9. Juni 2019 - 7:41 / Ausstellung 
26. Mai 2019 16. August 2020

„Wenn nicht mehr die Repräsentation die Selbstdarstellung ausmacht, dann stellt sich die Frage, was sich hinter der Maske unterschiedlicher Präsentationsmuster verbirgt. Wie weit lässt sich die Individualität des Menschen überhaupt einfangen und wo ist der Übergang zwischen dem zeittypischen Auftreten und der Greifbarkeit des einzelnen Menschen?“
(Christian Bauer)

Die Frage nach unserer Identität ist in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen. Das Thema ist ein Leben lang aktuell und immer spannend. Der Drang zur Selbstdarstellung ist ein zentraler Trieb unserer Kultur und die Möglichkeiten dafür waren noch nie so ausgeprägt wie heute. Die digitale Kultur ist dabei ein Turbo, der die Selbstdarstellung vorantreibt. Privates wird nicht mehr verborgen, sondern ist längst zum wirksamsten Teil der Selbstinszenierung geworden.

Voraussetzung der zeitgenössischen Sicht auf die eigene Person waren bahnbrechende Erkenntnisse der Moderne. Egon Schiele hat hier den konsequentesten Schritt vollzogen. (Fast) nichts war nach Schiele so, wie es davor gewesen ist. Die moderne und zeitgenössische Kunst baut auf diesen Errungenschaften auf. Die wesentliche Botschaft dazu lautet, dass die Repräsentation als Schauseite des Menschen ihre Gültigkeit verloren hat. Wenn wir nicht das sind, wonach wir aussehen, was macht uns dann aus? Es gab und gibt unterschiedlichste Annäherungen an diese Frage, wobei spannend ist, dass die Kunst in der Ergründung der Identität vorangegangen ist. Die Erkenntnisse der Künstlerinnen und Künstler sind stärker, aussagekräftiger und nachhaltiger als jene der Ärzte, Psychologen und Philosophen, die den Weg der Selbstfindung begleitet haben. Nun sind Künstlerinnen und Künstler vervielfacht, können sich in Grimassen verzerren, sich durch Lebensorte vertreten lassen oder sich in Heiligenfiguren oder Superstars wiedererkennen.

Dieser Blick auf das eigene Ich führt im ersten Obergeschoss der Landesgalerie von einem Aspekt zum nächsten und hat keinen Anfang und kein Ende. Jede/r Besucher/in nimmt die Ausstellung, deren zentraler Gedanke eine Einladung zur Selbstreflexion ist, in unterschiedlicher Weise wahr. Die Selbstdarstellung ist ein zentrales Thema der Landessammlungen Niederösterreich, wodurch ein hochklassiger Querschnitt des österreichischen Kunstschaffens entsteht, der durch wichtige Werke aus zahlreichen Museen und Privatsammlungen ergänzt wird.

Das Portal in die Ausstellung ist ein erstmals präsentierter Brief Egon Schieles, der den Ausdruck der Gesichter (auch den seines eigenem) für falsch erklärt, in den Händen dagegen die „Wahrheit selbst“ erkennt. Unterschiedliche Aspekte unseres Daseins schließen daran an und bieten Raum für einen individuellen Parcours durch die Ausstellung, von der Frage der Echtheit des Auftretens bis zu unserem Verschwinden.

Die Ausstellung zeigt 200 Werke von 70 Künstlerinnen und Künstlern, darunter: Irene Andessner, Ona B., Renate Bertlmann, Lieselotte Beschorner, Herbert Boeckl, Die Damen, Carola Dertnig, Greta Freist, Padhi Frieberger, Adolf Frohner, Gelatin, Richard Gerstl, Franz Graf, Anton Hanak, Christa Hauer-Fruhmann, Gottfried Helnwein, Matthias Hermann, Birgit Jürgenssen, Lena Jakob Knebl, Florentine Pakosta, Broncia Koller-Pinell, Oskar Kokoschka, Elke Sylvia Krystufek, Maria Lassnig, Franziska Maderthaner, Jonathan Meese, Bruce Nauman, Hermann Nitsch, Andreas Ortag, Hermann Josef Painitz, Margot Pilz, Josef Karl Rädler, Arnulf Rainer, Werner Reiterer, Markus Schinwald, Martin Johann Schmidt, Egon Schiele, Oswald Tschirtner, August Walla, Franz West, Erwin Wurm u. v. a.

