Seit 75 Jahren prägen die Sujets der Wiener Festwochen das kulturelle Leben der Stadt. Anlässlich dieses Jubiläums zeigt das MAK mit der Ausstellung „Hype und Hochkultur. 75 Jahre Wiener Festwochen in Plakaten im MAK-Plakatforum rund 80 prägende Kampagnen aus der Sammlung der Wienbibliothek im Rathaus. Die Auswahl aus über tausend Festwochen-Plakaten dokumentiert die visuelle Entwicklung eines der bedeutendsten europäischen Kulturfestivals und entwirft zugleich ein Psychogramm der Stadt Wien – von den kulturellen Aufbrüchen der Nachkriegszeit bis zu den radikalen Gegenwartsentwürfen unter der Intendanz von Milo Rau.
Einer Chronik markanter Jahressujets (1951–2026) steht ein thematischer Parcours gegenüber. Dieser bündelt Schlaglichter auf Bereiche wie Theater, Musik, Ausstellungen, Orte (Arena) oder öffentliche Debatten. Im Zuge der Ausstellung wird zudem erstmals der gesamte Bestand des Wiener-Festwochen-Archivs digital zugänglich gemacht. Seit ihrer Gründung im Jahr 1951 repräsentieren die Plakate der Wiener Festwochen weit mehr als bloße Ankündigungsmedien. Sie sind ein Prisma der Zeit im gesellschaftspolitischen Klima der Nachkriegsjahrzehnte. Die Bildsprache jener Jahre untermauert den Drang, das besetzte Wien als kulturelle Metropole neu zu erfinden.
Das erste Sujet, gestaltet vom renommierten Plakatkünstler Victor Theodor Slama, wirkte selbst für damalige Verhältnisse erstaunlich konservativ: Ein barocker Putto vor der Stadtsilhouette sollte nach den ideologischen Verwerfungen der NS-Zeit Vertrauen und Kontinuität symbolisieren. Nach den Gräueln des Zweiten Weltkriegs und der NS-Diktatur besann man sich in der visuellen Kommunikation oft auf das Barock oder Biedermeier. Der Putto steht symbolisch für das „alte, glanzvolle Wien” und die Lebensfreude. Er sollte die Stadt als Kulturmetropole von Weltrang rehabilitieren.
Über Jahrzehnte prägten die Arbeiten profilierter und dekorierter Grafiker wie Walter Hofmann, Hans Fabigan, Hermann Kosel, Otto Liewehr, Georg Schmid oder Josef Seger das Stadtbild. Liewehr war es auch, der 1954 das markante rot-weiß-rote „Festwochen-W“ entwickelte – ein Signet, das bis heute als visuelle Klammer und Identitätsanker des Festivals dient. Der Entwurf dazu wird anlässlich der Ausstellung erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Plakat dieser Ära war ein Instrument der ästhetischen Erziehung und wurde vielfach durch die städtische Plakatwertungsaktion ausgezeichnet, die das künstlerische Element im öffentlichen Raum verstärken sollte.
In der Folge spiegeln diese Affichen den Zeitgeist subtil wider. Eingebettet zwischen Nachkriegs-Walzerseligkeit und der jungen Zweiten Republik bis hin zu den skandalumwitterten Kampagnen der Gegenwart lösen sie bei den Bewohner:innen dieser Stadt Erinnerungen aus: an unvergessene Theaterskandale, hitzige Debatten – und vor allem an große Kunsterlebnisse.
Stadtgesellschaftlich brisante Ereignisse wie die Arena-Besetzung im Jahr 1976 klingen ebenso an wie bleibende Momente, etwa das Falco-Eröffnungskonzert aus dem Jahr 1985.
Der Paradigmenwechsel: Das Plakat als Provokation.
Fast ein Vierteljahrhundert prägte die Agentur Demner, Merlicek & Bergmann das Erscheinungsbild des Festivals. Der entscheidende Bruch mit der rein dekorativen Tradition vollzog sich zur Jahrtausendwende. Im Jahr 2001 änderte die Agentur unter der Intendanz von Luc Bondy den Ton radikal. Nicht nur das Programm auf der Bühne, sondern bereits die Kampagne im Vorfeld sollte provozieren. Unter dem Motto „Vom 11. Mai bis 18. Juni wird’s kritisch“ wurden Originalzitate aus erbosten Leserbriefen wie „Einer Kulturnation unwürdig!“ oder „Geschmacksproleten!“ – ins Zentrum gerückt.
Durch diese Strategie der Aneignung von Kritik wurde die Plakatwand zu einem öffentlichen Diskursraum. Das Festwochenplakat hatte sich nun endgültig von seiner Rolle als bloßes Informationsmedium gelöst und war zum eigenständigen Teil des künstlerischen Programms avanciert.
Besonders einprägsam war das Mozart-Jahr 2006, in dem das Festival dem Geniekult mit einer ironischen Note begegnete: Plakate, auf denen Mozart- und Freud-Köpfe demonstrativ ihre Augen verdrehten, wurden zu ikonischen Motiven der Wiener Designgeschichte.
Die Freie Republik: Das Plakat als politischer Akteur
In der jüngeren Vergangenheit, insbesondere unter der Intendanz von Milo Rau, erreichte die politische Aufladung eine neue Intensität. Mit der Ausrufung der „Freien Republik Wien” wurde eine eigene symbolische Ordnung geschaffen, in der das Plakat als Kampfansage fungiert. Dass die Relevanz dieser visuellen Setzungen ungebrochen ist, zeigen die Ereignisse von 2025: Sujets des Designkollektivs Studio Sirene (Fotografin: Anna Breit) mit schwulen Paaren oder schwangeren Frauen wurden am Schwarzenbergplatz heruntergerissen, verunstaltet oder verbrannt. Die daraufhin von der Festivalleitung organisierte „Mahnwache der Liebe“ bewies erneut, dass das Medium Plakat nach wie vor die Kraft besitzt, Debatten vom Feuilleton direkt auf die Straße zu tragen.
„Hype und Hochkultur” ist der Auftakt zu vielen spannenden Kulturveranstaltungen im Zeichen der Wiener Festwochen 2026, die auch dieses Jahr wieder unter der Intendanz von Milo Rau die Grenzen zwischen Kunst und Aktivismus ausloten.
In enger Kooperation mit den Wiener Festwochen, der Freien Republik Wien und der Wienbibliothek im Rathaus beleuchtet die MAK-Ausstellung die wechselvolle Geschichte des Festivals und schlägt zugleich eine Brücke zu aktuellen künstlerischen Grenzüberschreitungen.
„Hype und Hochkultur“
75 Jahre Wiener Festwochen in Plakaten
22.04.–20.09.2026
Eröffnung: Dienstag, 21.04.2026, 19 Uhr