Abenteuerliche philosophische Passagen aus Lech

Abenteuer. Lob der Unverfügbarkeit. Als transdisziplinäre Denker-Tagung wird das 28. Philosophicum Lech dem ausgerufenen Thema mit spannenden, aufschlussreichen, inspirierenden Vorträgen in hohem Maße gerecht. Neben brillanten Vortragenden aus Philosophie, Sozial- und Kulturwissenschaften waren ein berühmter Astrophysiker, eine Astronautin, eine Extrembergsteigerin und ein literarischer Weltreisender zu erleben.

Die unterhaltsame Einstimmung, nämlich den traditionellen philosophisch-literarischen Vorabend mit Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann, sollte man nicht versäumen. Der Literat erzählt Geschichten, der Philosoph sinniert darüber, und spielerisch wird damit der Bogen über die kommenden inhaltsreichen vier Tage gespannt. 

Ödipus. Wir haben den Mythos noch so eindrücklich von der diesjährigen Bregenzer Festspiel-Oper im Sinn (siehe kultur online Oedipe) und Köhlmeier erzählt ihn ebenso emotional. Der Sohn wird den Vater töten und die Mutter heiraten. Im Versuch über die Zukunft Gewissheit zu erfahren sucht Ödipus nach Handlungsanleitungen. Er will das Richtige tun und macht das Falsche. Er glaubt an seine Entscheidungskraft, hat jedoch nicht mit dem weichen Herz des Hirten gerechnet, der ihn als Säugling rettete – das Wissen über seine wahren Eltern ist ihm unverfügbar. „Ist das Unvorhergesehene nicht jene Variante des Unverfügbaren, die unsere Zugriffsmöglichkeiten auf das Kommende, auf die Zukunft limitiert?“, meint Liessmann.

Von einer weiteren – utopischen – Geschichte verrät Köhlmeier vorerst nicht den Autor, doch gewiefte Zuhörer tippen gleich auf Stanislaw Lem. Da sind zwei beste Freunde: der eine wagemutig und will sich mit Lichtgeschwindigkeit in den Weltraum katapultieren lassen, sodass nach zwanzig Jahren seines Abenteuers auf der Erde zweihundert Jahre vergangen sind; der andere ist ein Träumer, erzählt Geschichten, die in seinem Kopf entstehen. Bei seiner Rückkehr erwartet sich der Astronaut Ruhm und Ehre, wird jedoch nur von ein paar Beamten aus dem Kulturministerium begrüßt, sei er doch der einzige Lebende, der den großen Nationaldichter persönlich gekannt hat. Beide sind Abenteurer. Der eine tollkühner Akteur in unbekannten Welten, einsam in der Kapsel, ausgesetzt der Unwägbarkeit einer Entwicklung der vergangenen Jahrhunderte; der andere aber erlangte mit seinen imaginierten, poetischen Abenteuern glorreiche Bedeutung. Die Wertigkeiten haben sich verändert.  

Und dann tritt wirklich eine echte Astronautin auf. Die Kärntnerin Carmen Possnig setzte sich in einem beinharten Auswahlverfahren der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) unter über 22.500 BewerberInnen durch und ist seit November 2022 eine des 17-köpfigen Astronautenkorps. Die perfekte Vorbereitung für das All findet jedoch auf der Erde statt. In der Forschungsstation Concordia, am entlegensten Punkt in der Antarktis, verbrachte die Medizinerin 2017 ein ganzes Jahr und untersuchte die Auswirkungen von Isolation und geringem Sauerstoffgehalt auf die Crew. Atemberaubend, wenn sie über die Sicherheitsvorkehrungen beim Gang ins Freie bei minus 105 Grad spricht, über die Eintönigkeit des weißen Horizonts – kein Baum, kein Strauch, kein Tier, gar nichts -, über die belastende viermonatige Dunkelheit, aber den Himmel voller Sterne. Weltraummissionen könne man nur überstehen mit Teamfähigkeit und psychischer Resilienz.

Es gibt Sterne wie Sand am Meer (und wohl noch viel, viel mehr), eröffnet uns Heino Falcke, Professor für Astrophysik und Radioastronomie an der Radboud Universität Nijmegen, in einem, ganz neue Dimensionen erschließenden Vortrag. Ausgehend von seiner Rolle bei der erstmaligen Bildgebung eines Schwarzen Loches beschreibt der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler die Fortschritte der Astronomie als Errungenschaften kollektiver Forschung, die bis an die Grenzen von Raum und Zeit führen, wobei die Zeit immer nur eine Richtung kennt. 

Und hören wir noch in den Eröffnungsvortrag von Konrad Paul Liessmann hinein, dann ist klar, „ohne rühmenswerte Helden, ohne mühe- und qualvolle Kämpfe, ohne exzessive Freuden und Feste, aber auch ohne Weinen und Klagen, ohne Trauer und Tod gibt es kein Abenteuer“. Im Abenteuer setzt sich der Mensch immer dem Unabwägbaren, dem Unverfügbaren, dem Unbekannten aus. Der Altphilologe Jonas Grethlein nimmt den Faden zu Georg Simmel, dem scharfsinnigen Diagnostiker der Moderne und einem der Begründer der Soziologie, in der Folge auch auf. Dieser sehe das Abenteuer vor allem dadurch bestimmt, „dass es aus dem Zusammenhange des Lebens herausfällt.“ Mit dem Abenteuer lassen wir den Alltag zurück. Und zum Abenteuer gehört das Wagnis, aber auch der gute Ausgang. Der Abenteurer kann von seinem Abenteuer erzählen, weil er überlebt hat. „Die für das Abenteuer konstitutive Spannung von Wagnis und Gelingen kommt in der zeitlichen Struktur des Erzählens zum Tragen.“ 

Zum Abschluss beleuchtete der ehemalige Generaldirektor der Albertina in Wien, Klaus Albrecht Schröder, in eloquenter Weise das Thema „Der Aufbruch ins Ungewisse oder: Der Abenteurer als Topos des modernen Künstlers“; und den stimmungsvollen Schlusspunkt setzte der Schriftsteller und Weltreisende Christoph Ransmayr, der sich als Vertreter des unterhaltenden Teils beim Philosophicum sah und uns drei seiner faszinierenden Mikroromane vorlas (siehe kultur online Egal wohin, Baby), doch nicht ohne einleitend bewusst zu machen: „Unsere Fluglinien haben uns schließlich nur die Reisezeiten in einem geradezu absurden Ausmaß verkürzt, nicht aber die Entfernungen, die nach wie vor ungeheuerlich sind. Vergessen wir nicht, dass eine Luftlinie eben nur eine Linie und kein Weg ist und: dass wir, physiognomisch gesehen, Fußgänger und Läufer sind“

29. Philosophicum Lech 
Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit
Intendanz Barbara Bleisch und Konrad Paul Liessmann
vom 22. bis 27. September 2026 in den Lechwelten