24. November 2019 - 5:15 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
24. November 2019 23. Februar 2020

Flüchtlinge lassen ihre Heimat, ihre Freund/innen, Verwandte, oft die ganze Familie zurück, weil sie aus welchem Grund auch immer, für sich keine Zukunft sehen, dort, wo sie lebten. Sie gehen ins Ungewisse, ins Fremde, ohne die eigene Sprache, ohne die Gemeinschaft von Familie und Freund/innen. Eine drastische Veränderung der Existenz voller Unsicherheiten beginnt.

"Ich brauche die persönliche Begegnung, daraus entsteht dann mehr. Vorgegebene Ziele mag ich nicht. Kunst entsteht aus dem Staunen der Begegnung – im Staunen erkennt man das Potenzial, jenes Potenzial, das uns sagt, dass es dort etwas gibt und gleichzeitig etwas fehlt. Meine Arbeit besteht darin, dieser An- und Abwesenheit auf den Grund zu gehen." Adrian Paci

Emigration, das Verlorensein in einer fremden Welt, der Verlust von Gemeinschaften, die Suche nach neuer Identität und die Sehnsucht nach dem Verlorenen und den Verlorenen sind zentrale Themen im Werk des albanischen Künstlers Adrian Paci. Dafür schafft er ikonische, starke Bilder, Videos und Skulpturen. In der frühen Videoinstallation Apparizione (2001), die kurz nach seiner Emigration aus Albanien Ende der 1990er-Jahre entstand, filmt er seine kleine Tochter, wie sie in Italien versucht, ein albanisches Kinderlied zu singen. Auf einer zweiten, gegenüberliegenden Projektion sieht man die in Albanien zurückgebliebene Familie, wie sie ihr gemeinsam dabei hilft, die Verse des Liedes zu vervollständigen – einfach und eindrücklich zugleich. Eine seiner bekanntesten Arbeiten, ein Schlüsselwerk für das aktuell so brisante Thema der Migration, "Centro di permanenza temporanea" (2007), zeigt einprägsam, präzise und verständlich das Dilemma des Nichtgewolltseins und die Verlorenheit der Gehenden.

In der Kunsthalle Krems zeigt Paci Werke, die besonders den Verlust von Gemeinschaften thematisieren, z. B. die neue Videoarbeit Interregnum (2017), in der er Archivmaterial von Trauerfeiern der "großen" Diktatoren des 20. Jahrhunderts wie Mao, Stalin u. a. zusammenschneidet – ein kaum vorstellbares Dokument momentaner menschlicher Trauer, die in erster Linie aus dem geahnten Verlust der bestehenden Gemeinschaft genährt wird.

Die Ausstellung hat einen retrospektiven Charakter und spannt einen Bogen über die frühen Arbeiten der 1990er-Jahre bis zu ganz aktuellen, zum Teil für die Ausstellung entwickelten Werken, wie dem Video "Prova" (2019). In diesem geht Paci von einem älteren Werk, "Turn on" (2004), aus und arbeitet mit denselben Protagonisten, Arbeitssuchenden aus Shkodër in Albanien, weiter. Neben einer Reihe von Videoarbeiten zeigt Paci auch Zeichnungen und Malerei sowie die ikonische Skulptur "Home to go" (2001).

Adrian Paci wurde 1969 in Shkodër in Albanien geboren. Er emigrierte in den späten 1990er-Jahren nach Mailand, Italien. Paci lebt und arbeitet heute in Mailand und Shkodër. Adrian Paci war zweimal Vertreter Albaniens auf der Biennale in Venedig, 1999 und 2005. Er hat international in großen Ausstellungshäusern wie dem MoMA PS1 in New York, dem Folkwang Museum in Essen und dem Jeu de Paume in Paris ausgestellt.

Adrian Paci im Gespräch mit Kathrin Rhomberg
(Auszug aus dem Katalog)

Kathrin Rhomberg: Eine zentrale Frage der Kunst wird im Zusammenhang mit der »zeitgenössischen Kunst« nur selten diskutiert, und es würde mich interessieren, ob sie für dich relevant ist: die Frage nach der Wahrheit und ob Kunst fähig ist, ein Medium der Wahrheit zu sein.

