26. April 2008 - 3:29 / Ausstellung / Archiv 
16. Januar 2008 4. Mai 2008

Erstmals in der Schweiz präsentiert das Museum Tinguely vom 16. Januar bis 4. Mai 2008 umfassend das Werk Hannah Höchs (1889–1978), der einzigen Mitstreiterin von Dada Berlin. Die Ausstellung reicht von den frühen Werken aus der Dada-Zeit während und nach dem Ersten Weltkrieg über das vielfältige Schaffen aus den zwanziger Jahren, als Höch in Kontakt mit vielen wichtigen Künstlerinnen und Künstlern der Avantgarde wie Kurt Schwitters, Hans Arp, Theo van Doesburg stand.

Teilweise in Zusammenarbeit mit diesen entstanden meisterhafte, tiefsinnige und ironische Collagen. Die im Geheimen entstandenen Werke der dreissiger und vierziger Jahre mit ihrer verschlüsselten Kritik an der Herrschaft der Nationalsozialisten werden ebenso gezeigt wie die wenig bekannten späten Arbeiten. Letztere scheinen in Motiven und Farbgebung die Pop Art vorwegzunehmen und reagieren auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Eine Abteilung über Hannah Höchs Garten – ein Motiv, das sich im Werk der Künstlerin durchgehend findet – schliesst die Ausstellung ab. Die Schau, die in enger Zusammenarbeit mit der Berlinischen Galerie, dem Sitz des Hannah Höch-Archivs, konzipiert wurde, ist chronologisch aufgebaut und in fünf Abschnitte gegliedert. Sie setzt ein mit der grossformatigen Fotocollage Lebensbild, die Höch 1972/1973 gewissermassen als visuelle Autobiographie schuf. Darin tauchen zahlreiche ihrer wichtigsten Werke auf, denen die Besucher der Ausstellung dann begegnen werden.

1915 lernte die 1889 in Gotha geborene und in grossbürgerlichem Haus aufgewachsene Hannah Höch, die sich ihr Studium bei Emil Orlik an der Lehranstalt des Berliner Kunstgewerbe-Museums durch ihre Tätigkeit als Entwurfszeichnerin in der Redaktion für Handarbeiten im Ullstein Verlag verdiente, den Künstler Raoul Hausmann kennen. Bis 1922 verband Höch und Hausmann, der seit 1908 mit der 10 Jahre älteren Elfriede Schaeffer verheiratet war und mit ihr eine Tochter hatte, eine leidenschaftliche, für Höch qualvolle Beziehung, da Hausmann nicht willens war, sich von seiner Frau zu trennen. Vielmehr sah er den Grund für die schwierige Beziehung in Höchs Prägung durch eine "patriarchalisch-autoritäre" Erziehung, die sie überwinden müsse.

Diese persönlich schwierige Zeit war für Höch in künstlerischer Hinsicht äusserst fruchtbar, konnte sich die junge Künstlerin doch mit ihren virtuosen und spielerisch-hintersinnigen Collagen und Objekten im Männerbund der egozentrischen Berliner Dadaisten Hausmann, Johannes Baader, George Grosz, Richard Huelsenbeck, John Heartfield durchaus behaupten. So war sie im Sommer 1920 mit einem Dutzend Arbeiten an der legendären "Ersten Internationalen Dada-Messe" beteiligt. Hauptwerke dieser Phase wie die Collagen Dada-Rundschau sowie die beiden Dada-Puppen zeigen Höch als wache und witzige Kommentatorin der politischen und sozialen Veränderungen der Zeit nach dem ersten Weltkrieg.

Eine im Herbst 1920 allein unternommene Wanderung nach Rom markierte schon vor dem Auseinanderbrechen der Berliner Dada-Gruppe und der Trennung von Hausmann nicht nur räumlich, sondern auch emotional Distanznahme und Unabhängigkeitsstreben. Nun erst war Hannah Höch frei, die Freundschaften zu Künstlern wie Hans Arp, Theo von Doesburg und dessen Frau Nelly, El Lissitzky, Piet Mondrian, László Moholy-Nagy, Kurt Schwitters und anderen zu pflegen und gemeinsame Arbeiten zu schaffen. So entstand nach und nach ein ganz Europa umspannendes Netz von Künstlerfreundschaften. 1926 begegnete sie während eines Aufenthaltes bei Freunden in Holland der Schriftstellerin Til Brugman, mit der sie bis 1935 in Den Haag und später in Berlin zusammenlebte. In diesen Jahren schuf Höch ein reiches Œuvre, dessen Vielgestaltigkeit ihr Streben nach persönlicher und künstlerischer Freiheit widerspiegelt. Dabei war ihr ihre Tätigkeit in den angewandten Künsten Mode und Illustration sehr von Nutzen. Eine reiche Auswahl von Gemälden wie Roma oder Die Journalisten, Collagen wie das Schnurenbild oder Das Sternfilet, Zeichnungen und Dokumenten veranschaulicht diese künstlerisch fruchtbare Dekade der Befreiung und des Austauschs.

