21. Oktober 2020 - 2:07 / Ausstellung / Geschichte 
12. September 2020 5. April 2021

Das Forum Frohner im ehemaligen Minoritenkloster in Krems-Stein ist dem österreichischen Künstler Adolf Frohner (1934–2007) gewidmet. Impulsgebende Themenbereiche aus Frohners Werk und Wirken werden aufgegriffen und in wechselnden Ausstellungen mit nationalen und internationalen Künstler_innen in Beziehung gesetzt.

In den 1960er-Jahren reiste Adolf Frohner mehrfach nach Paris und begegnete dort erstmals dem Nouveau Réalisme. Besonders Frohners Materialbilder, Objekte und Assemblagen der 1960er-Jahre weisen deutliche Bezüge zum Nouveau Réalisme auf. Damit eröffnet sich eine neue Perspektive auf Frohners Werk aus dieser Zeit, aber auch auf seine Ikonografie des Figürlichen der späten 1960er- und 1970er-Jahre.

Das Forum Frohner zeigt in der Schau zentrale Werke aus der Sammlung des Mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Zu sehen sind Arbeiten des Verhüllungskünstlerpaares Christo und Jeanne-Claude, des Bildhauers César, des Malers und Bildhauers Raymond Hains und des Künstlers Daniel Spoerri. Aus Anlass seines diesjährigen 90. Geburtstages bildet Spoerris Position einen Schwerpunkt der Ausstellung. Unweit des Forum Frohner sind Spoerris Arbeiten im Ausstellungshaus Spoerri in Hadersdorf am Kamp zu sehen, das der Künstler 2009 ins Leben gerufen hat.

Die aus vierzehn Künstler_innen bestehende Gruppe der Nouveaux Réalistes um Pierre Restany mit Arman, César, Christo, Gérard Deschamps, François Dufrêne, Raymond Hains, Yves Klein, Martial Raysse, Mimmo Rotella, Niki de Saint Phalle, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Jaques Villeglé bestand von 1960 bis 1970.

Obwohl sich die Gruppe nicht durch einen einheitlichen Stil kennzeichnete, wirkte sie impulsgebend für eine Neuinterpretation des Realismus. Die Frage nach dem Verhältnis von Kunstwerk und Realität wurde dabei in einer antibürgerlichen Geste in neuer Radikalität vorgeführt. Die Verbindung von Kunst und Leben galt als neues Paradigma. Man entschloss sich, das Objekt an sich auszustellen und erstaunte in heute legendären Ausstellungen mit Objekten aus dem Alltag. Die Zugänge der Nouveaux Réalistes waren vielfältig und spannen den Bogen von einem Interesse an der Materialität der Objekte über eine ironische Umdeutung der Form bis hin zu einer performativen Auffassung des Kunstwerkes.

Adolf Frohners Begegnung mit dem Nouveau Réalisme

In den 1960er-Jahren reiste Adolf Frohner mehrmals nach Paris. Diese Aufenthalte wirkten sich impulsgebend auf sein gesamtes Schaffen aus, denn in Paris begegnete er den Avantgardeströmungen der Zeit. Künstlerisch befand Frohner sich damals in einer Umbruchphase. Er hatte sich in Zeichnung und Malerei zunächst mit der klassischen Moderne beschäftigt. Das Jahr 1960 markierte jedoch einen Wendepunkt. Frohner experimentierte mit der Beziehung zwischen Abbild und Realem. Er abstrahierte das Gesehene, kam rasch zu einer Auflösung der Form und fand zu einem verstärkten Interesse an der Materialität. Das "Materialbild" aus dem Jahr 1960 zeigt die Auseinandersetzung mit verschiedenen haptischen Qualitäten – Stoffe, Jute, Karton –, die zu einer Collage zusammengeführt werden. Die Unscheinbarkeit und der geringe Wert des Materials stehen im Gegensatz zum Anspruch einer tradierten Kunstvorstellung. Gerade das Bemühen, eine adäquate Annäherung an das Reale zu finden, beschäftigte Frohner in dieser Phase intensiv. Er sprach von einer "Suche nach Antworten auf die Wirklichkeit". Der Nouveau Réalisme hatte eine solche gefunden. Obwohl Frohner keinen direkten Kontakt mit der losen Gruppe hatte, zeigt die Veränderung seiner künstlerischen Auffassung im Jahr 1960 den Einfluss der Nouveaux Réalistes.