Adrian Paci: Natürlich sind Fragen nach der Wahrheit in der Kunst mir wichtig. Es geht mir allerdings weniger um den Begriff der »Wahrheit« als vielmehr um die Notwendigkeit, persönliches Erleben auszudrücken und in die Sprache zu übertragen. Ich vermute, dass die Beziehung zwischen der Ausdrucksform und der Erfahrung, zwischen Fiktion und Realität damit zu tun hat, was allgemein als »Suche nach der Wahrheit« bezeichnet wird. Ich sehe deshalb meine Arbeit auch als Ausdruck des Bedürfnisses, die reale Erfahrung in die Sprache der Kunst zu übersetzen. Dabei verzichte ich bewusst auf Ausschmückungen und versuche mich auf das Notwendigste zu beschränken. Wenn sich auf diese Weise verschiedene Zugänge und Interpretationen ergeben, dann aufgrund der Tiefe und Vielschichtigkeit der menschlichen Erfahrung. Denn nur in der Begegnung mit dem Leben trifft man auf Geschichten, Bilder, Gesten oder gar Fantasien.**

Kathrin Rhomberg: An welche Werke denkst du, wenn du von der Notwendigkeit sprichst, persönliches Erleben künstlerisch produktiv zu machen?

Adrian Paci: Zunächst einmal an Albanian Stories (1997), meine erste Videoarbeit. Sie handelt von einem kleinen Mädchen, das eine traumatische Erfahrung durchlebt, aber mithilfe des Geschichtenerzählens und erfindens damit umzugehen lernt. Sie verleiht der Erfahrung etwas Leichtes und Spielerisches, das ich für sehr wichtig halte.

Kathrin Rhomberg: Der Film handelt auf sehr eindrückliche und bewegende Weise von der Erfahrung der Migration, aber auch vom Leben in einem zerrütteten Land. Es sind Erfahrungen, die auch du als junger Künstler in Albanien gemacht hast. Wie hat dich das geprägt?

Adrian Paci: Das hat mich natürlich sehr geprägt. Die radikale Veränderung meines Lebens fiel mit meiner Suche nach neuen Ausdrucksformen in der zeitgenössischen Kunst zusammen. Während meines Studiums an der Akademie der Künste in Tirana waren wir alle sehr daran interessiert, möglichst viele Informationen darüber zu sammeln, was um uns herum vorging. Wir wollten überwinden, was wir von der Kunst der Vergangenheit gelernt hatten, und uns eigene, neue Bezugspunkte schaffen. Aber währenddessen wurde Albanien ein anderes Land, womit unsere Bezugspunkte ihre Bedeutung verloren. Doch auch meine Auswanderung nach Italien 1997 brachte eine enorme Veränderung mit sich.

Kathrin Rhomberg: Mit solchen Themen der Vergangenheit beschäftigst du dich auch in der Malerei. Du wurdest ja als Maler ausgebildet, und nach Ende deines Studiums an der Akademie der Künste in Tirana blieb die Malerei jahrelang dein wesentliches künstlerisches Ausdrucksmittel. Wie hängen Malerei und Video für dich zusammen?

Adrian Paci: Die Erfahrung mit Video veränderte mein Verständnis von Malerei grundlegend. Als junger Maler versuchte ich meinen eigenen Stil, meinen eigenen Gestus, meine eigene Note zu finden. Doch die Erfahrung mit meiner Videoarbeit von 1997 eröffnete mir eine andere Perspektive: Ich gestaltete das Werk nicht aus mir selbst heraus, sondern es entstand aus dem Prozess der Begegnung mit dem, was sich vor mir ereignete. Diese Erfahrung beeinflusste schließlich auch meine malerische Praxis. Statt »neue« Bilder zu gestalten, begann ich mich auf vorhandene Bilder zu beziehen. Seither steht meine Malerei stets im Dialog mit dem Einzelbild eines Videos oder eines Films. Dabei ist das Bild immer durch eine Art Flattern charakterisiert, eine innere Bewegung, die selbst dann präsent ist, wenn es sich um ein Standbild handelt. Mit diesem neuen Zugang wurde meine Malerei viel leichter. Er befreite die Malerei und die Gestaltung des Bildes von der Last der Verantwortung. In diesem Sinne könnte man sagen, dass es in meiner Malerei mehr um das Aktivieren eines Prozesses geht als um das Erschaffen eines Objekts. Es geht immer darum, was aus dem Dialog mit dem entsteht, was sich vor mir ereignet. In diesem Dialog suche ich nach einem Potenzial, das ich durch die Geste der Malerei zu aktivieren versuche.

Kathrin Rhomberg: Was deine erste Videoarbeit betrifft: Warum konntest du nicht auch mit der Malerei die dramatischen Ereignisse festhalten, die du und deine Familie durchlebt habt?

