11. Juni 2010 - 2:38 / Bühne / Musiktheater 

Schon seit Jahrhunderten ist der Volksglaube der festen Überzeugung, dass in Flüssen und Gewässern unweit von menschlichen Siedlungen Elementargeister wie Nixen und Wassermänner zu Hause sind. Besonders im slawischen Raum gibt es eine reiche Erzähltradition von diesen rätselhaften Wasserwesen, doch bedeutende literarische Beiträge zu diesem Thema leisteten auch der deutsche Romantiker Friedrich de la Motte-Fouqué mit seiner «Undine» und der dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen mit seinem Märchen "Die kleine Meerjungfrau".

Aus beiden Vorlagen hat Jaroslav Kvapil entscheidende Motive in sein Libretto zu "Rusalka "übernommen: Eine Wassernymphe – dies bedeutet das tschechische Wort "Rusalka" – sehnt sich nach menschlicher Gestalt, denn sie hat sich in einen Prinzen verliebt. Der Preis ist hoch, da sie ihre Fähigkeit zu sprechen aufgeben muss und Gefahr läuft, verdammt zu sein, wenn sie nicht menschliche Liebe erringt. Doch vollends die Liebe und Zuneigung des Prinzen zu gewinnen, ist ihr verwehrt, und so bleibt Rusalka als Irrlicht allein auf der Erde zurück.

Nur wenige Monate nach der Uraufführung seiner Oper "Die Teufelskäthe"begann Antonín Dvorák im April 1900 mit der Komposition eines neues Bühnenwerkes: "Meine neue Oper ist wieder ein Märchen, die Worte stammen von Jaroslav Kvapil, sie heisst "Rusalka" – und ich bin voll Begeisterung und Freude, dass mir die Arbeit so gut gelingt", schreibt er an seinen Freund Alois Göbl. Auf seinem Landsitz in Vysoká südlich von Prag fand der Komponist, der in vielerlei Hinsicht der Landmensch seiner Kinderjahre geblieben war, die idealen Arbeitsbedingungen. Vysoká bildete für ihn den Gegenpol zum Trubel der Stadt und zu den Streitigkeiten der Welt um ihn herum. Hier verarbeitete er nicht zuletzt auch die vielfältigen Eindrücke seines Amerika-Aufenthaltes. In New York hatte Dvorák von 1892 bis 1895 das National Conservatory of Music geleitet und in der Stadt am Hudson River nicht nur die Licht-, sondern auch die Schattenseiten erlebt, welche die industrielle Revolution mit sich brachte. Die schöne Vorstellung, Kreatur und Natur seien eins, hatte sich als trügerische Illusion erwiesen, und was in Amerika längst Realität war, sollte auch in der böhmischen Heimat des Komponisten, die sich nachhaltig um die Emanzipation von der habsburgischen Dominanz bemühte, bald bittere Realität werden.

Die Figurenkonstellation in "Rusalka"präsentiert sich als Mischung aus Friedrich de la Motte-Fouqués romantischer Erzählung "Undine" und Hans Christian Andersens Märchen "Die kleine Meerjungfrau". Fouqués Ritter Huldbrand steht zwischen zwei Frauen, von denen er die irdische, Bertalda, bereits vor der überirdischen, Undine, kennen und lieben lernt. Andersens Märchenprinz hingegen hängt dem Traumbild seiner wahren Liebe nach, dem die kleine Seejungfrau sehr nahe kommt. Deshalb kann sie seine Gunst erringen. Doch als der Prinz sein Traumbild in der Realität vor sich sieht, gibt er ihm den Vorzug vor der Nixe. Jaroslav Kvapil hat diese Konstellation verschärft: In Rusalka erkennt der Prinz sein Traumbild, dem er auch dann noch nach- jagt, als er es zugunsten der Fremden Fürstin bereits verstossen hat. Die Liebe des Prinzen kann die Nixe Rusalka nur erlangen, wenn sie zum Menschen wird und eine Seele hat. Sie verlässt ihr angestammtes Element, um Glück und Zukunft in der ihr fremden Menschenwelt zu suchen.

Die Warnungen des Wassermanns können sie ebenso wenig zurückhalten wie die Voraussetzungen und Folgen einer solchen Grenzüberschreitung, die ihr die Hexe Jezibaba eindringlich klar zu machen sucht. Für die Seele büsst Rusalka ihre Stimme ein – krasser könnte man auf der Opernbühne wohl kaum zeigen, mit welchem Verlust ein Elementargeist seine Annäherung an den Menschen bezahlt. Und als wäre es damit nicht genug, schenkt Dvorák seiner Rusalka, bevor sie über den langen Zeitraum von 1430 Takten zu schweigen hat, mit dem "Lied an den Mond" seine vielleicht schönste Musik. Wenn der Prinz und Rusalka, die schuldlos aneinander scheitern, am Ende noch einmal zusammentreffen, können sie miteinander sprechen. Sie hat begriffen, dass ihrer beider Liebe unter falschen Voraussetzungen begonnen hat. Er versteht, dass die Konsequenz seiner Liebe die unwiderrufliche Loslösung von seiner Welt und das Ende seines Lebens als Mensch bedeutet. Der Todeskuss, den er von Rusalka erbittet, ist mehrdeutig und damit nicht nur ein Ausdruck liebenden Verzeihens. Für Rusalka bedeutet er das Verlöschen ins Nichts, dem Prinz bringt er die ersehnte Erlösung im Schosse der Natur. mk

Rusalka - Lyrisches Märchen in drei Akten von Antonín Dvorák (1841-1904)
Premiere: Sonntag, 30. Mai 2010

Musikalische Leitung Vladimir Fedoseyev
Inszenierung Matthias Hartmann
Bühnenbild Karl-Ernst Herrmann
Choreografie Ismael Ivo

Weitere Vorstellungen:
01. Juni 10, 20.00 Uhr
03. Juni 10, 19.30 Uhr
06. Juni 10, 20.00 Uhr
11. Juni 10, 19.30 Uhr
13. Juni 10, 20.15 Uhr
16. Juni 10, 20.00 Uhr

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