Frohner wurde in der Folge künstlerisch radikaler und mit der Aktion "Blutorgel" zum Mitbegründer des Aktionismus. In dieser Werkphase wandte er sich gegen die Nachkriegsgesellschaft und forderte für die Kunst ein Bekenntnis zum Widerstand gegen übliche Normen und Vorstellungen. Er arbeitete mit Gerümpel, das von einem Schrotthändler in sein gemeinsam mit Otto Muehl genutztes Atelier in der Wiener Perinetgasse gekippt wurde. Aus dem sperrigen Material entwickelte er durch Umformung Objekte von irritierendem Charakter. Wie bei César oder Arman spielte die Kritik an der kapitalistischen Nachkriegsgesellschaft durch die Umdeutung von industriellen Waren und Wegwerfprodukten eine Rolle. Darüber hinaus sollte die Kunst die Herrschaft des Realen und seine Erscheinung nicht mehr imitieren, sondern das Reale per se wurde durch die Umdeutung zum Kunstobjekt erklärt.

Ab 1962 wurde die Matratze für Frohner zu einem wichtigen Werkstoff. Er riss sie auf, bearbeitete und bemalte sie. Die Oberfläche des Objektes wurde damit zu einem zentralen Ausdrucksträger, die Aktion des Bearbeitens am Objekt ablesbar und konstitutiver Teil des Werkes. Sowohl Frohners Materialbilder als auch seine aktionistischen Matratzenobjekte zeigen Bezüge zu den Arbeiten der Nouveaux Réalistes, besonders zu Christos Untersuchungen der Oberfläche aus den 1960er-Jahren. Für beide war in diesem Zusammenhang Jean Dubuffet ein wichtiger Bezugspunkt.

In vielen Objektassemblagen der 1960er-Jahre bezieht sich Frohner auf Methoden der Nouveaux Réalistes. So erinnert sein Objekt "Die bunte Schachtel" (1963) an Gérard Deschamps’ Stoffassemblagen. Deschamps beschäftigte sich mit den Konventionen der Bekleidung, etwa indem er Damenunterwäsche zu einem Objekt transformierte oder Militärutensilien benützte. Auch Frohner versuchte mit seiner Arbeit eine Umdeutung. In Frohners Werk "Der Brustkasten" (1972) steht das Wortspiel im Zentrum, indem das Wort buchstäblich genommen und in ein Objekt übersetzt wird. Diese Verfahrensweise geht auf Daniel Spoerri zurück, der in Zusammenarbeit mit Robert Filliou die "Wortfallen" entwickelte, eine oft humorvolle Darstellung eines Sprichwortes.

In seinem figürlichen Werk ab Mitte der 1960er-Jahre übernahm Frohner Verfahren aus der Ideenwelt der Nouveaux Réalistes, jedoch kehrte er zum Tafelbild zurück. Auch thematisch finden sich klassische Sujets der Kunstgeschichte wieder. Der Mensch und existenzielle Themen werden zu zentralen Motiven, etwa in der "Kreuzigung" (1964). Bei dieser Arbeit kombiniert Frohner die Kreuzform mit einer Objektassemblage. In einem Erste-Hilfe-Kasten unterhalb der Kreuzigungsszene finden sich Operationsbesteck und Munition. Frohner nimmt hier eine radikale Interpretation des christlichen Leidensmotives vor.

Frohners persönliche Beziehung zu den Nouveaux Réalistes beschränkte sich auf eine lose Bekanntschaft, obwohl ihn eine 1970 – im Jahr der Auflösung der Gruppe – aufgenommene Fotografie mit Pierre Restany bei der Biennale von Venedig zeigt.

Der Nouveau Réalisme

Das "hinreißende Abenteuer des wirklichen Sehens" beschwört Pierre Restany in seinem Text "Les Nouveaux Réalistes". Er erschien anlässlich der von Restany im Mai 1960 in Mailand organisierten Kollektivausstellung mit Arman, Raymond Hains, François Dufrêne, Yves Klein, Jean Tinguely und Jacques Villeglé und gilt als erstes Manifest der Nouveaux Réalistes.

