27. September 2010 - 2:16 / Ausstellung / Archiv 
12. Juni 2010 3. Oktober 2010

Der Künstler Max Ernst (1891–1976) war ein Mann der Bücher. Kein Tag verging, an dem er nicht las. Die Ausstellung setzt den Schwerpunkt auf seine grafischen Blätter und Zyklen, die oft in Vorbereitung für seine illustrierten Künstlerbücher entstanden sind und die in Ausstellungen bisher selten in diesem Umfang gezeigt wurden.

Die Werkpräsentation gibt einen Überblick über alle Schaffensphasen des Dadaisten und Surrealisten, der zu den anregendsten und einflussreichsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zählt. Seine verwirrendverstörenden surrealen Bildwelten haben Generationen von Künstlern beeinflusst. Die Auswahl reicht von seinen frühen Arbeiten aus der Kölner Dadazeit 1921, über seine nach der Emigration 1941 entstandenen Arbeiten aus den USA bis zu jenen Werken, die nach seiner Rückkehr 1953 bis 1976 in Frankreich entstanden sind. Die rund 450 Exponate zeigen etwa 20 grafische Werkzyklen, die durch 26 zentrale Gemälde und 13 Skulpturen Max Ernsts ergänzt werden.

Im Zentrum der Ausstellung stehen das Buchmedium und der Collageroman. Max Ernsts Werk ist durch eine Vielfalt unterschiedlicher Stile, Techniken und Themen kaum in seiner Gesamtheit zu fassen, in dem Prinzip der "Collage" jedoch lässt sich ein technisch-intellektuelles Verfahren bestimmen, das alle Werkphasen durchzieht. In seinen zum Teil erfundenen biografischen Notizen beschreibt der Künstler, wie er an einem regnerischen Tag am Rhein 1919 zu dieser Technik der Kombinatorik findet. Das scheinbar sinnlose Nebeneinander und die Widersprüchlichkeit von Abbildungen in einem Lehrmittelkatalog erwecken in ihm einen halluzinatorischen Eindruck. Dieses bewusstseinserweiternde Verfahren der Kombination wesensfremder Gegenständen, die unsere Seherwartung irritieren, setzt er fortan in seiner "Kunst der Collage" ein. Dabei provoziert er eine "poetische Zündung" im Nebeneinander von wesensfremden Fundstücken.

In den Collageromanen La femme 100 têtes (Die hundertköpfige/kopflose Frau), 1929, Rêve d’une petite fille qui voulut entrer au Carmel (Das Karmelienmädchen. Ein Traum), 1930 und Une semaine de bonté (Die weiße Woche), 1934, gibt er sich bewusst als Antimodernist, indem er die mit der Patina des Vergangenen behafteten Abbildungsvorlagen aus naturwissenschaftlichen Zeitschriften, Trivialromanen und Verkaufskatalogen des 19. Jahrhunderts zu Bildgeschichten collagiert. Deren Spannung ergibt sich aus dem vermeintlichen Handlungsablauf und seinen zusammengesetzten Phantasiewesen. Die fantastische Bildwelt des Künstlers Max Ernsts appelliert an traumatische Urängste von Lust und Gewalt, Schmerz und Begierde.

Die Ausstellung zeigt die komplette Kollektion der Werke des Sammlers und Unternehmers Reinhold Würth, die als eine der größten privaten Sammlungen Max Ernsts überhaupt gilt. Der ausgewiesene Max Ernst-Spezialist Werner Spies hat die Auswahl für die Sammlung Würth zusammengetragen. Für die Präsentation in Salzburg konnte das Museum der Moderne die Privatsammlung durch weitere hochkarätige Gemälde und Skulpturen aus internationalen Museen wie aus privatem Besitz ergänzen.

Die Ausstellung wird begleitet von der Publikation im Swiridoff Verlag mit einem Vorwort von Toni Stooss und einem grundlegenden Essay von Werner Spies. Albtraum und Befreiung in der Sammlung Würth, Werner Spies und C. Sylvia Weber (Hg.), 368 Seiten, mit weit über 200 Farbabbildungen.

Albtraum und Befreiung

Max Ernst in der Sammlung Würth
12. Juni bis 3. Oktober 2010

Museum der Moderne Mönchsberg
Mönchsberg 32
A - 5020 Salzburg

T: 0043 (0)662 842220-403
F: 0043 (0)662 842220-700
E: info@museumdermoderne.at
W: http://www.museumdermoderne.at/

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  •  12. Juni 2010 3. Oktober 2010 /
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Max Ernst; Frontispiz, Leonora Carrington, La Dame ovale, 1939. Sammlung Würth; © VBK, Wien, 2010
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Max Ernst; Die Horde, 1927. Öl auf Leinwand, 64 x 80 cm. Sammlung Würth; © VBK Wien 2010