30. Mai 2019 - 17:38 / Ausstellung / Tanz 
21. März 2019 10. Februar 2020

Wien zählte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den internationalen Zentren für Modernen Tanz. Die Ausstellung unternimmt den Versuch, zentrale Tänzerinnen der Moderne in die große Wien-Erzählung einzuschreiben.

Im Fokus stehen dabei für die europäische Moderne wegweisende Tänzerinnen, Choreografinnen und Pädagoginnen wie Isadora Duncan, Grete Wiesenthal, Gertrud Bodenwieser und Rosalia Chladek aber auch Valeria Kratina, Gertrud Kraus, Hilde Holger u. a. Die Schau veranschaulicht die Vielfalt und Dichte einer von Frauen bestimmten Tanzszene, die von der NS-Diktatur zerstört und im Exil weiterentwickelt wurde. Durch fortwirkende Bewegungslehren der Moderne und verwandte Themenkreise lassen sich zwischen dem gesellschaftskritischen Geist von damals und heute Fäden spinnen. Dem entsprechend endet die von Andrea Amort kuratierte und von Thomas Hamann gestaltete Schau in der Gegenwart mit Film-Beiträgen u. a. von Amanda Piña, Doris Uhlich, Thomas Kampe und Simon Wachsmuth.

Ausgangspunkt der Ausstellung war die 2015 erfolgte Übergabe des umfangreichen Text-Nachlasses der Tänzerin, Choreografin und Pädagogin Rosalia Chladek (Brünn 1905–1995 Wien) an das neu gegründete Tanz-Archiv der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK). Die Internationale Gesellschaft Rosalia Chladek (IGRC) sprach Andrea Amort das Vertrauen zu dessen Erschließung aus. Das Theatermuseum wird das wertvolle Material, das weit über hundert Archivschachteln umfasst, nach Beendigung der Beforschung in seinen Bestand übernehmen. Die Kuratorin und die Direktion des Hauses entschieden sich bei der Planung der Ausstellung dennoch für keine Chladek-Personale, da Leben und Werk dieser Persönlichkeit, die das tänzerische Wien ab 1925 70 Jahre lang bis zu ihrem Tod mitgestaltete, bekannt sind. Vielmehr geht es hier um eine veranschaulichte Konstruktion des Aufbruchs des Modernen Tanzes in Wien seit 1900 und der ungemein dichten, von Frauen dominierten Szene bis 1938. Rosalia Chladeks Schaffen leuchtet darin immer wieder auf.

Dass der Austrofaschismus und das NS-Regime den demokratischen, freigeistigen und „umstürzlerischen“ (Alfred Schlee, 1930) Modernen Tanz instrumentalisierte, ist bis heute Thema der längst nicht abgeschlossenen Geschichts- und Tanzforschung zu dieser Zeit. Durch die Vertreibung und Ermordung des Großteils seiner VertreterInnen zerstörte das NS-Regime zwischen 1938 und 1945 weitgehend die Wiener Tanzmoderne. „Nicht alle konnten ausreisen“, formulierte Chladek 1990 ihre Haltung zu jener Zeit. Wie Grete Wiesenthal, die ebenfalls in Wien geblieben war, verhalf sie jedoch jüdischen KollegInnen zur Flucht. Aktiv im Widerstand tätig war die Wienerin Hanna Berger. Zahlreiche Flüchtlinge wurden in ihrer neuen ‚Heimat‘ zu Schlüsselfiguren einer dort entstehenden neuen Tanzmoderne: darunter Gertrud Bodenwieser, Hilde Holger, Gertrud Kraus.

Die Ausstellung gliedert sich in drei Teile: Der Eingangsbereich ist Rosalia Chladek gewidmet. Der Doku-Raum steht im Zeichen historischer Materialien: Text, Foto und Film. Der Kunst-Raum gilt der jüngeren und zeitgenössischen Betrachtung des Themas. Er öffnet den Raum für performative Programme und bietet auch eine Bewegungsanleitung für die BesucherInnen an. Die Ausstellung schlägt also eine Brücke bis in die unmittelbare Gegenwart. Lehrmethoden und Tanztechniken, auch manche Tanzwerke haben in Mitteleuropa wie auch in den Exilländern überdauert bzw. sind Allgemeingut geworden. Nachfahren der Protagonistinnen und Forschende, aber auch zeitgenössische KünstlerInnen, die sich in der Tradition oder den Themen verwandt fühlen, kommen in Interviews oder mit eigenen künstlerischen Arbeiten zu Wort.

Rosalia Chladek Reenacted heißt die speziell für die Ausstellung entwickelte Aufführungsserie, die von Tänzerinnen der freien Wiener Szene im Eroica-Saal des Theatermuseums gezeigt wird. Ausgangspunkt sind tradierte historische Soli aus dem Werkkatalog von Chladek. Bits and Pieces sind Tanz-Kurzstücke und Lectures, die von KünstlerInnen der Wiener Szene und Studierenden der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) als Teil der Ausstellung an speziellen Nachmittagen gestaltet werden. Führungen mit ExpertInnen und ein Vermittlungsangebot für Schulen ergänzen das Projekt.

