Gaetano Donizettis Oper "Lucia di Lammermoor" ist musikalisch überwältigend. Gesangliche wie darstellerische Höchstleistungen machen die Wiederaufnahme an der Wiener Staatsoper zu einem außergewöhnlichen Erlebnis, und auch die zurückhaltende Inszenierung von Laurent Pelly hat noch immer ihre Qualitäten.
Dem Regisseur diente der Stummfilm Jean Epsteins von Edgar Allan Poes „The Fall of the House of Usher“ (1927) als Inspirationsquelle, und er bleibt in Schwarz-Weiß, bis auf das Rot – wie Blut, doch davon später. „Die Musik der ‚Lucia di Lammermoor‘ verbreitet immer wieder verhangene, zwischen Licht und Dunkel wechselnde Stimmungen – wie dieser Film. Es bleibt so vieles in Schwebe: Was passiert tatsächlich, und was ist nur ein übersteuertes Fantasieprodukt der Figuren? Handelt es sich um einen Albtraum, und wenn ja, um einen Albtraum Lucias oder um einen Alptraum Enricos?“, so Pelly. Enrico ist der Bruder von Lucia. Er machte sich eigentlich schuldig, an Edgardo, dessen Vater er getötet und den Palast der Familie übernommen hatte. Lucia liebt Edgardo, Enricos Todfeind.
Trist, grau und kalt ist es im schottischen Lammermoor, surreal-nebelverhangen. Der Palast erscheint in der Winterlandschaft zunächst im Hintergrund, wirkt geisterhaft-bedrohlich, rückt immer näher, vieles bleibt im Unklaren, es wird immer abstrakter, transparente Mauerschichten verdichten den Raum. Laurent Pelly bezieht sich auf den Film: „Jede einzelne Einstellung scheint ein eigenes für sich stehendes Gemälde zu sein, und an dieser künstlerischen Vorgehensweise haben wir uns (mit Bühnenbildnerin Chantal Thomas) orientiert“. Unter diesem Aspekt ist die zurückhaltende, recht statische, doch elegante Inszenierung wohl zu verstehen. Die Musik braucht ihren Raum.
Und den füllt die aus Rumänien stammende Sopranistin Adela Zaharia emotional wie stimmlich hochkarätig, voller Leidenschaft und Schmerz aus. Sie ist eine Liebende, die mit Edgardo heimlich die Ringe wechselt, eine Verstörte, wenn sie Visionen von der ermordeten Ahnin plagen, eine Ausgelieferte, wenn sie dem Druck nicht mehr standhalten kann und den Ehevertrag mit Arturo wie ihr Todesurteil unterschreibt. Aus politischen Gründen sieht der Bruder diese Ehe als einzigen Ausweg, den Untergang der Familie zu verhindern. Überzeugend Mattia Olivieri als Enrico, der italienische Bariton erobert gerade die Opernbühnen der Welt. Als Geliebter Edgardo gefällt der usbekische Tenor Bekhzod Davronov, singt einfühlsam lyrisch. Nach langer Abwesenheit und abgefangenem Briefwechsel erscheint er just zur Hochzeitsfeier.
Es kann sich ja von der beginnenden Dramatik her nicht um ein freudiges Fest handeln, so könnte man die Personenführung interpretieren, wenn sich die Gäste – wie immer großartig, der Chor der Wiener Staatsoper – im Pulk einen Schritt vor und zurück bewegen. Und dann das maßlose Entsetzen, Erstarrung, Lucia hat den Bräutigam im Wahn erstochen. Rot. Das Irrationale bricht durch, Koloraturgirlanden und der hohl-silbrige Klang der Glasharmonika, nicht von dieser Welt … die Wahnsinnsarie, formidabel, mitreißend, tief bewegend, Adela Zaharia! Donizetti hat mit einer der erfolgreichsten seiner Opern ein Werk komponiert, das von melodischem Reichtum nur so strotzt und die Figuren musikpsychologisch durchgestaltet. Am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper überzeugt Roberto Abbado. Ein großer Opernabend. Mehrmals werden Sängerin, Sänger, der Dirigent mit tosendem Applaus vor den Vorhang geholt.
Lucia di Lammermoor | Gaetano Donizetti
Text: Salvadore Cammarano nach Sir Walter Scott
Dramma tragico in drei Akten
Musikalische Leitung: Roberto Abbado
Regie: Laurent Pelly
Bühne: Chantal Thomas
Licht: Duane Schuler
Enrico (Lord Henry Ashton): Mattia Olivieri
Lucia, seine Schwester: Adela Zaharia
Edgardo (Sir Edgar Ravenswood): Bekhzod Davronov
Arturo (Lord Arthus Buklaw): Hiroshi Amako
Raimondo, Erzieher Lucias: Adam Palka
Alisa,Vertraute Lucias: Isabel Signoret
Normanno, Vertrauter Enricos: Carlos Osuna
Glasharmonika: Christa Schönfeldinger
Orchester und Chor der Wiener Staatsoper