige grafische Produktionen wie etwa Plakate, Poster, Flyer, Zeitschriften oder Reiseführer aus dem Tiroler Alpenraum der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also der heutigen Euregio Tirol, Südtirol und Trentino, unter die Lupe genommen und anhand von einzelnen Schriftzügen oder Headlines ganze Alphabet-Zeichensätze rekonstruiert. Fehlende Zeichen wurden durch die vorhandenen Fragmente abgeleitet und entsprechend integriert. Die Ergebnisse dieser spannenden und sehenswerten „typografischen Archäologie“ sind derzeit unter dem Titel „AlpiTypes – Buchstaben, Bilder, Spuren“ im Obergeschoss der Räumlichkeiten von Kunst Meran zu sehen.

Das Projekt entstand im Rahmen einer Forschungsarbeit der Professoren Antonino Benincasa und Massima Martignoni von der Freien Universität Bozen, für die sie umfangreiche Recherchen zur lokalen Grafik in die Wege leiteten. Die Ausstellung wird denn auch von ihnen gemeinsam mit Anna Zinelli von Kunst Meran kuratiert. Benincasa hat übrigens vor alllem durch die Entwicklung des Logos für die Olympischen Spiele 2006 in Turin internationale Bekanntheit erlangt. 

Markantes Zeichen der Typografik ab dem frühen 20. Jahrhundert ist, dass sich die bis dahin dominierenden Serifenschriften, bei denen die Buchstaben eine kleine, dünne Linie oder eine häkchenartige Verlängerung am Ende haben, zunehmend den serifenlosen Schriftarten (Sans-Serif-Schriften) wichen, da deren klare Linienführung besser den funktionalen Anforderungen der Werbegrafikk entsprach. 

Die damaligen Grafiker des Tiroler Alpenraumes nahmen europäische Strömungen der Zeit auf und entwickelten sie kreativ weiter, auch in den Jahren, in denen Diktaturen genau dies zu unterbinden suchten. So reflektierten die Kreative Stilrichtungen, die von der Wiener Secession und dem Jugendstil bis zum Bauhaus und Rationalismus und von den historischen Avantgarden bis zur grafischen Revolution der 1930er Jahre reichten. 
Zu den bekanntesten Grafikern des Tiroler Alpenraumes zählten damals beispielsweise Joseph Binder, nachdem der renommierte Binder-Award benannt ist, Fortunato Depero, Franz Lehnhart, Oswald Haller, Wilhelm Nicolaus Prachensky oder Schipani (Ottorino Paschi).

In der Ausstellung werden ausgewählte historische Materialien im Original und als Reproduktionen gezeigt. Sie laden dazu ein, ein verborgenes grafisches Erbe, ein Netzwerk unerwarteter Verknüpfungen, vergessene Formen und typografische Gestaltungstechniken wiederzuentdecken. Diese besitzen selbst nach fast einem Jahrhundert eine erstaunliche Ausdruckskraft und Aktualität.

Der Hauptteil der Schau im dritten Stock des Kunsthauses ist den Projekten der Studierenden gewidmet. Ihren Arbeiten ist es gelungen, ein bislang kaum erforschtes grafisches Erbe neu zu deuten und in ein neues Licht zu rücken. Historische Recherche, digitale Rekonstruktion und gestalterische Praxis werden miteinander verschränkt. Dabei reduziert sich die Schau nicht nur auf die historische Wiedergabe, sonder schlägt vielmehr auch eine lebendige, an die Gegenwart angepasste gestalterische Reaktivierung vor.

Die Ausstellung wird von einem Katalog begleitet: „AlpiTypes. Vom historischen Lettering zu digitalen Schriftarten. Südtirol, Tirol, Trentino. Grafische Wege 1900–1945 und darüber hinaus“. Die Publikation wird herausgegeben von Antonino Benincasa, Massimo Martignoni und Kunst Meran ist im Verlag FranzLAB erschienen. Sie umfasst 100 Poster, die von Studierenden der Freien Universität Bozen auf der Grundlage von mehr als 60 historischen Grafiken gestaltet wurden. Darüber hinaus enthält sie Beiträge von Antonino Benincasa, Amedeo Bonini, Maximilian Boiger, Beatrice Cera, Massimo Martignoni, Rocco Modugno, Gianluca Sandrone, Valeria Verderosa und Anna Zinelli.             

 AlpiTypes: Buchstaben, Bilder, Spuren
Kunst Meran, Meran
Noch bis 18.1.2026
Di-Sa 10-18, So u. Fe 11-18
www.kunstmeranoarte.org