Am 27. Oktober 1960 fand dann der Zusammenschluss der losen Gruppe statt. Angeführt von Klein waren in dessen Wohnung in Nizza Arman, Tinguely, Dufrêne, Hains und Villeglé ebenso wie Daniel Spoerri und Martial Raysse versammelt. Mimmo Rotella und César waren eingeladen, jedoch verhindert. Später kamen Niki de Saint Phalle, Christo und Gérard Deschamps zur Gruppe hinzu. Das Manifest wurde in neun Exemplaren in den Farben Yves Kleins (Blau, Rosa und Gold) veröffentlicht, was seine zentrale Rolle in der Gruppe unterstreicht. Es war eine Absage an das traditionelle Werkverständnis, an die Vorstellung, dass ein Bild an die Wand und eine Skulptur auf einen Sockel gehört. Materialien des Alltags – Blech, Gebrauchsgegenstände und Nahrungsmittel – wurden ebenso Teil der Kunst wie Geräusche, Ton, Film oder die Betrachter_innen selbst.

Das zweite von Restany verfasste Manifest, "A 40° au dessus de Dada" ("Bei 40 Grad über Dada"), das auch titelgebend für die erste Ausstellung in der Pariser Galerie J von Jeannine Restany im Mai 1961 wurde, macht die Stimmung der Zeit greifbar: "Da stecken wir alle bis zum Hals im vierzig Dadagrade warmen Bad der direkten Expressivität, ohne Aggressivitätskomplex, ohne ausgeprägte polemische Absicht, ohne ein anderes Rechtfertigungsgelüst als unseren Realismus. Und ob das gärt! Gelingt es dem Menschen, sich wieder in das Wirkliche zu integrieren, so identifiziert er es mit seiner eigenen Transzendenz, die Emotion ist, Sentiment und schließlich Poesie!"

Die Nouveaux Réalistes wandten sich damit gegen das vorherrschende, aus dem Subjektiven schöpfende Informel und forderten nach der Stunde Null eine neue Auseinandersetzung mit der Realität, die wesentlich auch im Poetischen verortet wurde. Das Ende des Tafelbildes wurde proklamiert. Obwohl sich die Gruppe nicht durch einen einheitlichen Stil kennzeichnete, wirkte sie impulsgebend für eine Neuinterpretation des Realismus.

Zu verstehen ist diese Hinwendung zum Realen auch vor dem Hintergrund der ausgehenden 1950er-Jahre. Die Niederlage des Humanismus nach Kriegsende und die Notwendigkeit, das Wirkliche anzusprechen, bilden den historischen Kontext.

Die Nouveau Réalistes: Künstlerische Positionen in der Ausstellung

César (eigentlich César Baldaccini (1921 - 1998)
Das Auto, Gebrauchsgegenstand Nummer Eins des täglichen Lebens im 20. Jahrhundert, wurde zum Ausgangspunkt für die Arbeiten des französischen Bildhauers César. Zunächst formte er aus Industrieabfällen und Schrott gegenständliche Skulpturen. 1960 schloss er sich den Nouveaux Réalistes an, deren Paradigma einer "neuen Annäherung an das Reale" ihn faszinierte. Er begann mit der Werkreihe der „Compressions dirigées", bei der mithilfe einer hydraulischen Presse Metallteile und Karosserien, mitunter auch ganze Autowracks, bearbeitet wurden. Bei der Arbeit "Compression Mobil" von 1960 verwendete César Ölkanister der Marke Mobil und verformte sie zu einer blockartigen Skulptur.

"Die ersten Kompressionen datieren von 1959. Ich hatte sie in der Ecke einer Fabrik bemerkt. Sie hatten mir gefallen und ich nahm zwei Kleine mit nach Hause. Um was zu machen? Diese Kompressionen verbleiben bei mir wie undefinierte Elemente einer Erwartung", so César. Die ersten Kompressionen präsentierte er im Salon de Mai, jener Ausstellungsreihe, die seit den 1940er-Jahren als Protest gegen die tradierte Kunstauffassung jährlich an einem anderen Ort in Paris stattfand. Seine Arbeit verursachte einen Skandal.

Christo (eigentlich Christo Wladimirow Jawaschew, 1935 - 2020)
Die Reihe der "Surfaces d’empaquetage" bildet einen wichtigen Entwicklungsschritt in Christos Werkgenese. Angeregt durch die Kenntnis Jean Dubuffets, dessen Arbeiten er 1957 im Kunsthaus Zürich und in Paris erstmals sah, ging Christo dazu über, das klassische Tafelbild zu verlassen. Er fertigte reliefartige Oberflächenstrukturen. Es handelt sich dabei um in Falten gelegte Stoffe und Papiere, die mit braunschwarzem Lack überzogen wurden. Stellenweise lässt der Lack die Oberfläche durchscheinen, auch Sand wurde mitunter eingearbeitet.