Adrian Paci: Es war die Potenzialität des Ereignisses, die Erzählung, die das Medium bestimmte. Das hätte ich mit der Malerei nicht umsetzen können.

Kathrin Rhomberg: Dasselbe gilt wahrscheinlich auch für andere Videoarbeiten. Wenn du in "Turn On" (2004) die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Realität der Arbeiter lenkst und damit gewissermaßen für ihr Recht eintrittst, angesichts ihrer miserablen ökonomischen Bedingungen wahrgenommen zu werden, oder wenn du in "The Line" (2007) eine Menschengruppe auf eine dieser mobilen Gangways zugehen lässt, die aber an kein Flugzeug angeschlossen ist, sodass die Menschen dort deplatziert sind – solche Momente können offensichtlich nur mit Video erfasst werden.

Adrian Paci: Ja, ich musste in einen viel unmittelbareren Dialog mit der Realität treten, und ich konnte das nur mit der Videokamera erreichen. Wie du weißt, wurde ich im Realismus ausgebildet. Deshalb war Kunst für mich immer das Resultat der Begegnung mit der Realität. Vielleicht ist jede Künstlerin und jeder Künstler mit der Frage konfrontiert, wie man wiedergeben kann, was man gesehen und erlebt hat. Wichtig scheint mir, dass man nicht bei einer reinen Beschreibung oder Information stehen bleibt. Für mich ging es auch darum, mich von der Malerei zu lösen und mit einem künstlerischen Medium zu arbeiten, das mir gänzlich fremd war. Zugute kam mir dabei die Frische des amateurhaften Zugangs, den ich ja in der Malerei längst nicht mehr hatte. Auf diese Weise verhalf mir die Arbeit mit Video dazu, mich nicht mehr so sehr mit der Frage des Mediums auseinandersetzen zu müssen und stattdessen eine direktere Verbindung zur Realität zu entwickeln.

Kathrin Rhomberg: Du sprichst von der Frische deines amateurhaften Zugangs zum Medium Video. Wie wichtig ist dabei die Form?

Adrian Paci: Die Form ist mir sehr wichtig, denn durch die Form manifestiert sich die Essenz der Dinge. Wir haben vorhin über die Frage nach der Wahrheit gesprochen: Wie nimmt die Wahrheit Form an, wie wird sie sichtbar? Das ist die große Frage. Wenn ich ein Kunstwerk schaffe, setze ich mich mit Form auseinander. Aber die Form hat keinen eigenständigen Wert. Vielmehr verhandelt Form jene Signale, die von etwas ausgehen, das Form annehmen möchte und in einer bestimmen Weise erscheint. So gesehen ist die Frage der Form sehr wichtig. Wahrheit kann nicht losgelöst von der Form gedacht werden, durch die sie sich offenbart. Letztlich geht es um das Was und das Wie – die beiden Aspekte sind miteinander verbunden. Das Was tritt auf bestimmte Weise in Erscheinung, somit liegt es an mir, mich mit dem Wie, also mit der Form, auseinanderzusetzen. Um auf deine Frage nach dem Amateurhaften zurückzukommen: Ich glaube, da geht es mehr um eine gewisse Unmittelbarkeit – das Fehlen von Filtern – als um irgendwelche stilistischen Entscheidungen.

Das komplette Interview ist im Ausstellungskatalog abgedruckt.

Adrian Paci. Lost Communities
24. November 2019 bis 23. Februar 2020
Kurator: Andreas Hoffer

Kunsthalle Krems
Franz-Zeller-Platz 3
A - 3500 Krems-Stein

T: 0043 (0)2732 9080-10
F: 0043 (0)2732 9080-11
E: office@kunsthalle.at
W: http://www.kunsthalle.at/

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Adrian Paci, At sea, 2017 © Adrian Paci
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Centro di permanenza temporanea, 2007 © Adrian Paci
Centro di permanenza temporanea, 2007 © Adrian Paci
Adrian Paci, Home to go, 2001 © Adrian Paci
Home to go, 2001 © Adrian Paci
Portrait © Adrian Paci
Portrait © Adrian Paci
Adrian Paci, Prova 1, 2019 © Adrian Paci
Prova 1, 2019 © Adrian Paci
Adrian Paci, Prova 2, 2019 © Adrian Paci
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The wedding, 2007 © Adrian Paci
The wedding, 2007 © Adrian Paci
Turn on, 2004 © Adrian Paci
Turn on, 2004 © Adrian Paci
Adrian Paci, Vajtojca, 2002 © Adrian Paci
Adrian Paci, Vajtojca, 2002 © Adrian Paci