23. April 2009 - 3:57 / Ausstellung / Archiv 
30. Januar 2009 26. April 2009

Die Ausstellung "Man Son 1969. Vom Schrecken der Situation" widmet sich dem Reiz und der Gefahr der Extreme. Ausgangspunkt sind historische Ereignisse in Ästhetik und Politik, Lebenskunst und Gegenkultur der 1960er Jahre, deren Bedeutung bis heute umstritten ist. Rückblickend auf das Jahr 1969 werden 35 internationale Künstler und Künstlerinnen eingeladen, die Frage der Ambivalenz der Extreme dieser Zeit weit reichender gesellschaftlicher Reformprozesse mit neuen Arbeiten aufzugreifen. Die zeitgenössischen Positionen werden mit drei Gemälden aus verschiedenen Epochen, darunter Meister Franckes Christus als Schmerzensmann und John, der Frauenmörder von George Grosz, in Beziehung gesetzt.

Die Mitte des letzten Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch weltweite Kolonialkämpfe und tabubrechende Liberalisierungen. Der seinerzeit beispiellose Krieg in Vietnam rief große Protestbewegungen in Europa und Amerika hervor, die neben dem politischen Einfluss neue freiheitliche Lebensformen suchten. Insbesondere das Jahr 1969 markiert einen Zeitraum, der starke gegensätzliche Strebungen, sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch innerhalb ihrer Protestkultur, erkennen lässt. Es war nicht nur das Datum der ersten Mondlandung am 20. Juli zu verzeichnen, sondern zugleich auch der Umschwung der öffentlichen Meinung gegen Vietnam.

Charles Manson, geboren 1934, war eine zentrale Figur der amerikanischen Hippie-Kultur. Er gilt als Anstifter der Morde an dem prominenten Filmstar Sharon Tate und sechs weiteren Personen im August 1969. Sein Name und sein Image dienen aufgrund einer höchst umstrittenen Medien-Popularität als Stichwortgeber der Ausstellung. Die Morde der so genannten Manson-Family in Hollywood am 9. und 10. August schockierten die Öffentlichkeit. Auf das heiter friedliche Woodstock-Festival, vom 15. bis 18. August im Staat New York, folgte am 6. Dezember das Rockfestival in Altamont/Kalifornien, bei dem es zu einem tragischen Todesfall während eines Auftritts der Rolling Stones kam. Die sprichwörtliche Flower-Power erschien vielen nicht länger als unschuldiger Friedenswunsch.

Charles Manson lebte für ungefähr zweieinhalb Jahre von Ende 1967 bis 1969 mit der so genannten Family in einer Art Endzeit-Kommune zurück gezogen in Kalifornien. Nach der Mordserie im August 1969 war eine Täterschaft lange unklar. Aufgrund einer Indiskretion wurden schließlich Manson und vier seiner Gefolgsleute Anfang Dezember gefasst und wegen Massenmordes zum Tode verurteilt. Der turbulente Prozess begann 1970, dauerte 225 Tage und erregte großes Medieninteresse, auch aufgrund der Selbstdarstellungen der Angeklagten. Nach der vorübergehenden Abschaffung der Todesstrafe in Kalifornien (1972-1977), wurde das Urteil in lebenslange Haft umgewandelt. Allen Beteiligten wird bis heute jede Begnadigung verweigert. Die Schreibweise Man Son (frei übersetzt als "Menschensohn") ist eine von Manson gelegentlich eingesetzte Bedeutungsverschiebung seines Namens.

Parallel zu diesen Ereignissen radikalisierten sich die westlichen Studentenbewegungen. Zukünftige Terroristen der RAF flohen im November 1969 aus Deutschland nach Paris. Ihre Gewalt gegen Sachen eskalierte später im Mord. Unter diesen Gesichtspunkten vollzog sich im Jahr 1969 in Amerika und Deutschland eine Gratwanderung, auf deren Weg manch alternativer Lebensentwurf und gesellschaftliche Utopie in ihr gewalttätiges Gegenteil verkehrt wurde – andere scheiterten oder passten sich den Gegebenheiten an. Heute sind Selbstverwirklichung, Kreativität und Flexibilität, die damaligen Leitmotive für eine individuelle Lebenskunst, Schlagworte geworden, um einen viel zitierten "neuen Geist des Kapitalismus" durchzusetzen.

