26. Februar 2009 - 2:27 / Ausstellung / Ethno 
16. November 2008 1. März 2009

Shiva ist einer der wichtigsten Götter im hinduistischen Pantheon. In seiner Darstellung als tanzender Gott spielt er eine zentrale Rolle im visuellen Repertoire dieser Weltreligion. Das Museum Rietberg besitzt eine besonders eindrückliche Bronzeplastik des Shiva Nataraja aus der Mitte des 11. Jahrhunderts. Der im Innern eines Flammenkreises tanzende Shiva ist nicht nur das unbestrittene Meisterwerk der Indien-Abteilung, sondern gilt unter vielen Kennern auch als das bedeutendste Werk im Besitz des Museums Rietberg überhaupt. An seiner Seite werden eine exquisite Auswahl an Plastiken und Bilder aus der ganzen Welt zu sehen sein.

Dem kosmischen Tänzer ist eine faszinierende Ausstellung gewidmet, die den Facettenreichtum dieses Gottes aufzeigt. Shivas Tanz ist heftig und wild, voller Leidenschaft und Begierde, voller Zerstörung und Magie. Der mit Asche beschmierte Shiva tanzt auf dem Kremationsplatz, er bestimmt den Rhythmus des Lebens und der Zeit. Ein Netz von komplexen Sinnzusammenhängen kosmologischer und mythischer Art rankt sich um seine Figur. Sie verkörpert einerseits seine fünf Aspekte: Er ist Schöpfer, Erhalter, Zerstörer, Spieler und Erlöser. Andererseits evoziert sie die fünf Elemente Feuer, Wasser, Erde, Wind, Raum beziehungsweise Äther, die wiederum fünf zentralen Shiva-Tempeln zugeordnet werden. Diese Gleichsetzung ist nicht als Zahlenspielerei oder esoterische Spekulation anzusehen, sondern verdeutlicht die Verbindung zwischen Göttern und Menschen, zwischen Mikro- und Makrokosmos.

Der tanzende Shiva ist eine transportable Kultfigur. Als Prozessionsbronze gehört sie in einen genau definierten rituellen Zusammenhang: Jedes Jahr kommt Shiva während eines Festes als Nataraja aus dem Tempel heraus und zeigt sich der Öffentlichkeit. Sein Erscheinen beendet die dunkle Jahreszeit, den Winterwendekreis der Sonne.

Shiva Nataraja, der Shiva als Herr des Tanzes ist heute zu einem universellen Symbol geworden. Allerdings weiss man nur wenig über den kulturellen Hintergrund in Südindien. Man weiss nichts von der vegetativen Logik der dazugehörigen Rituale und Feste mit ihrem Zyklus von Schöpfung, Wachstum und Vergehen, ihrer Einbindung in die Jahreszeiten und den liturgischen Kalender – obwohl diese kulturelle Praxis in Indien heute noch weiterlebt. Der "globalisierte" Shiva existiert ohne Lokalbezug, er hat sich von seinen südindischen Ursprüngen entfernt. Es zählt nur noch das spirituelle Konzept als die grosse Idee, die hinter allem steht. Diese Verzerrung will die Ausstellung korrigieren. Dank der in Tamil Nadu von Saskia Kersenboom und Johannes Beltz eigens für diese Ausstellung durchgeführten Feldforschung konnten bisher unbekannte Bedeutungszusammenhänge aufgedeckt werden.

Die Ausstellung präsentiert 33 exquisite Bronzeplastiken und 5 monumentale Steinskulpturen aus der Chola-Zeit, also aus der Zeit vom 9. bis 12. Jahrhundert. Daneben zeigt sie ausgewählte südindische Malerei des 18. Jahrhunderts.

Shiva erscheint in den Kunstwerken in seinen vielfältigen Manifestationen: als Bettler, als Musiker, als Tänzer oder als Gatte der Göttin Parvati. Hinzu kommen Figuren seiner Gattin in ihren mannigfaltigen Aspekten sowie deren göttlichen Kindern Ganesha und Skanda (tamilisch Murukan). Neben den museumseigenen Kunstwerken zeigt die Ausstellung Kunstwerke aus führenden Museen Europas, Nordamerikas und Indiens.

Einen weiteren Höhepunkt bilden die Figuren der 63 shivaitischen Heiligen aus dem 6. bis 9. Jahrhundert, deren Lieder noch heute gesungen werden. Der starke visuelle Eindruck dieser "Armee" von Heiligen wird durch die Geschichten, die sich um sie ranken, noch verstärkt.