Ausstellungsbereiche

echt?

Eine Kernfrage der Selbstergründung betrifft unsere Mimik und Gestik. Ist unser Ausdruck echt? Welche Botschaften kann man in Gesichtern lesen? „Vieler Leute Gesichtsausdruck ist falsch wie ich den falschen haben kann. Aber die Hände sind die Wahrheit selbst.“ Egon Schiele hat mit dieser Aussage die programmatische Grundlage seiner epochalen Selbstbildnisse des Jahres 1910 gelegt. Seinen „falschen Gesichtsausdruck“ nennt er „maskiert“ und nimmt hier auf die Masken Bezug, die Schieles Anatomielehrer an der Akademie der bildenden Künste, Hermann Vinzenz Heller, für fünfzig Befindlichkeiten des Menschen geschaffen hat. Der maskierte Auftritt im Sinne Schieles ist das Rollenspiel, dessen Facetten schier unerschöpflich bis zur Gegenwart weiterentwickelt wurden. Das Hineindenken in andere Gestalten vollzog Oskar Kokoschka als Heiliger Sebastian mit einer Betonung des leidenden Künstlers. Irene Andessner schlüpfte in die Rolle Marlene Dietrichs oder nahm eine Annäherung an Egon Schiele wahr, während Jonathan Meese sich in Klaus Kinski wiedererkennt. Dass dies auch groteske Dimensionen annehmen kann, zeigt Maria Lassnigs Selbstbildnis als Hund. Insgesamt ist keine Darstellung authentisch, alles ist anders, als es aussieht, und dennoch steckt in jedem Rollenspiel ein tieferer Sinn, den es zu ergründen gilt.

politisch

Die Deutung, Entwicklung und Veränderung der sozialen, kulturellen und politischen Gegebenheiten unserer Umwelt durch Künstler/innen ist ein zentraler Gedanke der Selbstdarstellung. Die Stärke und Überlegenheit, mit der sich Egon Schiele in der Pfauenweste als Heiligenfigur inszeniert, billigt dem Künstler eine unbändige Kraft zu. Der Künstler sieht sich mit einer göttlichen Begabung beschenkt, die Welt zu sehen und zu verstehen. Diese Kraft ist in Arnulf Rainers mächtigem Christus-Selbstbildnis in der Überwindung des Todes erkennbar. Anton Hanaks monumentale Figur Der letzte Mensch zeigt den Künstler angesichts des Krieges haltlos und verloren und fokussiert einen Menschen, der in Hanaks Worten „von der Menschheit vergessen“ wurde. Eine Selbstdarstellung von Gottfried Helnwein ist im monumentalen Triptychon des Jahres 1986 in die Zeit des Nationalsozialismus versetzt, deren Aufarbeitung mit der Waldheim-Affäre ein zentrales Thema der Kunst geworden ist. Schon Jahrzehnte zuvor übernahm bei Herbert Boeckls Entwurf für den Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper eine Harlekin-Figur, die ein neues Zeitalter herbeitrommelt, die Verarbeitung der Schrecken des Krieges. Die größte politische Kraft der Nachkriegszeit entfaltete der Feminismus. Margot Pilz deutete das letzte Abendmahl neu und choreografierte die Szene von Christus und den Aposteln im Künstlerinnenkreis der IntAkt-Gruppe, während Birgit Jürgenssen das zentrale feministische Thema des Geschlechterkampfes in einer monumentalen Inszenierung aufgriff.

körperlos

Auch körperlos kann die Selbstdarstellung Gestalt annehmen. Egon Schiele sah sich kraftstrotzend im Kreise seiner Geschwister und einer welken Mutter als Teil einer Sonnenblumenfamilie, während Greta Freist sich nach ihrer Emigration mit ihrem Reiserucksack und dessen Inhalt identifizierte. Das Malhemd ist Relikt und eine Form der Selbstdarstellung des Aktionskünstlers Hermann Nitsch, die Jeans von Matthias Herrmann wurde während seines New-York-Aufenthalts zum Stellvertreter des Künstlers. Carola Dertnig erkennt sich in der Erinnerung an ihre Mutter wieder, deren Kleidersammlung in ihren Besitz, ihren Stil und ihre künstlerische Arbeit übergegangen ist.

