Die Ausstellung im Jüdischen Museum Wien zeigt, dass Vergessen nicht nur das Gegenteil von Erinnern ist, sondern Teil einer komplexen Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart.
Im Hebräischen reimen sich die Wörter lischkoach (Vergessen) und koach (Macht/Stärke), was die doppelte Natur des Vergessens offenbart. So erzählt die Ausstellung „Alles vergessen“ aus kulturhistorischer Perspektive von der Macht und der Ohnmacht des Vergessens und stellt die Frage, ob es lediglich Verlust bedeutet oder auch Befreiung sein kann.
Die Macht des Vergessens wird unterschiedlich angewendet und lässt die Vergessenen ohnmächtig zurück. Innerjüdisch stellt der große Bann (Cherem), der ein Gemeindemitglied nicht nur aus der Gemeinschaft ausschließt, sondern auch jegliche Erinnerung an ihn auslöschen soll, die größte rabbinische Bestrafung dar. Aber auch gegen äußere Feinde wird der Fluch des Vergessens ausgesprochen. „Jimach schemo”, sein Name sei ausgelöscht, wird gegen einzelne Feinde des jüdischen Volkes ausgesprochen.
Ziel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik war es, die jüdische Bevölkerung nicht nur zu ermorden, sondern auch die Beweise für den Massenmord zu tilgen. Als die Konzentrations- und Vernichtungslager befreit wurden, blieben nur jene Zeugnisse übrig, die die Nationalsozialisten nicht mehr hatten vernichten können. Nach 1945 wollten viele Österreicher:innen vergessen, was geschehen war und woran sie sich beteiligt hatten. Diese „Vergessenskultur“ wurde erst mit der Waldheim-Affäre im Jahr 1986 durchbrochen.
In Zeiten, in denen historische Verantwortung und Erinnerung zunehmend infrage gestellt werden, ist es wichtig, über die Mechanismen des Vergessens zu sprechen und zu fragen, was verdrängt, überschrieben oder übersehen wird und was bewusst ausgelöscht wurde.
Teilnehmende Künstler:innen: Arnold Dreyblatt, Dani Gal, Esther Hovers, Brigitte Kowanz, Maya Schweizer, Siggi Sigurdsson, William Utermohlen und Patrick Zachmann.
„Alles vergessen“ entstand in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Hohenems und wird dort vom 8. November 2026 bis zum 18. April 2027 gezeigt.
Alles vergessen
28. Jänner 2026 bis 6. September 2026