Adelheid Duvanel – Zeichnungen und Gemälde

Im Open Art Museum in St. Gallen wird der Basler Schriftstellerin und Künstlerin Adelheid Duvanel (1936–1996) eine umfassende Ausstellung ihrer Zeichnungen und Gemälde gewidmet. Ihre feinen, lakonischen Textminiaturen zählen längst zu den eigenständigsten Stimmen der Schweizer Literatur. Ihr bildkünstlerisches Werk ist hingegen bis heute nur wenig gewürdigt.

Obwohl Adelheid Duvanel als Schriftstellerin in der professionellen Kulturszene aktiv war, orientierte sie sich weder an künstlerischen Strömungen noch an Moden oder der Basler Kunstszene. Eine Gratwanderin im Leben, blieb sie auch in der Kunst eine Außenseiterin, die sich mit künstlerischen Mitteln an sich selbst abarbeitete. So geriet die preisgekrönte Schriftstellerin zur Outsider-Künstlerin. Ihre Zeichnungen sind jedoch nicht als biografische Illustrationen zu verstehen, sondern als eigenständige künstlerische Ausdrucksformen.

Bereits in ihren frühen Zeichnungen der 1950er-Jahre widmete sich Duvanel Menschen am Rand der Gesellschaft: fragilen Frauenfiguren und geflüchteten Kindern. Angst, Einsamkeit, Depression, Krankheit und Tod durchziehen ihr Werk und verleihen ihm eine unverwechselbare Intensität. Der Literaturwissenschaftler Peter von Matt fasst diese kompromisslose Haltung wie folgt zusammen: „Alles, was ihre Kunst so bedrängend macht, ist von Anfang an da. Phasen einer Entwicklung, Stufen auf einem Weg vom imitierenden zum eigenen Erzählen, sind nicht zu erkennen … Auf dem kleinsten möglichen Raum die größte mögliche Verdichtung zu erreichen, das war der ästhetische Imperativ, unter dem sie stand.”

Nach einer längeren Schaffenspause begann Duvanel im Jahr 1980 in der sicheren Umgebung der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel erneut zu zeichnen und zu malen. Ausgelöst wurde dieser Neubeginn durch ihre Trennung von Joe Duvanel, der selbst Maler war und ihr zuvor das Malen verboten hatte. Die 1980er-Jahre wurden zu ihrer produktivsten Phase: Blatt um Blatt füllte sie mit Kugelschreiber- und Filzstiftzeichnungen im DIN-A4-Format, oft in leuchtenden, kontrastreichen Farben wie Rosa, Pink oder Violett. Parallel dazu entstanden großformatige Acrylgemälde.

Ihr Frühwerk aus den 1950er- und 1960er-Jahren umfasst Zeichnungen und Gemälde mit Kreide, Blei- und Farbstift sowie Kugelschreiber. Es zeigt surreale Szenen, Porträts – vielfach Karikaturen mit deformierten Körpern – sowie Darstellungen von psychisch erkrankten Menschen und Menschen mit Behinderung.

Ihre Motive kreisen um existentielle Themen wie Mutter und Kind, Mann und Frau, Angst und Bedrohung, Einsamkeit und Verlust sowie Krankheit und Tod. Immer wieder setzte sie sich mit patriarchalen Strukturen auseinander und zeigte gebrochene Frauenfiguren, bedrohte Kinder und die Sehnsucht nach Geborgenheit. Religiöse Symbole wie die Dornenkrone oder die Mandorla verleihen ihren Arbeiten eine überzeitliche Dimension. Häufig ergänzen Inschriften die Bildszenen und verstärken ihre emotionale Wirkung.

In ihrem Spätwerk ab 1980 vereinfacht sie die figürliche Gestaltung radikal: Kantige Körper, spitze Formen, expressiv verlängerte Gliedmaßen und grelle Farben prägen diese Arbeiten. Trotz des scheinbar naiven Stils entstehen surreale, traumartige Szenen, die zugleich berühren und verstören. In den Figuren spiegelt sich kompromisslos ihr eigenes Dasein wider – eine zutiefst persönliche und betont weibliche Kunst.

Bereits im Jahr 2009 präsentierte das Open Art Museum eine erste Retrospektive mit Leihgaben aus dem Schweizerischen Literaturarchiv, den UPK Basel und der Sammlung Dammann. Mit dieser Ausstellung gelangte eine bedeutende Werkgruppe aus dem Besitz ihres Bruders Felix Feigenwinter in die Sammlung des Museums. Im Jahr 2021 kamen weitere 40 Zeichnungen hinzu. Parallel dazu erschienen zahlreiche Publikationen, die Duvanels literarisches und bildkünstlerisches Schaffen aus neuen Perspektiven beleuchten. Die aktuelle Ausstellung vereint Werkgruppen aus dem Sammlungsbestand des Museums mit Gemälden aus dem Bilderlager der UPK Basel. Sie macht Adelheid Duvanels eindrucksvolle Bildwelt erneut sichtbar – eine Kunst, die ungeschönt und zugleich einfühlsam von Anderssein, Einsamkeit und der Sehnsucht nach Geborgenheit erzählt.

Adelheid Duvanel
Bis 18. Oktober 2026