Auch Orte können der Selbstdarstellung des Künstlers dienen. Das untrennbar mit seiner Biografie verwobene apfelgrüne Haus ist Gegenstand der Selbstdarstellungen Arnulf Neuwirths, bei August Walla verliert sich die Gestalt des Künstlers hingegen in einem märchenhaften Universum.

vielfach

Die Vervielfachung des Selbstbildes ist verbunden mit der Erkenntnis, dass keine gültige, in jeder Hinsicht aussagekräftige Darstellung des Menschen möglich sein kann. Die Einheitlichkeit des Menschen ist in zahlreiche Einzelaspekte, Wiederholungen und zeitliche Abläufe zerfallen. Die Vervielfachung kann Foto und zeichnerische Reflexion sein, wie dies Franz Graf nahelegt, oder aber eine szenische Abfolge bilden wie bei Christian Bazant-Hegemark. Oswald Tschirtner hat aus der Vielfigurigkeit seiner Darstellungen ein Prinzip entwickelt, das seine Kunst insgesamt charakterisiert und immer vom eigenen Ich ausgeht. Florentina Pakosta versieht die stereotypen Figuren ihrer Bilder mit jener Glatzköpfigkeit, die die Künstlerin bis zur Schulzeit begleitet hat.

Bei Markus Schinwalds Eli-Figur hat das Ich den eigenen Körper verlassen, der als wenig vertrauenswürdige Gliederpuppe blutleer zurückbleibt. Lieselott Beschorner verleiht dem Ich in zahlreichen Materialien, Kunstgattungen und Gestalten Ausdruck. Besonders unverwechselbar sind die Selbstdarstellungen in Form von vervielfachten Strickpuppen, die einen fixen Bestandteil ihres Lebensraumes bilden.

künstlerhaft

Das künstlerhafte Dasein fängt den Lebensraum der Künstlerinnen und Künstler ebenso ein wie den Habitus und die Radikalität des Auftritts der Dargestellten.

Die Atelierbilder von Elfriede Mejchar, Franz Hubmann und Didi Sattmann zeigen aussagekräftige Haltungen und Arbeitsprozesse der Künstlerinnen und Künstler, die Porträts schwanken zwischen Privatheit und Repräsentation. Die Interaktion zwischen Fotografie und Kunst ist jeweils spürbar, die Inszenierung dominiert dabei aber, auch wenn zahlreiche Fotos die künstlerische Arbeit wie durch ein Schlüsselloch betrachtet einfangen.

Anfangs war die künstlerische Selbstdarstellung von bürgerlichen Porträts kaum unterscheidbar. Später wurde die radikale Nacktheit des Künstlers zum Spielbein des österreichischen Frühexpressionismus. Nach Richard Gerstl setzte sich Egon Schiele mit dem Blick auf den nackten Körper auseinander und eröffnete damit eines der zentralsten Kapitel seines Schaffens. Die Nacktheit verband sich mit zentralen Botschaften wie der eigenen Verletzlichkeit, dem Leiden und der Einsamkeit des Künstlers. Anton Hanak setzte die Nacktheit symbolhaft mit der gottgleichen Erscheinung des Künstlers als Schöpfer in Beziehung. In der Gegenwart erschließt die Nacktheit immer neue Bereiche der künstlerischen Selbstdarstellung wie etwa den pointierten Humor der Künstlergruppe Gelatin.