Schon vor der Machtergreifung der Nazis hatte sich das politische und kulturelle Klima in Deutschland stark verändert. Nach 1933 gerieten die neuen Tendenzen in Literatur und Kunst noch stärker unter Beschuss; zahlreiche avantgardistische Künstlerinnen und Künstler mussten das Land verlassen. Auch Hannah Höchs Werke fanden sich prominent in diffamierende Publikationen und Ausstellungen wie Säuberung des Kunsttempels und "Entarte Kunst" von 1937. Die Anfeindung und Verfemung trieben Höch, die in dieser Zeit zudem schwer erkrankte, in die innere Emigration. 1939 zog sie sich gänzlich in ein kleines Haus in Berlin-Heiligensee zurück – ein "idealer Ort zum Vergessenwerden", wo sie sich und zahlreiche Kunstwerke ihrer avantgardistischen Künstlerfreunde vor dem Zugriff der Nazis rettete und im Verborgenen weiterhin Werke schuf. Hellsichtig kommentieren Gemälde wie Die Spötter oder Wilder Aufbruch die herrschenden Verhältnisse, in denen kritische Stimmen brutal zum Schweigen gebracht wurden.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete für Hannah Höch wie für viele andere Künstler die Befreiung von künstlerischer Knebelung und existenzieller Bedrohung. Schon in den späten vierziger Jahren galt Hannah Höch nicht mehr nur als wichtige Zeitzeugin für die Anfänge der modernen Kunst in Deutschland und Europa; vielmehr wurde allmählich auch ihr wichtiger Beitrag zur Moderne selbst wahrgenommen. Doch Höch wollte nicht nur als historisch bedeutende Künstlerin gesehen werden. Denn bis zu ihrem Tod 1978 schuf sie (als eine der wenigen aus der Dada-Szene) ein vollgültiges, virtuoses Alterswerk, dem die nun massenhaft verfügbare Farbfotografie nochmals einen entscheidenden Impuls gab. Die Ausstellung präsentiert zahlreiche dieser virtuosen Collagen, in denen die Künstlerin mit den Farben der vorgefundenen Bildausschnitte regelrecht "malt".

Nicht erst seit dem erzwungenen Rückzug in ihr Haus in Berlin-Heiligensee nahmen Motive wie Pflanzen, Natur und Garten in Höchs Schaffen eine wichtige Rolle ein: Mit ihrer Verletzlichkeit erschien die Pflanze Hannah Höch als Gegenüber für den sensiblen Menschen und Bild für die menschliche Existenz überhaupt. Der Garten war Ort von Freiheit und Schönheit, von Wunderbarem und Skurrilem und als Höchs eigentliches Gesamtkunstwerk – ein reales Utopia, in dem sich die von Höch ersehnte Autarkie und Vielfalt realisieren liess. Der letzte Raum der Ausstellung zeigt daher Werke aus den verschiedenen Schaffensperioden zu Themen wie Natur, Pflanze und Garten. Verschiedene Filme zeigen die Künstlerin in ihrer "vegetabilen Collage".

Die in Zusammenarbeit mit der Berlinischen Galerie konzipierte Ausstellung wurde für Basel um wichtige Leihgaben aus Schweizer und deutschen Sammlungen bereichert und ermöglicht so einen repräsentativen Überblick über das Leben dieser aussergewöhnlichen Künstlerin.


Zur Ausstellung erscheint in einer deutschen Ausgabe bei Hatje Cantz Verlag ein reich bebilderter Katalog mit Beiträgen von Ralf Burmeister, Maria Makela, Werner Hofmann, Karoline Hille, Bettina Schaschke, Jörn Merkert und Janina Nentwig. Ca. 220 S., zahlreiche farbige und schwarzweisse Abb., gebunden mit Schutzumschlag, sowie eine Broschüre mit Beiträgen von Guido Magnaguagno und Heinz Stahlhut und einer illustrierten Werkliste der Basler Ausstellung. (CHF 59.-)

Hannah Höch – Aller Anfang ist Dada
16. Januar bis 4. Mai 2008

Museum Tinguely
Paul Sacher-Anlage 1
CH - 4002 Basel

T: 0041 (0)61 68193-20
F: 0041 (0)61 68193-21
E: infos@tinguely.ch
W: http://www.tinguely.ch/

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