Die eingeladenen Künstler und Künstlerinnen verhandeln das Thema der Ausstellung, die Ambivalenz der Extreme um 1969, aus ihrer aktuellen Warte und streifen sowohl die Person als auch die Geschehnisse um Charles Manson nur am Rande. Sie entwickeln Perspektiven, die beispielsweise Gruppenbildung als ein Geschehnis zwischen Freiheit und Zwang ansprechen, die Manipulation, Erziehung und Anpassung zum Thema machen, die den musikalischen Hintergrund der Zeit und das Phänomen einer nahezu religiösen Legendenbildung aufgreifen. Der Name und das Image von Manson dienen aufgrund seiner höchst umstrittenen Medien-Popularität als Stichwortgeber der Ausstellung – sein Konterfei landete im Dezember1969, nach der Ausgabe über die Mondlandung, auf dem Titelblatt des Life-Magazins.

Den Auftakt zur Ausstellung bilden drei Gemälde aus verschiedenen Epochen. Zu einem mittelalterlichen "Schmerzensmann" und einer modernen Lustmord-Darstellung aus der Sammlung gesellt sich eine heutige Position hinzu, die beide Aspekte erneut aufgreift. Meister Franckes Andachtsbild Christus als Schmerzensmann ist um 1435 entstanden. Es zeigt das religiöse Motiv von Christi Passion als Todeserwartung. Die malerische Überhöhung von Leid, Eros und Tod lässt sich als Ausdruck der Opferbereitschaft und zugleich als Erlösung deuten. In enger Verbindung mit der Passion steht die biblische Bezeichnung des so genannten "Menschensohn", mit dem Jesus Christus gemeint war.

George Grosz (1893-1959) verwandelt mit John, der Frauenmörder im November 1918 das Thema Eros und Thanatos in einen imaginären Lustmord. Bei aller Verschiedenheit der Interpretationen dieses Bildes, wird die Formensprache bei Grosz übereinstimmend als Gesellschaftskritik an den politischen Zuständen der Weimarer Republik aufgefasst. Diese Haltung ist von großem Einfluss, unter anderem für den Amerikaner Joe Coleman. Joe Coleman, geboren 1955 in Norwalk/Connecticut, erinnert mit seiner akribischen Pinselarbeit und den ausschweifenden Darstellungen von Gewalt an burleske Traditionen der Malerei. Er portraitiert unter anderem auch Massenmörder und Staatsfeinde aus der Geschichte Amerikas wie zum Beispiel Charles Manson. Colemans Inspiration bezieht sich ausdrücklich auf die in der Weimarer Republik vorherrschende Mentalität zwischen Dekadenz und Kriegsschrecken, die er im heutigen Amerika wieder erkennt.

In diesen Beispielen aus drei Epochen wird der Schrecken der Situation unterschiedlich beantwortet. Im mittelalterlichen Bild verbindet er sich mit der religiösen Hoffnung des Einzelnen auf Erlösung. Zur Zeit des ersten Weltkriegs gilt der künstlerische Einsatz bei Grosz dem diesseitigen gesellschaftlichen Wandel. Coleman zeigt seine Kritik in altmeisterlicher Feinmalerei durch die Groteske und mit einem Lachen. Die gemeinsame Präsentation von historischen und zeitgenössischen Positionen lässt sich überkreuzende Logiken, Parallelen und Widersprüche zwischen Geschehnissen in Europa und den USA erkennen. Ein erneuter Blick auf die Zeit der 1960er Jahre und ihre Auswirkungen erscheint viel versprechend.


Zur Ausstellung erscheint eine Website sowie ein Katalog mit der Dokumentation aller künstlerischen Beiträge und Essays von Bommi Baumann, Truman Capote, Ursula Cyriax, Belinda Grace-Gardner, Gunnar Gerlach, Tom Kummer, Jan Metzler, Susanne Pfeffer, Nora Sdun sowie eine Einführung von Frank Barth und Dirck Möllmann.

Man Son 1969. Vom Schrecken der Situation
30. Januar 2009 bis 26. April 2009

Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall
D - 20095 Hamburg

T: 0049 (0)40 428 131 200
F: 0049 (0)40 428 5434 09
E: info@hamburger-kunsthalle.de
W: http://www.hamburger-kunsthalle.de/

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Meister Francke: Christus als Schmerzensmann, um 1435. Öltempera auf Eichenholz, 92,5 x 67 cm. © Hamburger Kunsthalle / bpk; Photo: Elke Walford
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George Grosz: John, der Frauenmörder, 1918. Öl auf Leinwand, 86,5 x 81,2 cm. © Hamburger Kunsthalle / bpk; Photo: Elke Walford
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Joe Coleman: As You Look Into the Eye of the Cyclops, So the Eye of the Cyclops Looks Into You, 2003. Verschiedene Materialien, 167,6 x 95,3 x 53,3 cm. Courtesy Joe Coleman; © Coleman 2007
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Till Gerhard: Wächter der Natur, 2004. 180 x 200 cm; © Gerhard 2007
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Josephine Meckseper: RAF Tray, 2002. C-Print, 50.8 x 40.6 cm; © Courtesy Galerie Reinhard Hauff