Elke Krystufek inszeniert sich in zahlreichen Werken nackt, fokussiert aber in der monumentalen Darstellung ihres Gesichts eine psychologisierende Innensicht, die ihre Sensibilität und Empfindsamkeit offenlegt.

verliebt

Beginnen wir mit der Selbstverliebtheit, für die das Bild des Dandys die Vorlage liefert. Egon Schiele sah sich zu Beginn seines Schaffens im eleganten Zwirn, mit Seidentuch und langem Haar in der Tradition Oscar Wildes, und auch in späteren Jahren war sein Style von Eleganz geprägt, der Auftritt im Malerkittel war ihm fremd. Christian Ludwig Attersee spielte mit der Selbstverliebtheit eines makellosen Körpers, schöpfte künstlerische Kraft daraus und betrachtet das eigene Aussehen mit Augenzwinkern. Natürlich wirkt Manfred Deix im easy way of living der kalifornischen Westküste wenig überzeugend, doch die Liebe zu den Beach Boys war eine lebenslange Leidenschaft des Künstlers. Liebe in der Familie und Partnerschaft sind ebenso zentrale Themen der Kunst. Richard Mauch thematisierte die Partnerschaft inmitten des ländlichen Kirchganges und bei Theodor von Hörmann bekommt eine stimmungsvolle Gartenlaube die Oberhand in der Beziehungsdarstellung.

Am Beginn der Selbstdarstellung – sowohl des eleganten, selbstverliebten Künstlers als auch jener im Rahmen eines Familienbildes – steht die Aufklärung, deren erster Künstlerstar der Kremser Schmidt war. Das neu erwachte Selbstbewusstsein des Künstlers an der Spitze der Gesellschaft erscheint sowohl im Selbstporträt wie auch im Familienbild, das in der Altstadt von Stein, unweit der Landesgalerie Niederösterreich entstanden ist.

verschwindend

Was bleibt von Künstler/innen nach ihrem Tod? Welche Rolle spielt der Tod in der Selbstdarstellung? Werner Reiterer thematisiert die eigene Sterblichkeit, indem er den statistisch wahrscheinlichsten Zeitpunkt seines Todes als Countdown anlegt. Das Gespenstische daran ist das präzise Einarbeiten seiner Lebensführung, seiner Krankenakte und seiner familiären Vorgeschichte. Richard Gerstl malte einen leeren Sessel als eines seiner allerletzten Werke nur wenige Tage vor seinem Selbstmord. Hier ist das Fehlen des Künstlers das zentrale Thema.

Florentina Pakosta erstellte ein imaginäres Selbstbildnis nach dem Tod. Die Totenmaske ist eine entscheidende Kategorie der Erinnerungskultur; Egon Schiele hat sich in Briefen und Bildern häufig mit dem Tod auseinandergesetzt. Arnulf Rainer schuf in der Auseinandersetzung mit Totenmasken großartige Werke. Die Übermalung der eigenen Person hat Rainer so weit getrieben, dass auch hier ein Verschwinden die Folge ist.

Adolf Frohner schuf eine sehr traditionelle Form des Weiterlebens innerhalb unserer kulturellen Gepflogenheiten. Er entwarf ein Denkmal für sich selbst und verlieh damit der eigenen Bedeutung in unmissverständlicher Form Ausdruck.

„Ich bin alles zugleich.“ – Selbstdarstellung von Schiele bis heute
26. Mai 2019 bis 16. August 2020

Landesgalerie Niederösterreich
Museumsplatz 1
A - 3500 Krems an der Donau

W: https://www.lgnoe.at/

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  •  26. Mai 2019 16. August 2020 /
Egon Schiele, Selbstbildnis mit Gilet, 1910 © Landessammlungen NÖ
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Egon Schiele, Selbstporträt mit Pfauenweste, 1911, Ernst Ploil, Wien
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Erwin Wurm, Ich und Über-Ich, 2008 © Sammlung Oesterreichische  Nationalbank / Bildrecht, Wien, 2019
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Irene Andessner, I.M. Dietrich, 2001 © Landessammlungen NÖ, Foto: Irene Andessner, 2019
Irene Andessner, I.M. Dietrich, 2001 © Landessammlungen NÖ, Foto: Irene Andessner, 2019
Ausstellungsansicht "Ich bin alles zugleich" © Christian Redtenbacher
Ausstellungsansicht "Ich bin alles zugleich" © Christian Redtenbacher
Ausstellungsansicht "Ich bin alles zugleich" © Christian Redtenbacher
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