8. März 2020 - 19:36 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
13. März 2020 25. April 2020

Als Gestaltungsprinzip spielt der rechte Winkel für sämtliche künstlerischen Disziplinen seit urdenklichen Zeiten eine fundamentale Rolle. Im zwei- und dreidimensionalen Raum definieren die beiden Schenkel die optische und materielle Stabilität, die Richtung und sie bewähren sich auch als Ordnungsmuster.

Für Manfred Egender, Programmverantwortlicher der Galerie allerArt in Bludenz, ist dieses konstruktive Darstellungsmittel weder verbraucht noch unzeitgemäß. Horizontal versus Vertikal seien verlässliche Koordinaten, die sich auch als Gestaltungsprinzip beliebig drehen ließen, betont er. Deshalb hat er dieses Maß auch als Motto der nächsten Ausstellung vorgegeben. Egender: "Der Einsatz von 90º-Winkeln bewährt sich im Umgang mit sämtlichen alltagsästhetischen Materialien bis hin zur künstlerischen Akrobatik und Raffinesse bei Bild und Objekt." Mit der deutschen Künstlerin Tina Haase sowie den beiden Vorarlberger Kunstschaffenden Gerold Tagwerker und Franz Türtscher bringt Egender drei Positionen nach Bludenz, in deren Werk dieses geometrische Maß eine wesentliche Bedeutung hat.

Der 1953 in Dornbirn geborene Künstler Franz Türtscher beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Motiv des Rasters in der Fläche und im linearen System. Seine für die Ausstellung in Bludenz ausgewählte Hauptarbeit besteht aus zehn einzelnen Bildern, die auf einem identen weissen Grundraster aufbauen, in den schwarze, immer wieder ausfransende Quadrate hineingemalt sind. An der einen Stirnwand der Galerie eng aneinander und in zwei Fünferreihen übereinandergehängt, verbinden sich die Werke zu einem durchgängigen Muster, bei dem die bestehenden Abweichungen erst auf den zweiten Blick erkennbar sind. Die immer wieder ausfransenden schwarzen Quadrate verleihen der Struktur etwas Nervöses, was auch einer gewissen abstrakten Abschrift des Lebens entspricht, das ja – mit seinen Ausreißern – grundsätzlich auch gleichförmig verläuft. Wobei dem Raster die Funktion eines Orientierungs- und Ordnungssystem zukommt, während die unregelmäßigen, abweichenden schwarzen Farbspritzer das Weiche, das Unpräzise des Lebens transportieren soll.

Für die lange Seitenwand hat Türtscher eine Linie von unterschiedlich großen Kleinformaten eingeplant, von denen die meisten über eine farbige Netzwerkstruktur verfügen. Es sind minimalistische und stille Bilder, die der Wand "eine erträgliche Unruhe" verleihen sollen, so der Künstler.

Gerold Tagwerker, geboren 1965 in Feldkirch, hat für Bludenz drei Arbeiten ausgesucht, die auf die "spatialen Konstruktionen" Alexander Rodtschenkos sowie die geometrischen Rasterbilder Piet Mondrians referenzieren. In seiner neuen Werkreihe der "mondrian.grids" etwa hat Tagwerker die frühen geometrischen Kompositionen Mondrians als lineare, rasterhafte Bildteilungen adaptiert und sie in grafischer Form von deren Farbflächen befreit. In Tagwerkers Auslegung erscheinen diese "entleerten" Kompositionen nun als offene Rasterstrukturen in Form von Stahlgittern. In Bludenz will der Künstler den "mondrian.grid#3" am Boden der Galerie als objekthaftes Stahlgitter präsentieren. Zusätzlich zeigt der in Wien lebende und arbeitende Künstler zwei Skulpturen, die als Umformulierungen und Neuinterpretationen Alexander Rodtschenkos "spatialen Konstruktionen" entsprechen. Tagwerker hat dafür Rodtschenkos Formationen rekonstruiert und als vergrößerte Objekte aus Holz, Aluminium oder poliertem Stahlblech als jeweils zweiteilige Skulpturengruppe in verschiedenen Formaten realisiert. Im Galerieraum werden sie sich als Objekte unterschiedlicher Materialiät und Größe "wie serielle geometrische Konstrukte mit möbelhafter Assoziation und dinghafter Erscheinung" präsentieren, so Tagwerker.

Die in Köln und München lebende Künstlerin Tina Haase (geb. 1957 in Köln) zählt zu den vielseitigsten Bildhauerinnen ihrer Generation in Deutschland. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten sind zumeist ganz gewöhnliche und leicht zu übersehende Alltagsdinge. Dabei können organisch wuchernde oder geometrisch-architektonisch konstruierte Werke von verspielter Leichtigkeit jenseits formaler Strenge entstehen. In Bludenz präsentiert sie eine neue Variante ihres monumentalen Werkes "Wieviel Farbe kannst Du noch ertragen?", das aus unzähligen farbigen Klarsichtfolien, Ordnern, Ablagen oder Sichtmappen besteht, die übereinander und nebeneinander geschichtet sind und eine beeindruckende Konstellation transparenter Farbigkeit behauptet. In Ergänzung respektive in Opposition zu diesem Farbenmeer zeigt Haase mit "Bregenz II" (2010) eine zweite Arbeit, die ähnlich aufgebaut und strukturiert ist, aber durchgängig in unterschiedlichen Grautönen gehalten ist

90º: Tina Haase, Gerold Tagwerker, Franz Türtscher
13. März bis 25. April 2020

Galerie Allerart
Verein zur Förderung von Kunst und Kultur
Am Raiffeisenplatz 1
A - 6700 Bludenz

T: 0043 (0)664 500 55 36
E: info@allerart-bludenz.at
W: http://www.allerart-bludenz.at

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  •  13. März 2020 25. April 2020 /
 Haase Tina - Wieviel Farbe kannst Du noch ertragen, 2017, Foto. Hubert P. Klotzeck
Haase Tina - Wieviel Farbe kannst Du noch ertragen, 2017, Foto. Hubert P. Klotzeck
© Franz Türtscher
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© Gerold Tagwerker
© Gerold Tagwerker