Die aufwendig gestaltete und reich bebilderte Publikation Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne, herausgegeben von Andrea Amort (bei Hatzje Cantz, Berlin) begleitet die Ausstellung. Aus der Sicht von TanzhistorikerInnen und KünstlerInnen sowie ExpertInnen aus benachbarten Sparten erweitert sie das kulturelle Gedächtnis Österreichs um diese von Frauen dominierte Tanzmoderne bis 1938 und ihre Auswirkungen bis heute. Es handelt sich dabei um die erste umfassende Darstellung der Wiener Tanzmoderne inklusive eines Netzwerk-Lexikons. Zu den AutorInnen gehören: Thomas Aichhorn, Gaby Aldor, Arno Böhler, Carol Brown, Gerhard Brunner, Brigitte Dalinger, Paul M. Delavos, Monika Faber, Inge Gappmaier, Deborah Holmes, Thomas Kampe, Elke Krasny, Johanna Laakkonen, Barbara Lesák, Alfred Oberzaucher, Gunhild Oberzaucher-Schüller, Amanda Piña, Stefan Schmidl, Vera-Viktoria Szirmay, Doris Uhlich, Edwin Vanecek, Patrick Werkner und Andrea Amort.

Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) entstanden.

Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne
21. März 2019 bis 10. Februar 2020

Theatermuseum
Lobkowitzplatz 2
A - 1010 Wien

W: https://www.theatermuseum.at

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  •  21. März 2019 10. Februar 2020 /
"Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne" Theatermuseum © KHM-Museumsverband
"Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne" Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Gertrud Kraus in "Wodka", um 1924, Foto: Martin Imboden, Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Gertrud Kraus in "Wodka", um 1924, Foto: Martin Imboden, Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Rosalia Chladek im Vorraum zum Festsaal der Schule Hellerau für Rhythmus, Musik und Körperbildung, Dresden, 1925, Foto: Anonym,  Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Rosalia Chladek im Vorraum zum Festsaal der Schule Hellerau für Rhythmus, Musik und Körperbildung, Dresden, 1925, Foto: Anonym, Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Rosalia Chladek in "Jeanne d'Arc", Stockholm, 1938, Foto: Anna Riwkin,  Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Rosalia Chladek in "Jeanne d'Arc", Stockholm, 1938, Foto: Anna Riwkin, Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Isadora Duncan, o. J., Foto: Anonym,  Isadora Duncan, o. J., Foto: Anonym
Isadora Duncan, o. J., Foto: Anonym, Isadora Duncan, o. J., Foto: Anonym
Hilde Holger in "Golem", Wien, 1937, Foto: Anonym,  © Hilde Holger-Archive London
Hilde Holger in "Golem", Wien, 1937, Foto: Anonym, © Hilde Holger-Archive London
Tanzschule Hellerau-Laxenburg, 1929, Foto: Wilhelm Willinger,  Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Tanzschule Hellerau-Laxenburg, 1929, Foto: Wilhelm Willinger, Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Figurine für Hilde Holgers Tanz "Festlicher Marsch", um 1929, Entwurf: Erni Kniepert,  Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Figurine für Hilde Holgers Tanz "Festlicher Marsch", um 1929, Entwurf: Erni Kniepert, Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Ruth St. Denis, Wien, um 1907/08, Foto: Madame dʼOra,  Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Ruth St. Denis, Wien, um 1907/08, Foto: Madame dʼOra, Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Mura Ziperowitsch, Wien, 1920er Jahre, Foto: Anonym, o. J.,  Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Mura Ziperowitsch, Wien, 1920er Jahre, Foto: Anonym, o. J., Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Cilli Wang in "Das Gespenst", 1936, Foto: Gevaert,  © Privatbesitz
Cilli Wang in "Das Gespenst", 1936, Foto: Gevaert, © Privatbesitz
Tänzerinnen des Ensembles Gertrud Bodenwieser in "Dämon Maschine", 1936, Foto: dʼOra-Benda,  Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Tänzerinnen des Ensembles Gertrud Bodenwieser in "Dämon Maschine", 1936, Foto: dʼOra-Benda, Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Grete Wiesenthal in "Andante con moto", Wien 1906/08, Foto: Moriz Nähr,  Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Grete Wiesenthal in "Andante con moto", Wien 1906/08, Foto: Moriz Nähr, Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Int. Sommerkurs des Schweizerischen Berufsverbandes für Tanz und Gymnastik, Zürich, 1949, Rosalia Chladek, Mary Wigman, Hans Züllig, Harald Kreutzberg, Kurt Jooss (v. li.), Foto: Anonym,  © Tanz-Archiv, MUK Wien
Int. Sommerkurs des Schweizerischen Berufsverbandes für Tanz und Gymnastik, Zürich, 1949, Rosalia Chladek, Mary Wigman, Hans Züllig, Harald Kreutzberg, Kurt Jooss (v. li.), Foto: Anonym, © Tanz-Archiv, MUK Wien
Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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