1958 ging Christo nach Paris. Er beschäftigte sich mit der Idee, Objekte einzuhüllen. Zunächst waren es Dosen und Ölfässer, die er nach der Methode der "Surfaces d’empaquetage" bearbeitete und zum Bestandteil seines raumfüllenden Werkes "Inventory" machte. Dieses besteht aus Dosen und Flaschen, die in Leinwand verpackt und verschnürt und anschließend mit Sand und Lack bearbeitet wurden. So entstand eine leicht aufgeraute Oberfläche. In den späteren Werken drapierte Christo den Stoff so, dass die Oberfläche einer Haut gleicht, die sich über das Verhüllte spannt.

Die aus dem Jahr 1961 stammende Arbeit "Surface d’empaquetage" ist Teil einer ehemaligen Verpackung eines Autos und wurde bei der ersten Einzelausstellung Christos in der Galerie Lauhus in Köln gezeigt.

1962 errichteten Christo und Jeanne Claude in der Pariser Rue Visconti eine Barrikade aus Ölfässern. Es handelte sich um eine geballte politische Aktion, die sich mit dem Bau der Berliner Mauer und der Gewalt rund um die Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens auseinandersetzte. In dem Werk kündigten sich die späteren Großprojekte an.

Neben Paris fanden seit dem zweiten Festival des Nouveau Réalisme (1963 in München) die wichtigsten Veranstaltungen der Gruppe in Westdeutschland statt. Eine zentrale Vermittlerrolle hatten – schon aufgrund der Sprache – Daniel Spoerri, der von 1957 bis 1959 als Regieassistent am Landestheater in Darmstadt arbeitete und auch danach häufig in Westdeutschland war, und Yves Klein, der sich über längere Abschnitte in Westdeutschland aufhielt. Am 31. Mai 1957 richtete ihm Alfred Schmela die Eröffnungsausstellung seiner Galerie in Düsseldorf aus, die zu einem wichtigen Ausstellungsforum wurde und zu den Avantgardeschmieden des 20. Jahrhunderts gehörte. Schmela stellte die Gruppe Zero aus und zeigte erstmals auch Christo.

Daniel Spoerri (geboren 1930)
In den 1960er-Jahren entwickelte Daniel Spoerri die Idee des "Tableau-piège", des Fallenbildes. In seinem kleinen Pariser Hotelzimmer begann er, zunächst alle zufällig auf einem Tisch stehenden Objekte in einem Buch aufzuzeichnen und ihre Geschichte in einer Publikation zu erzählen, die unter dem Titel "Topographie anecdotée du hasard" ("Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls") 1961 in Paris veröffentlicht wurde. Unmittelbar darauf ging er dazu über, die Gegenstände auf ihrem Untergrund zu befestigen und um 90 Grad gedreht an die Wand zu hängen – das Fallenbild war entstanden.

Jahre später antwortete Spoerri auf die Frage "Was ist das, ein Fallenbild?" so: "Das Fallenbild: Gegenstände, die in unordentlichen oder ordentlichen Situationen gefunden werden, werden genau in der Situation, in der sie gefunden werden, auf ihrer zufälligen Unterlage befestigt. Die sogenannten Fallenbilder im Quadrat zeigen dann jene Gegenstände, die notwendig waren, um ein Fallenbild zu erzeugen. Die Drehung um 90 Grad evoziert dabei die Verwandlung des Ensembles vom Alltagsszenario in ein Kunstobjekt. Das Fallenbild ist demnach eine Möglichkeit, eine Handlung und deren Objekte einzufrieren."

Spoerris Fallenbilder sind also Objekte, die ähnlich wie eine Fotografie eine Momentaufnahme des Realen darstellen. Die beiden Werke "Où est la vipère – Une page d’histoire" und "Le rat du canard – Pour un canard sauvage" aus dem Jahr 1974 stammen aus einer Zusammenarbeit mit dem Zeichner Claude Torey. Sie haben einen deutlich narrativen Charakter, ähnlich wie die "Wortfallen", die Spoerri gemeinsam mit Robert Filliou entwickelte. Dabei steht die bildliche Umsetzung eines Sprichwortes im Zentrum, wie bei der Objektassemblage "Verballhornen" aus dem Jahr 1964.

