Fr, 15.02.2019 / Film 

Der konsequenten Verweigerung einer Handlungsentwicklung in Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber" steht im Wettbewerb Claudio Giovannesis einfach gestrickter Mafiafilm "La paranza dei bambini" gegenüber. Auch Nadav Lapid arbeitet in "Synonymes" mit Fragmentierung, während sich André Téchiné mit "L´adieu á la nuit" ein weiteres Mal als souveräner Erzähler erweist. – Was fehlt, ist eine gelungene Mischung aus diesen beiden Strömungen des Kinos.

Wie schon in ihren bisherigen Filmen – und vielleicht noch mehr als bisher – scheint sich Angela Schanelec mit "Ich war zuhause, aber" dem Erzählen einer Geschichte konsequent zu verweigern. Bewusst reiht sie im Grunde zusammenhanglos Szenen aus dem Alltag einer alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern aneinander, zeigt sie bald beim Kauf eines gebrauchten Fahrrads, das sie später wieder zurück gibt, bei der Diskussion mit einem Regisseur über die fehlende Echtheit im Spiel von Schauspielern, hält den Lehrern ihres Sohnes einen Vortrag über die schwierige Beziehung zu ihrem Sohn, der noch Junge ist und schon Mann wird, oder setzt die sie nervenden Kinder vor die Tür. Unterbrochen werden diese Alltagsszenen von Kindern, die Shakespeares "Hamlet" spielen, und am Beginn sieht man, wie ein Hund einen Hasen jagt, ihn dann in einem verfallenen Haus verzehrt, während ein Esel zuschaut.

Wie der Esel, aber auch die elliptische Erzählweise und die mehrfache Fokussierung auf Händen Assoziationen an die Filme von Robert Bresson, im Speziellen an "Au hasard Balthasar" wecken können und der Filmtitel sich auf Yazujiro Ozus "Ich war geboren, aber..." bezieht, so fließt auch Autobiographisches ein, denn wie die von Maren Eggert gespielte Protagonistin hat Angela Schanelec ihren Partner, den Theaterregisseur Jürgen Gosch, vor einigen Jahren durch Tod verloren und beide haben zwei Kinder.

Für sich haben diese in langen distanzierten Einstellungen gedrehten und mit einer Ausnahme musiklosen Szenen, in denen die Dialoge wie bei Bresson meist bewusst emotionslos gesprochen werden, durchaus ihren Reiz, kreisen immer wieder um die Unfähigkeit zu Kommunikation, um Schein und Wirklichkeit, doch zu einem schlüssigen Ganzen will sich der Film nicht fügen. Bewusst soll wohl in der fragmentarischen Erzählweise das Bruchstückhafte des Lebens vermittelt und mit Kinoillusionen gebrochen werden. So fremd und so anders als alles andere, was man im Kino sieht, ist das freilich im gänzlichen Verzicht auf die sonst übliche Kausalität der Szenenfolge, dass man sich damit doch äußerst schwer tut.

Einige Rätsel gibt zumindest zu Beginn auch "Synonymes" des Israeli Nadav Lapid auf, wenn die Kamera einem Mann durch Paris in eine leere Wohnung folgt, in der er sich plötzlich auch noch seiner Kleider beraubt sieht. Langsam kristallisiert sich heraus, dass Yoav – wohl traumatisiert vom Militärdienst in Israel – seiner Heimat gänzlich abgeschworen hat, nur noch französisch spricht und die französische Staatsbürgerschaft erhalten will.

Wie Schanelec erzählt auch Lapid nicht stringent, sondern reiht Szenen aneinander. Großartig und auch von herrlich bösem Witz durchzogen sind zwar einzelne Momente, und die Szenen fügen sich puzzleartig zu einem zumindest fragmentarischen Bild, aber vieles lässt sich eben auch nicht einordnen, sodass die Einzelteile stärker wirken als der gesamte Film.

Solche Probleme stellen sich bei Claudio Giovannesis "La paranza dei bambini – Piranhas" nicht ein. Nach einer Vorlage des "Gomorrha"-Autors Roberto Saviano folgt Giovannesi einer Gruppe von neapolitanischen Kindern um den 15-jährigen Nicola, die mangels sonstiger Jobmöglichkeiten in die Mafiawelt einsteigen wollen, um sich teure Klamotten und Sneakers leisten und mit ihren Freundinnen große Partys feiern zu können. Verkaufen sie zunächst Kokain vor der Uni, so beschaffen sie sich bald Waffen, um ein ganzes Stadtviertel zu kontrollieren.

Nah dran an den Jugendlichen ist Giovannesi zwar und stark agieren die Laiendarsteller, doch zu glatt ist die Erzählweise, beschränkt sich ganz auf das Bebildern der Ereignisse und lässt keinem Moment die Zeit, die nötig wäre, damit Szenen Tiefe und Dichte gewinnen. Nie entwickelt "La paranza dei bambini – Piranhas" so die rohe Kraft und Wucht, die beispielsweise Stefano Sollimas "Suburra" oder Matteo Garrones "Gomorrha" auszeichneten.

Als souveräner Erzähler erweist sich dafür wieder einmal der 75-jährige André Téchiné. Wie schon zuletzt "Quand on a 17" spielt auch "L´adieu á la nuit" in den französischen Pyrenäen. Im Mittelpunkt des 2015 angesiedelten Films steht die von Catherine Deneuve gespielte Muriel, die mit ihrem nordafrikanischen Partner einen Hof mit Kirschenplantage und Reitangebot betreibt.

Erfreut ist sie über den Besuch ihres etwa 20-jährigen Enkels Alex, der nach dem Tod seiner Mutter bei ihr aufgewachsen ist. Langsam muss sie aber – und mit ihr der Zuschauer – erkennen, dass Alex zum radikalen Islamisten konvertiert ist, der nicht wie er vorgibt nach Kanada reisen, sondern in den Krieg nach Syrien aufbrechen will. Verzweifelt beginnt Muriel um ihren Enkel zu kämpfen und unternimmt alles, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten.

Beeindruckend ist, wie leichthändig Téchiné inszeniert, wie selbstverständlich er von diesem Kampf der Oma erzählt und den Zuschauer mit ihren Augen auf Alex blicken lässt. Er nennt zwar Gründe für seine Wandlung, doch verstehen kann der Zuschauer diese so wenig wie Muriel und wohl auch Téchiné selbst, der markant in einer Parallelmontage einer Szene der islamistischen Indoktrination die Lebensfreude eines Festes auf dem Hof, bei dem gesungen und getanzt wird, gegenüberstellt.

Wie schon in "Quand on a 17" zieht auch hier Téchiné den Zuschauer mit nah geführter und beweglicher Handkamera ins Geschehen hinein, arbeitet differenziert die Familienkonstellation heraus, und kann auch auf seine starken Hauptdarsteller Kacey Mottet Klein und Catherine Deneuve vertrauen. – Ein Preis wird der Franzose dafür allerdings nicht gewinnen: Sein Film läuft - auch wenn das ein Widerspruch in sich ist - zwar im Wettbewerb, dort aber außer Konkurrenz.

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