Di, 26.08.2014 / Walter Gasperi / Filmriss
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Wie die mythologischen Sirenen lockt Scarlett Johansson als mysteriöse namenlose Frau Männer an und führt sie in den Tod. Eiskalt agiert sie zuerst, entwickelt aber langsam menschliche Züge und wird damit angreif- und verletzbar. – Die Handlung klingt einfach, doch Jonathan Glazer macht daraus den visuell und akustisch aufregendsten Film seit langem. Im Kino gibt es ihn aber nur in der Schweiz zu sehen, in Österreich und Deutschland wird er nur auf DVD und Blu-ray erscheinen.

Vom ersten Bild und Ton an ist klar, dass man hier einen außergewöhnlichen Film sehen wird. Mit Spannung aufgeladen wird durch das Sounddesign schon die tiefschwarze Leinwand, in der langsam ein Lichtpunkt sichtbar wird. Bald mehren sich diese hellen Flecken, kommen Kreise und Ringe dazu, schließlich ein Auge, bis die Leinwand weiß wird und der Titel "Under the Skin" erscheint.

So kryptisch diese Eröffnung ist, so geheimnisvoll geht es in diesem Film – der Trailer vermittelt für einmal einen guten Eindruck – weiter: Ein Motorrad rast über eine nächtliche Landstraße in den schottischen Highlands, stoppt an einem See – oder ist es das Meer. Der Fahrer steigt über die Böschung hinunter und kehrt mit einer Frau zurück, die er wie einen Kartoffelsack geschultert hat. Er legt sie in einen an der Straße geparkten Lieferwagen. Abrupt bricht die Szene ab und vor weißem Hintergrund sieht man zwei schwarz gekleidete Frauen, von denen die eine sich auszieht und die Kleider und damit die Identität der anderen annimmt.

Im Rücken folgt die Kamera dieser Frau (Scarlett Johansson) mit ihrer tiefschwarzen Perücke in ein Einkaufszentrum, lässt sie Kosmetikartikel probieren, knallrot ihre Lippen anmalen und dann mit dem weißen Lieferwagen durch die Straßen von Glasgow fahren.

Immer wieder von unten erfasst sie die Kamera vom Beifahrersitz am Steuer, lässt sie groß erscheinen. Keine Emotionen zeigt sie, spricht kein Wort. Wunderbar kühl und zurückhaltend spielt Scarlett Johansson diese namenlose Frau (Laura heißt sie zwar in den Credits, aber im Film fällt ihr Name nie).

Scheinbar ziellos fährt sie durch die Stadt. Dokumentarisch wirken diese Szenen, weil Glazer sie mit versteckter Kamera gefilmt hat, echte Passanten zu Mitspielern machte. Wenn sie Männer anspricht und sich nach dem Weg erkundigt, fällt nach rund zehn Minuten das erste Wort – und auch in der Folge wird nicht viel gesprochen werden: Wie wenige Regisseure der Gegenwart vertraut der 1965 geborene Glazer, der vom Musikvideo kommt, vor 14 Jahren mit "Sexy Beast" ein starkes Spielfilmdebüt vorlegte und nach "Birth" (2004) neun Jahre lang keinen Kinofilm drehte, auf die Kraft der Bilder – und der Töne. Wie einst Kubricks "2001" will auch "Under the Skin" eine entschieden nonverbale Kommunikation sein.

Die Frage nach dem Weg geht bald in Erkundigungen über, ob die angesprochenen Männer alleinstehend seien oder Familien hätten. Alleinstehende nimmt sie mit, führt sie schließlich in ihr angebliches Haus, wo sie sich in einem schier endlosen schwarzen Raum rückwärtsgehend auszieht. Die Männer, die ihr folgen, versinken in einer pechschwarzen gallertartigen Masse, während für sie der Boden fest ist.

