28. Oktober 2020 - 2:12 / Ausstellung / Film 
24. Oktober 2020 17. Januar 2021

Die Ausstellung gibt Einblick in das radikale Filmschaffen und umfangreiche Werk von Želimir Žilnik. Seit seinen Anfängen in der lebendigen Amateurfilmszene, die sich in den 1960ern in Jugoslawien entwickelte, hat Žilnik über 50 Filme gedreht, darunter zahlreiche Spielfilme und Fernsehproduktionen, die oft der Gattung Dokumentardrama zuzurechnen sind.

Žilniks Arbeiten fanden schnell internationale Anerkennung; mit "Frühe Werke" gewann er 1969 auf der Berlinale den Goldenen Bären für den besten Langfilm. Als seine Filme in den 1970ern auf politischen Widerstand stießen, verließ er Jugoslawien und ließ sich in Deutschland nieder, wo mehrere Independent-Filme entstanden, darunter einige der ersten Filme, die sich mit dem Thema Gastarbeiter_innen auseinandersetzten. Auch in Deutschland sah er sich politischen Anfeindungen und Zensur ausgesetzt und kehrte nach Jugoslawien zurück, wo er in den 1980ern zahlreiche Fernseh- und Spielfilme drehte, in denen er die ersten Anzeichen der wachsenden gesellschaftlichen Konflikte in seinem Heimatland einfing. In den 1990ern und 2000ern entstanden Filme, die die Schattenseiten der postsozialistischen Umwälzungen und Migrationsfragen behandelten.

Viele von Žilniks Filmen nahmen auf geradezu prophetische Weise reale Entwicklungen vorweg, etwa den Zerfall Jugoslawiens, den wirtschaftlichen Übergang vom Sozialismus zu einer neoliberalen Ordnung, die Beseitigung von Arbeitnehmer_innenrechten und die umfassende Zersetzung gesellschaftlicher Strukturen in den Bereichen Arbeit und Migration. Der Titel der Ausstellung, Shadow Citizens, spiegelt Žilniks jahrzehntelanges Bemühen wider, die Aufmerksamkeit der Zuschauer_innen auf unsichtbare, unterdrückte, unterrepräsentierte und verzerrt dargestellte Mitglieder der Gesellschaft zu lenken.

Als konzeptueller Begriff deutet "Schattenbürger_innen" auf eine Form des politischen Engagements für eine "Amateur_innenpolitik" hin – auf fantasievolles und subversives, nichtnormatives Wissen und auf die alternativen Sensibilitäten, die immer in einer Gesellschaft schlummern und manchmal sichtbaren Widerstand gegen eine Politik des "wie üblich" leisten. Dem Urbanisten Andy Merrifield zufolge sind amateur_innenhafte und professionelle Politik tatsächlich politische Bereiche, die zurückerobert und wie tektonische Platten in Bewegung versetzt werden können (Andy Merrifield, The Amateur: The Pleasures of Doing What You Love, London: Verso 2017).

Žilniks Filme sind – konzeptuell wie methodisch – von einer mutigen Amateur_innenhaftigkeit getragen. Die Idee der "Schattenbürger_innen", verstanden als unterschiedliche Minderheiten, die überall zunehmend zu Mehrheiten werden, zieht sich durch Žilniks Werk. Sie wird als eine Möglichkeit aufgegriffen, eine neue Vorstellung von Staatsbürger_innenschaft zu entwickeln, die gegenwärtige Beschränkungen und Grenzen verschiebt. Die verschiedenen Facetten der Potenziale von Schattenbürger_innen und der Druck des unterschwellig Amateur_innenhaften in emanzipatorischer Politik und künstlerischer Produktion, von denen Žilniks Filme handeln, geben nicht zuletzt Aufschluss über aktuelle gesellschaftliche und politische Dringlichkeiten.

Želimir Žilnik (geb. 1942) lebt und arbeitet in Novi Sad, Serbien

Želimir Žilnik
Shadow Citizens
24. Oktober 2020 bis 17. Jänner 2021
Kuratorinnen: What, How & for Whom / WHW (Ivet Ćurlin, Ana Dević, Nataša Ilić und Sabina Sabolović)
In Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum und der Viennale

Kunsthalle Wien
Museumsplatz 1
A - 1070 Wien

W: http://www.kunsthallewien.at/

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  •  24. Oktober 2020 17. Januar 2021 /
Želimir Žilnik, Freiheit oder Comicstrip (Produktionsfoto), 1972, Courtesy der Künstler, Foto: Andrej Popović
Želimir Žilnik, Freiheit oder Comicstrip (Produktionsfoto), 1972, Courtesy der Künstler, Foto: Andrej Popović
Želimir Žilnik, Marble Ass (Produktionsfoto), 1995, Courtesy der Künstler, Foto: Miodrag Milošević
Želimir Žilnik, Marble Ass (Produktionsfoto), 1995, Courtesy der Künstler, Foto: Miodrag Milošević
Želimir Žilnik, Tito zum zweiten Mal unter den Serben (Filmstill), 1994, Courtesy der Künstler
Želimir Žilnik, Tito zum zweiten Mal unter den Serben (Filmstill), 1994, Courtesy der Künstler
Porträt Želimir Žilnik, Kunsthalle Wien 2020, Foto: © eSeL.at - Lorenz Seidler
Porträt Želimir Žilnik, Kunsthalle Wien 2020, Foto: © eSeL.at - Lorenz Seidler