10. März 2010 - 2:26 / Ausstellung / Archiv 
3. Oktober 2009 14. März 2010

Ob in Moskau, Belgrad, Berlin oder Kairo – kaum eine Stadt oder eine Nation, die sich als fortschrittlich darstellen wollte, konnte auf den demonstrativen Bau eines Fernsehturms verzichten. Dabei sind die Fernsehtürme stets mehr als nur Potenzbeweise ihrer Erbauer – sie sind ingenieurtechnisches Wagnis einerseits und Zeichen für gesellschaftlichen Wandel und technologischen Fortschritt andererseits.

Viele Türme haben einen festen Platz in der Populärkultur ihrer Städte erobert; sie werden geliebt oder gehasst, in Firmenlogos genutzt, als Souvenirs an Touristen verkauft oder auf Postkarten gedruckt. Bei den Fernsehtürmen geht es um die Ausstrahlung – und sie senden nicht nur die Signale für Funk und Fernsehen. Anschaulich wird das zum Beispiel am Berliner Fernsehturm, der zu Beginn der Ausstellung am 3. Oktober 2009 den 40. Jahrestag seiner Einweihung begeht. Der 368 Meter hohe Turm mit seiner silbern glitzernden Kugel sollte nicht nur fortschrittliches Signal am Kreuzungspunkt der staatsrepräsentativen Achsen im neuen Ost-Berliner Zentrum sein, sondern auch den Westteil der Stadt deutlich überragen.

Dabei dokumentiert die weltweite Verbreitung der Türme die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts: Auf die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West (mit Türmen in Stuttgart, Kairo, Berlin, Moskau, Tashkent oder Toronto) folgte das Ringen der Global Cities um touristische und ökonomische Anziehungskraft (in Las Vegas oder Auckland). Neue Fernsehtürme entstehen derzeit fast ausschließlich in den aufstrebenden Staaten Asiens und im Nahen Osten (Teheran, Jakarta, Guangzhou, Tokio und Ashgabat).

"Fernsehtürme – 8.559 Meter Politik und Architektur" zeigt insgesamt 25 realisierte oder geplante Fernsehtürme in Ashgabat, Auckland, Barcelona, Bagdad, Belgrad, Berlin, Brasilia, Guangzhou, Jakarta, Jekaterinburg, Johannesburg, Kairo, Las Vegas, Liberec, Moskau, Prag, Riga, Shanghai, Stuttgart, Taschkent, Teheran, Tokio, Toronto und Vilnius. Noch nie zuvor waren so viele Fernsehtürme in einer Ausstellung versammelt. Anders als in vielen anderen Architekturausstellungen werden die Besucher im ersten Geschoss des DAM keine Architekturmodelle, Renderings oder Konstruktionszeichnungen finden, sondern eine Objektsammlung der Alltagskultur: Briefmarken und Postkarten, Cocktailmixer und Käsespieße, Nachttischlampen und Schnapsflaschen, Stifte, Schneekugeln, Puzzle und Kerzen.

Das DAM wird zum Souvenirladen, der die Vielfalt der individuellen Aneignung der (Staats-) Architekturen dokumentiert. Außerdem werden die Entstehungsgeschichten erzählt, denn die architektonische Form erklärt sich bei den Türmen nur aus den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihrer Realisierung. Ziel der Ausstellung ist es, die Verknüpfung von architektonischer Gestaltung und ihrer politischen Symbolik auszuloten, und das Spektrum von militärischer Bedeutung und zivilgesellschaftlicher Aneignung aufzuzeigen.


Katalog: Friedrich von Borries, Matthias Böttger, Florian Heilmeyer: "Fernsehtürme. 8.559 Meter Politik und Architektur." Mit einem Vorwort von Peter Cachola Schmal / Oliver Elser und einem Ausblick von Rudolf Pospischil. Deutsch / Englisch, 272 Seiten, 125 Collagen und 125 farb. Abbildungen, Klappenbroschur, 17 x 24 cm, ISBN: 978-3-86859-024-1. Jovis Verlag, EUR 28,-

8.559 Meter Politik und Architektur
3. Oktober 2009 bis 14. März 2010

Deutsches Architekturmuseum
Schaumainkai 43
D - 60596 Frankfurt am Main

T: 0049 (0)69 212-38844
F: 0049 (0)69 212-37721
E: info.dam@stadt-frankfurt.de
W: http://www.dam-online.de/

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