23. März 2020 - 7:22 / Hannah Horsten / Aktuell 

Das Internet ist in der jetzigen Situation Segen und Krux gleichzeitig. Vor 100 Jahren, zur Zeit der Spanischen Grippe, wäre ich vermutlich an die Decke gegangen bei der Aussicht auf eine unbestimmte Zeit in Isolation. Erstens aus Langeweile, zweitens aus Angst, dass irgendwem etwas passiert und ich es nicht kontrollieren kann.

So als könnte ich das jemals.

Manchmal entwickle ich Befürchtungen vor Kontrollverlust. Aber ich habe gelernt, eine zweite Stimme zu entwickeln, weil sich das so gut wie immer als nötig herausstellt, um kein nerviger Freak zu sein. Diese Stimme ist lustig und entspannt. Sie lacht mich oft mehrmals am Tag aus und reißt Metaphern. Diese Stimme lasse ich dann oft raus. Z.B., wenn man einen Zug verpasst, wenn schlechte Noten geschrieben werden oder wenn Konzerttickets ausverkauft sind. Dadurch, dass ich mich so oft allein ärgere, empfinde ich es als unglaublich ermüdend, in einer Gruppe von Leuten zu sein, die dasselbe machen.

Diese Stimme war auch immer da, wenn es um das Coronavirus ging. Sie hat alles mit Humor abgetan, da Ängste zu zeigen unfassbar uncool ist. Und jetzt sitzen wir hier. Zu Hause. Und wenn ihr euch umseht und feststellt, dass es nicht euer zu Hause ist, solltet ihr bestmöglich dorthin. Insofern eines vorhanden ist.

Denn wir sind unglaublich privilegiert. Alles, was wir in dieser Situation machen müssen, ist zu Hause zu bleiben. Wir müssen nicht flüchten. Wir müssen nicht hungern. Wir müssen uns keine neuen Identitäten zulegen. Und dennoch haben wir Sorgen und Ängste. Weil das eben verdammt menschlich ist. Und vielleicht können wir endlich einmal damit aufhören, diese als etwas Seltsames abzustempeln.

Jetzt gerade existiert im Prinzip keine Zeit und somit auch keine Zukunft. Ich habe die letzten 10 Jahre gefühlt immer zwei Wochen voraus gelebt. Was mache ich nächstes Wochenende? Wie viele Prüfungen habe ich diesen Monat? Wie verbringe ich dieses Jahr meinen Geburtstag? All das ist gerade völlig egal. Vor kurzem dachte ich noch, dass ich die Wochentage ganz normal an der Uni verbringen werde. Wir alle dachten das. Von der Regierung abwärts. Keiner hat nun eine Idee, wie es konkret weitergeht. Und obwohl es so unwichtig ist, wie ich gerade meine Zeit konkret einteile, verfolgen mich die Gedanken einer leistungsorientierten Gesellschaft.

"Du malst doch so gerne, du könntest doch ein Bild malen." "Wenn du eh schon zu Hause sitzt, kannst du ja auch endlich mal deinen Schrank aussortieren." "Mach Yoga, das entspannt dich." "Du hast dich immer beschwert, dass du keine Zeit hast zum Schreiben, schreib doch j-e-t-z-t!" Aber wirklich alles, was ich in den letzten Tagen gemacht habe, war, im Internet rumzuhängen. Um mir auf Twitter sekündliche Updates zu Corona durchzulesen und auf Instagram Tipps zu holen - wie man doch seine Zeit zu Hause sinnvoll nutzen kann.

Und ich weiß, das ist alles nett gemeint. Aber ich glaube, das Wichtigste, was wir aus dieser Zeit mitnehmen, sind nicht tausende Leute, die von 0 auf 100 unfassbar kreativ sind. Sondern wie unglaublich schnell wir sonst sind. Wir denken an die verschwendete Zeit seit zwei Stunden, an die zu buchenden Flüge in zwei Monaten, an die Bewerbungen für den Master Lehrgang in zwei Jahren.

Das ist alles hinfällig.

All we have is now.

Hannah Horsten studiert Journalismus und Politikwissenschaft in Wien



Militär-Notfallkrankenhaus während der Spanischen Grippe in Kansas, 1918 oder 1919
Militär-Notfallkrankenhaus während der Spanischen Grippe in Kansas, 1918 oder 1919, Courtesy of the National Museum of Health and Medicine, Armed Forces Institute of Pathology, Washington, D.C., United States
© Hannah Horsten
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