Ist dieser Job erledigt, macht sie sich an den nächsten Mann ran. Das Leid der anderen kümmert sie nicht, ein schreiendes Baby, dessen Eltern im Meer ertrunken sind, lässt sie ungerührt, doch Bewegung kommt in ihr Leben, als sie von ein paar jungen Frauen in eine Disco gezerrt wird, und später einen im Gesicht schwer deformierten Mann mitnimmt, der erst zögerlich auf ihre Anmache einsteigt.

Zwischen den Morden taucht immer wieder der Mann auf dem Motorrad auf. Kein Wort wird hier gesprochen. Seine Aufgabe scheint es die Leichen zu entsorgen und gegen Ende scheint er sich gar vom Helfer zum Verfolger zu wandeln, der nun von zwei Kollegen unterstützt wird.

Denn die Frau wandelt sich langsam vom eisigen Wesen zum mitfühlenden Menschen, entwickelt erstmals Lust etwas zu essen, flieht mit dem Bus verstört aus der Stadt in die Highlands. Sich im Spiegel betrachtend entdeckt sie ihre Körperlichkeit, klopft mit ihren Fingern im Rhythmus auf einen Tisch, als man im Radio erstmals echte Musik hört, doch je menschlicher sie wird, desto angreifbarer und verletzlicher wird sie auch.

Aufs Skelett heruntergebrochen hat Jonathan Glazer förmlich den Roman "Under the Skin" ("Der Weltenwandler") des in den Niederlanden geborenen und nun im schottischen Inverness lebenden Schriftstellers Michel Faber, reduziert die Geschichte vom Alien, das in der Maske einer schönen Frau gut beleibte Erdenbürger einfängt, um die Bewohner ihres Heimatplaneten mit Nahrung zu versorgen, auf die Mann–Frau-Geschichte.

Völlig im Vagen bleibt die Herkunft der Frau, nur das Ende legt nahe, dass es sich bei ihr um ein Alien handelt. Nichts erfährt man über ihre Motive, sodass man den Film als Parabel über Mann-Frau-Beziehungen, über Geschlechterkampf und misogyn über die Verführungskraft der Frau lesen kann, die in Film noir-Tradition als Femme fatale die Männer ins Verderben stürzt. Und im Kern wirft der Film in der Menschwerdung der kalten Maschine freilich die Frage nach dem Menschlichen an sich auf: Vom Mitgefühl übers Essen und Körperlichkeit und Körpergefühl sowie der Fähigkeit zur Liebe bis zu Zerbrechlichkeit, Angst und Tod spannt Glazer hier den Bogen.

Doch so dünn nach außen hin die Geschichte ist, die aus zahlreichen Wiederholungen nur leicht variierter Verführungsszenen besteht, auch ist, so faszinierend und aufregend ist dieser Film in seiner visuellen und akustischen Gestaltung. Da wechseln die semidokumentarischen Straßenaufnahmen mit hochstilisierten pechschwarzen Szenen der Verführung, da taucht man auch einmal in die gallertartige Masse ein und bekommt die hier Gefangenen zu Gesicht, bis einer plötzlich platzt oder mutiert.

Und auf der Tonebene begleitet die Protagonistin bei ihren Streifzügen durch die Stadt ein Atmen und Brummen, da erklingen leitmotivisch bei der Verführung immer wieder hohe Streicherklänge. – Ein faszinierender Alptraum ist dieser Film, der manchmal an David Lynch – der Deformierte lässt an dessen "Der Elefantenmensch" denken – oder Darren Aronofsky - speziell dessen frühe Filme - denken lässt.

Schon lange hat niemand mehr in einem Spielfilm so kühn und so aufregend mit Ton und Bild experimentiert. Monolithisch steht "Under the Skin" in der aktuellen Filmlandschaft da, fesselt wie kaum ein zweiter Film trotz Reduktion und Abstraktion durch seine aufregende Gestaltung. - Nur in der Schweiz kann man "Under the Skin" allerdings im Kino entdecken, in Österreich und Deutschland wird dieser filmische Trip, der im Grunde die große Leinwand braucht, nur auf DVD und Blu-ray erscheinen, da der Verleiher das kommerzielles Risiko einer Kinoauswertung nicht eingehen will.

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Trailer zu "Under the Skin"

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