13. Februar 2010 - 2:21 / Ausstellung / Archiv 
8. November 2009 14. Februar 2010

Jeder jagt. Erfolg, Selbstverwirklichung, Ruhm, Schätze, Abenteuer. Keiner jagt, im Alltag. Wir suchen, wünschen, träumen, sehnen. Kämpfen maximal. Die Kunst ist es, dem Alltag auf den Grund zu gehen und die Dinge beim Namen zu nennen. Mark Dion tut dies. Er enttarnt uns. Schließlich sind wir alle Jäger. Es gibt viele Möglichkeiten des Jagens. Diesem Umstand zollt Dion unter anderem Tribut, indem er verschiedene Jägertypen definiert. Da gibt es den edlen "Dandy-Rococo", dessen Hochstand Kristallgläser und Silberservice schmücken. Und sein krasses Gegenteil: Den "Schlampigen" ("The Slob"), der seinen Stand nachlässig und ungepflegt langsam zur Ruine ("The Ruin") verkommen lässt.

Sechs Jagdverstecke errichtet Mark Dion in seiner Kremser Ausstellung. Also sechs Hochstände mit ganz unterschiedlicher Ausstattung, die auf sechs Jägertypen bzw. Jagdsituationen schließen lassen. Dion zwingt den Betrachter damit über sich selbst nachzudenken, und zwar mit der schlichten Frage: "Welcher Jagdtyp bin ich?" Und er erlaubt dem Besucher ungestraft Voyeur zu spielen, indem er Einblick in die privaten Verstecke anderer Jäger gewährt. Der wichtigste Aspekt in Mark Dions Ausstellung ist jedoch das Faszinosum "Natur". Und das zwiegespaltene Verhältnis des Menschen zu ihr. Die Installationen, Objekte, Zeichnungen und Fotografien des Künstlers erscheinen zwar vordergründig als Kritik am häufig gedankenlosen und grausamen Umgang des Menschen mit der Natur, doch geht es ihm wesentlich um das Verständnis der hinter den verschiedenen Aneignungsformen verborgenen komplexen Konzepten von Natur und Gesellschaft.

In seinem aktuellen Projekt "Concerning Hunting" ("Über das Jagen") widmet sich Dion der Jagd als einer traditionsreichen, leidenschaftlich betriebenen und auch umstrittenen Kulturpraxis. Das Faszinierende am Jagen ist für Dion der ihr zugrunde liegende Widerspruch: Die Sensibilität des Jägers und sein profundes Wissen über die Natur manifestieren sich letztlich unter anderem im Töten von Tieren. In den verschiedenen Jagdhütten und Hochständen können die Besucher den Blick des Jägers auf die Natur sowohl nachempfinden als auch ihm ausgesetzt sein und dabei in den opulent ausgestatteten Interieurs verweilen. In einem Interview beschrieb Mark Dion sein Vorgehen einmal als "ortssensitiv". Er versieht seine Ausstellungen mit lokalspezifischem Kolorit und macht sie dadurch nochmals zu etwas Besonderem. In Krems arbeitet der Künstler mit dem ortsansässigen Jagdverein zusammen und stellt Portraits einheimischer Jäger aus. Neben den sechs Jagdständen sind über 50 weitere Exponate in der Kunsthalle Krems zu sehen.

Mark Dion gehört zu den Klassifikatoren unter den Künstlern. Ihn interessieren sozialhistorische Analysen, er arbeitet mit Naturwissenschaftlern wie Kunstinstitutionen zusammen, um selbst wie ein Alchemist die Naturgeschichte als Typologie menschlichen Kulturwillens zu beschreiben und – wo nötig – nicht ohne Ironie neu zu erschaffen. Die Ästhetik des Nebeneinanders von Kunst- und anderen Sammelobjekten, die der in New York und Pennsylvania lebende Künstler für diese kritische Weltsicht entwickelt, ist ausgefeilt und subtil wie in einer Kunst- und Wunderkammer der Renaissance; in ihrer aus heutiger Sicht ungewohnten Zusammenstellung weckt sie Neugier und schafft einprägsame, manchmal aber auch grausame Bilder.

Das künstlerische Konzept von Mark Dion zielt auf Serialität ab und bemüht die altehrwürdige Wissenschaftstradition der Enzyklopädie. Aber Mark Dion ist auch Psychologe, der den Besucher dazu bringt, über sich selbst als Typ nachzudenken. Schließlich ist jeder Mensch ein Jäger. Mark Dion gelingt es, aus der Jagd gleichzeitig eine Psychologie oder sogar Archetypik des Jagens abzuleiten. Die umfassende Ausstellung "Über die Jagd / Concerning Hunting" findet als Kooperation mit Kunstraum Dornbirn, Aarhus Kunstbygning, Galleria Civica di Modena und Herbert- Gerisch-Stiftung statt.


Zur Ausstellung erscheint ein Katalog bei Hatje Cantz zum Preis von 30,60 Euro.

Mark Dion - Concerning Hunting
8. November 2009 bis 14. Februar 2010

Kunsthalle Krems
Franz-Zeller-Platz 3
A - 3500 Krems-Stein

T: 0043 (0)2732 9080-10
F: 0043 (0)2732 9080-11
E: office@kunsthalle.at
W: http://www.kunsthalle.at/

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Hunting Blind (The Ruin), 2008. Foto: Adolf Bereuter; Courtesy Georg Kargl Fine Arts. © Mark Dion, 2009
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Hunting Blind (The Glutton), 2008. Foto: Adolf Bereuter; Courtesy Georg Kargl Fine Arts. © Mark Dion, 2009
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Mobile Wilderness Unit - Wolf. © Mark Dion, 2009; Courtesy Georg Kargl Fine Arts, Vienna