verfasst von Haimo L. Handl / So, 04.05.2014 / Wort zum Sonntag
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Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel weilt gerade zu einem Staatsbesuch in den USA. Barack Obama tituliert sie bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus „seine beste politische Freundin“; die Ukraine-Krise schweißte die wichtigen „Partner“ enger zusammen in ihrer Realpolitik. Deutschland ist einer der wichtigsten Verbündeten in Europa.

Angela Merkel ist tapfer. Sie vollführt den geforderten Kotau nicht so strahlend, wie ihre männlichen Kollegen früher, sie merkt zumindest an, dass es „ungelöste“ bzw. „offene“ Fragen gibt, sie versteckt nicht ihren Ärger wegen der Überwachung. Aber das ist schon alles. In der Sache gilt das amerikanische „No“ als no-nonsense Satz im Sinne des „Njet“.

Weil dem so ist, verweigert die deutsche Regierung das Einreiserecht für Mr. Snowden, den der parlamentarische Untersuchungsausschuss zur NSA-Affäre befragen möchte. Einige Politiker in Deutschland sind immer noch so naiv zu glauben, ihr Land sei souverän, und sie könnten politisch handeln nach dem Grundgesetz und ihrem Gewissen.

Klarer können die politischen Tatsachen, die Machtverhältnisse, die europäische Malaise, nicht zutage treten. Allerdings hat in der Öffentlichkeit, in der „öffentlichen Meinung“ ein Wandel sich festgesetzt. Er beweist, dass die milliardenteure Indoktrination, die seit dem Ende des 2. Weltkriegs läuft, doch nicht garantieren kann, dass die Mehrheit der Bevölkerung „folgsam“ der Stimme ihres Meisters lauscht – und glaubt.

Es fällt auf, dass viele Artikel strammer, tapferer Realisten das Bild der USA in Deutschland so positiv malen, sodass man versucht ist zu glauben, sie seien bezahlte Büttel der USA. In fast jeder „Qualitätszeitung“ erschienen letzthin Beiträge, die versichern, dass nur mit den USA Freiheit garantiert sei, dass nur die USA mit einem willig unterstützenden Europa der russischen Kriegspolitik erfolgreich entgegnen könne, dass, schlicht gesagt, Amerika die Zukunft sei. Schöne Aussichten! Brave New World.

Zum andern lesen wir besorgte soziologische, psychologische und politische Analysen über das befremdliche bzw. perverse Verhalten vieler Deutscher, vor allem einiger alter Linker und Sozialdemokraten, die immer noch für Putin und seine Politik Verständnis zeigen. Beim Altkanzler Schmidt wundert man sich, hält sich aber mit Kritik zurück, weil er allzu beliebt ist. Schröder dagegen wird gehöhnt und als „gekauft“ denunziert. Diese Haltungen werden vorderhand noch nicht als „Verrat“ interpretiert, aber die Stimmungslage dazu wird gezielt aufgebaut.

Sogar die Geschichtsdeutungen des 1. Weltkriegs müssen als Beispiel herhalten, um die gegenwärtige West-Ost-Politik zu erklären bzw. davor zu warnen, Russland gewähren zu lassen. Das hat einiges für sich. Allerdings ist die Blickrichtung bewusst einseitig: sie spart die Rolle der USA aus. Doch die darf man, gerade im Ge- oder Bedenken des 1. Weltkriegs und was danach geschah, nicht übersehen.