Ein wichtiger, eher didaktischer Teil widmet sich der Bronzeherstellung: Hier erfahren die Besucherinnen und Besucher, wie in Indien Bronzen in der verlorenen Form gegossen werden. Dabei stehen die berühmten südindischen Werkstätten von Swamimalai mit ihren Bronzegiessern im Mittelpunkt des Interesses, denn sie führen diese Tradition noch heute fort. Rohmaterial, Wachsfiguren, Rohlinge und fast fertige Bronzen veranschaulichen den gesamten Herstellungsprozess eines Bronzegusses.

In der Gestaltung greift die Ausstellung auf Strukturen hinduistischer Tempelrituale zurück, um so den Besucher auf der emotionalen Ebene zu erreichen. Ganz im Sinne hinduistischer Ästhetik erzeugt sie adbhuta rasa, Momente des Verzaubertseins, des Staunens und der Faszination. Dabei spielt sie bewusst mit mehreren Ebenen der Wahrnehmung. Sie zelebriert die künstlerische Qualität der gezeigten Objekte, thematisiert gleichzeitig unsere kulturell bedingte Wahrnehmung und setzt dieser hinduistische Praktiken entgegen. Denn letztendlich gilt es zu verstehen, dass alle gezeigten Objekte Ausdruck einer umfassenden kulturellen Praxis sind. Zum tanzenden Shiva gehören Kunsthandwerk, Poesie, Rituale, Tanz und Musik, vor allem aber eine Fülle an Emotionen, tiefe Ehrfurcht und Hingabe.

Ein eigens produzierter Dokumentarfilm fasst die wesentlichen Aspekte der Ausstellung zusammen. In rund 15 Minuten erhält der Besucher eine Einführung in die Bedeutung des tanzenden Gottes Shiva, erlebt eine Prozession in Südindien mit, giesst in den Werkstätten von Swamimalai eine Bronze und trifft Tempeldiener, die religiöse Gesänge rezitieren. Eine interaktive Computersimulation ("Im Angesicht der Göttin Kamakshi") erlaubt den Besucherinnen und Besuchern, virtuell einen shivaitischen Göttinnen-Tempel zu begehen, alle Schreine zu erkunden und an einer Prozession teilzunehmen. In Wort, Ton und Bild werden Einblicke in die Welt des tanzenden Gottes gegeben.

Zur Ausstellung gehört ein Katalog inklusive DVD mit dem in der Ausstellung gezeigten Film. Der Katalog stellt den tanzenden Shiva auf seiner lokalen Bühne, im südindischen Tamil Nadu, vor. In ihrem Aufsatz erläutert Saskia Kersenboom die Logik der täglichen Rituale und jährlichen Feste. Anhand eines liturgischen Kalenders öffnet sie den Vorhang für die komplexen Spiele zwischen Göttern und Menschen.


"Shiva Nataraja: Der kosmische Tänzer". Herausgegeben von Johannes Beltz, mit einem Beitrag von Saskia Kersenboom, ca. 224 Seiten, zahlreicche farbige Objekt- und Feldfotografien, 23 x 30 cm, Pappband, fadengeheftet. Mit DVD (Spieldauer 15 Min.) ISBN 978-3-907077-38-2. Subskriptionspreis bis 1. März 2009: CHF 58.00, EUR 42.00; danach CHF 78.00, EUR 56.00

Shiva Nataraja - Der kosmische Tänzer
Werner Abegg Saal
16. November 08 bis 1. März 09

Museum Rietberg
Gablerstrasse 15
CH - 8002 Zürich

T: 0041 (0)44 415 31 31
F: 0041 (0)44 415 31 32
E: museum.rietberg@zuerich.ch
W: http://www.rietberg.ch/

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Shiva Nataraja, der Tanzende Shiva. Indien, Tamil Nadu, Chola-Dynastie, 12. Jh., Bronze. Museum Rietberg Zürich, RVI 501; Geschenk Eduard von der Heydt. Foto: Rainer Wolfsberger
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Prozession des Nataraja in Sirkhali, Südindien. Foto: Johannes Beltz
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Shiva als Chandrashekhara. Indien, Tamil Nadu, Chola, ca. 11. Jh., Bronze. Rijksmuseum Amsterdam (AK-MAK-1291)
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Shiva Nataraja. Indien, Tamil Nadu, Chola-Dynastie, 12. Jh., Bronze. Rijksmuseum Amsterdam (AK-MAK-187). Long Term Loan of the Society of Friends of Asiatic Art
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Shiva Bhairava. Indien, Tamil Nadu, 13. Jh., Stein. Museum Rietberg Zürich, 2007.49; Foto: Rainer Wolfsberger