8. Juli 2010 - 2:55 / Bühne / Musiktheater 

"Ein alter, verliebter Mann möchte sein Mündel morgen heiraten. Ein junger, gewitzter Mann kommt ihm zuvor, und noch am selben Tag heiratet dieser die junge Frau, unter den Augen ihres Tutors und in seinem eigenen Haus." So fasst Pierre Augustin Caron de Beaumarchais die Handlung zu seinem Schauspiel "Le Barbier de Séville ou la Précaution inutile" zusammen, das 1775 in Paris mit einem richtiggehenden Debakel zur Uraufführung gebracht wurde, später aber nach einigen Kürzungen und Umarbeitungen Beaumarchais einen lang anhaltenden Triumph bescheren sollte.

Die Komödie bildete den Auftakt zu einer Trilogie über die Familie Almaviva, die neun Jahre nach dem "Barbier" mit "La folle journée ou le Mariage de Figaro" ihre Fortsetzung finden sollte und schliesslich 1792 mit "La Mère coupable ou l’Autre Tartuffe" beendet wurde.

Noch bevor der "Barbiere" in die Hände Rossinis gelangte, vertonten nicht weniger als zehn Komponisten den Stoff. Fast 35 Jahre lang behielt dabei Giovanni Paisiellos "Barbiere" die Oberhand, den dieser 1782 für den St. Petersburger Hof in Musik gesetzt hatte. Ausgerechnet im Jahr 1816, dem Todesjahr Paisiellos, schien dann die Zeit reif zu sein für eine neue Vertonung...

Rossini erhielt Ende 1815 von Herzog Francisco Sforza-Cesarini, dem rührigen Impresario des römischen Teatro Argentina, den Auftrag zu einer neuen Oper. Nachdem ein Textbuch von Jacopo Ferretti, dem späteren Verfasser von "La Cenerentola", als zu alltäglich abgetan wurde – im Mittelpunkt von dessen Geschichte standen eine Gasthauswirtin, ein Offizier und ein Notar –, wandte man sich an Cesare Sterbini, der gerade mit "Torvaldo e Dorliska" sein erstes Libretto für Rossini verfasst hatte.

Sterbini nahm den Auftrag schliesslich nach einigem Zögern an und schlug als Stoff Beaumarchais’ "Le Barbier de Séville" vor, möglicherweise, weil dieser seinen Text bereits als "opéra comique" angelegt hatte und er leicht in Arien, Duette, Ensembles und Rezitative eingeteilt werden konnte. Die Umstände nötigten Rossini und Sterbini beinahe zur "industriellen" Produktionsweise. Zwischen dem Unterschreiben des Vertrags durch Rossini und der ersten Aufführung lagen denn auch nur 67 Tage. Sterbini lieferte sein Textbuch innerhalb von zwölf Tagen ab, nachdem er Beaumarchais’ Vorlage von vier Akten auf zwei mit je zwei Bildern verkürzt hatte.

Kurze Monologe baute er zu Arien aus, lange Gespräche fasste er zu kurzen Rezitativen zusammen, die Hauptcharaktere wurden klarer gezeichnet und einige Nebenfiguren ausgewechselt. Rossini wiederum soll das Libretto in rasend schneller Zeit vertont haben; wie schnell genau, darüber existieren verschiedene Angaben. Fest steht jedenfalls, dass Rossini für seine 600 Seiten Musik nicht mehr als 19 oder 20 Tage zur Verfügung gehabt haben kann.

Um den tumultartigen Premierenabend vom 20. Februar ranken sich die verschiedensten Anekdoten, bei denen nicht mehr so genau zwischen Wahrheit und Erfindung unterschieden werden kann. Alexis Jacob Azevedo jedenfalls behauptet, dass Rossini bereits bei seinem Erscheinen durch die Art seiner Kleidung – ein nussbrauner Gehrock mit goldenen Knöpfen nach spanischer Art – den Unmut des Publikums auf sich gezogen habe. Weiters sei der Sänger des Basilio über eine Falltüre gestolpert und habe sich fast die Nase gebrochen.

Die Sache sei vollends aus dem Ruder gelaufen, als ausgerechnet im Finale eine Katze auf der Bühne auftauchte: "Der ausgezeichnete Figaro, Zamboni, jagte sie auf der einen Seite hinaus, worauf sie auf der anderen wieder erschien und dem Bartolo, Botticelli, auf die Arme sprang... Die gütige Zuhörerschaft rief dem Tier zu, ahmte das Miauen nach und ermutigte es mit Wort und Geste, seine improvisierte Rolle weiterzuspielen...". Und bei Geltrude Righetti Giorgi, Rossinis erster Rosina, lesen wir: "Ich sang mit Zamboni das schöne Duett zwischen Rosina und Figaro, doch der missgünstigste Neid, den es je gegeben hat, öffnete seine Schleusen."

Der Abend war zweifelsohne ein Misserfolg. Ob allerdings, wie lange behauptet wurde, das Fiasko von reaktionären Anhängern Paisiellos angezettelt wurde, darf nach dem heutigen Wissensstand angezweifelt werden. Paisiellos"Barbiere" wurde in Rom nämlich nie aufgeführt, und die Existenz von römischen "Paisiellisti" ist grundsätzlich fragwürdig. Viel eher scheint eine feindselige Claque aus dem Teatro Valle auf den Plan gerufen worden zu sein, die sich extra ins Teatro Argentina begeben hatte, um dort Krach zu schlagen und dem rivalisierenden Theater zu schaden – gar nicht so sehr Rossini. Als die Zuschauer dann ab der zweiten Vorstellung ohne jeden geplanten Radau einfach nur der Oper lauschten, war der Augenblick des Triumphes gekommen...kb

Il Barbiere di Siviglia
Komische Oper in zwei Akten
von Gioachino Rossini (1792-1868)
Libretto von Cesare Sterbini
nach Beaumarchais’ gleichnamiger Komödie (1775)
Musikalische Leitung Nello Santi
Inszenierung Cesare Lievi
Premiere: So 27. Dezember 2009, 19 Uhr

Weitere Vorstellungen:
30.12.09, 19.30 Uhr
01.01.10, 14.00 Uhr
06.01.10, 19.00 Uhr
08.01.10, 19.00 Uhr
10.01.10, 14.00 Uhr
13.01.10, 19.00 Uhr
15.01.10, 19.00 Uhr
17.01.10, 14.00 Uhr
20.01.10, 19.00 Uhr
22.01.10, 19.00 Uhr
24.01.10, 20.00 Uhr
10.07.10, 19.00 Uhr

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