Teil von Spoerris Konzept der Fallenbilder sind auch seine legendären Bankette. "Hahns Abendmahl", das auf ein Bankett im Kölner Haus des Sammlers und Restaurators Wolfgang Hahn am 23. Mai 1964 zurückgeht, ist ein Schlüsselwerk dieser Reihe. "Dieses Festhalten von banalen Ereignissen, sozusagen dreidimensionale Objektfotografie wie ein Essen auf einem Tisch, bedeutet natürlich auch unsere ständige Konfrontation mit dem Tod, dem endgültigen Stillstand", erklärt Daniel Spoerri. Die Fotografien in der Publikation "Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre“ von Susanne Neuburger und Barbara Engelbach zeigen das Abendmahl und seine Teilnehmer_innen, eine Aufnahme von Spoerri beim Kochen und die Anordnung der Personen am Tisch. Auch der Einkaufszettel ist erhalten.

Das Fallenbild beruht darauf, Alltagsobjekte und zufällig entstandene Situationen auf ihrem Untergrund zu fixieren und um 90 Grad gedreht in eine Assemblage zu verwandeln. Immer wieder griff Spoerri auf diese künstlerische Strategie zurück, eine surreale Umkehr alltäglicher Situationen. Dieses Prinzip ausbauend, gründete der Künstler 1968 in Düsseldorf das Restaurant Spoerri, in dem sich die Gäste ihren Tisch nach Beendigung der Mahlzeit im wahrsten Sinne des Wortes verewigen lassen konnten. Die Plakate zu den Essen wurden von unterschiedlichen Künstler_innen gestaltet, etwa Dieter Roth oder Dorothy Iannone. 2009 entstand im niederösterreichischen Hadersdorf am Kamp neben dem Ausstellungshaus auch ein Esslokal, das die Ideen der Eat-Art als Verbindung von Kunst und L12. September 2020 bis 05. April 2021eben fortführt und das erst kürzlich von Haubenkoch Roland Huber übernommen wurde.

Raymond Hains (1926 - 2005)
Raymond Hains und Jacques Villeglé kannten sich bereits von ihrem Studium an der École des beaux-arts in Rennes. Schon als Studenten gingen sie gemeinsam durch die Straßen von Saint-Malo und Nantes und betrachteten Szenen des Realen als künstlerische Ausschnitte des Sichtbaren, die Hains zunächst fotografisch und filmisch festhielt. Im Paris der späten 1950er-Jahre eröffnete sich ihnen dann ein unerschöpfliches Reservoir. Hains flanierte mit seinem Freund durch die Straßen, um das Spektakel der Stadt wie ein Stadtgeograf in sich aufzunehmen. Die abgerissenen Plakate – Propaganda- und Reklamebilder – erschienen ihnen wie Fundstücke mit anonymen Schöpfer_innen, und sie gingen dazu über, sie als Kunstobjekte des Alltäglichen zu verstehen und zu sammeln. Sie sprachen angelehnt an die poetische Bewegung der Lettristen, der auch François Dufrêne angehörte, von "Entführungen".

Villeglé und Hains stellten diese "Entführungen" erstmals 1957 in Paris aus und hoben sie damit von der Ebene der Straße in die Räume der Kunst. Die "Affiches lacérées" ("Plakatabrisse") verweigern die traditionelle Autorschaft und lassen künstlerische Produktionsweisen hinter sich. Zu dieser Werkreihe zählt auch die Arbeit "Palissade de trois planches" aus dem Jahr 1959, bei der Plakatreste auf Originalbrettern zu sehen sind. Später gingen Hains, Villeglé und Dufrêne – die auch als "Affichisten" bekannt wurden – dazu über, die auf Zinkplatten montierten Plakate selbst durch Abrisse zu gestalten. Diese Werkreihe basiert auf dem Kontrast von Papierfetzen und Oberfläche. Das durch aggressiven Vandalismus entstandene Werk dokumentiert einerseits Gewaltakte im öffentlichen Raum und spielt andererseits mit der von Hains auf sich selbst angewandten Bezeichnung "inaction painter", mit der er in Opposition zum damals vorherrschenden Informel trat.

Antworten auf die Wirklichkeit
Adolf Frohners Begegnung mit dem Nouveau Réalisme
Künstler_innen: César, Christo und Jeanne-Claude, Adolf Frohner, Raymond Hains, Daniel Spoerri
12. September 2020 bis 05. April 2021
Kuratorinnen: Susanne Neuburger, Elisabeth Voggeneder

Forum Frohner
Minoritenplatz 4
A - 3504 Krems-Stein

W: http://www.forum-frohner.at/

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  •  12. September 2020 5. April 2021 /
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Ausstellungsansicht "Antworten auf die Wirklichkeit" © Raffael F. Lehner
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