7. Februar 2012 - 3:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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England, 1973: Ein sowjetischer Maulwurf soll in der Chefetage des britischen Geheimdiensts sitzen. Der schon pensionierte Agent George Smiley soll inoffiziell Nachforschungen anzustellen und den Doppelagenten enttarnen. - Ohne jede Modernisierung, ohne große Effekte, aber vertrauend auf ein exzellentes Ensemble hat der Schwede Tomas Alfredson John le Carrés 1974 veröffentlichten Agentenroman atmosphärisch ungemein dicht neu verfilmt.

Action bestimmt in der Regel Agentenfilme: James Bond hetzt von einer spektakulären Szene zur nächsten und vergnügt sich dazwischen noch mit hübschen Frauen, Jason Bourne jagt atemlos um den halben Globus und auch die "Mission Impossible"-Serie lebt von Dynamik und kühnen Stunts. Kaum weniger aufregend als die Handlung sind dabei immer auch die Schauplätze, die präsentiert werden. Ein ganz anderes Bild des Geheimdiensts zeichnet dagegen John le Carré in seinen Romanen und Tomas Alfredson folgt ihm in seiner Verfilmung genau.

Die Frage "Ist Ihnen jemand gefolgt?" wird sogleich fortgesetzt mit der Mahnung "Vertrauen Sie niemandem!". Das zentrale Thema von "Dame, König, As, Spion" ist damit schon in der ersten Szene eingeführt. Hier geht es eben nicht um Action, sondern um die Durchleuchtung einer Organisation, in der jeder jeden verdächtigt und keiner dem anderen vertrauen kann.

Keine smarten Agenten sind hier am Werk, sondern Bürohengste ziehen die Fäden. Wie sie graue, braune und blaue Anzüge tragen, so taucht Alfredson den ganzen Film in gedeckte und desaturierte Farben. Wenn da mal eine Frau eine rote Bluse und roten Lippenstift trägt, sticht das schon heraus. Und nicht nur in England, sondern auch in Istanbul ist der Himmel stets Wolken verhangen. Mit dieser Optik, aber auch mit der penibel gewählten 70er Jahre Ausstattung sowie mit ruhigen, genau kadrierten Plansequenzen statt schnellen Schnittfolgen evoziert Alfredson beklemmend die Atmosphäre der bleiernen Zeit des Kalten Krieges.

Die Handlung spielt 1973. Nachdem eine Aktion in Budapest in einem Desaster endete, mussten Geheimdienstboss Control (John Hurt) und seine rechte Hand George Smiley (Gary Oldman) ihre Stühle räumen und einer jüngeren intriganten Riege von Agenten Platz machen. Auch weitere Agenten wurden entlassen, Control, der einen Maulwurf in der Chefetage des Britisch Intelligence Service vermutete, starb wenig später, doch der pensionierte Smiley erhält den Auftrag inoffiziell nach dem Verräter zu suchen.

Wenn Smiley Ex- und aktuelle Agenten befragt, um Informationen zu bekommen, gehen fließend die Erzählungen immer wieder in Rückblenden über. Extrem verdichtet hat Alfredson le Carrés 400-seitigen Roman. Was 1979 in einer fast sechsstündige TV-Mini-Serie mit Alec Guinness ausformuliert wurde, packt der Schwede in einen gut zweistündigen Kinofilm. Leicht verliert man in der Fülle der Figuren und Erzählstränge sowie der Reduktion auf Andeutungen, scheinbar nebensächliche Details und Blickkontakte den Überblick.

So hetzt man als Zuschauer den Nachforschungen Smileys mehr hinterher als selber kombinieren zu können, doch mehr als um die Whodunit-Story, geht es sowieso um die Charaktere und den Blick auf die Beziehungen und Mechanismen innerhalb einer Organisation, die in diesem Fall der britische MI6 ist: Allen Glanz und Charme nehmen Alfredson/le Carré dabei den Agenten, einsame graue Mäuse sind sie und außer der Arbeit scheint es für sie nichts zu geben.

Keine privaten Beziehungen scheinen sie zu kennen, nur zu Mitarbeitern pflegen sie im Film Kontakt, wobei auch homosexuelle Beziehungen angedeutet werden. Smiley ist zwar verheiratet, doch seine Frau hat ihn wieder einmal verlassen. Zwar reden sie vom Geheimdienstdienst, den sie ganz einfach, weil die Zentrale am Cambridge Circus liegt auch "Circus" nennen, immer als "Familie", doch alles andere als Geborgenheit finden sie hier.

Sehr reduziert und mit stoischer Ruhe spielt Gary Oldman den alten Smiley, dem man durchaus auch zutrauen kann selbst der Maulwurf zu sein. Genauso stark ist aber auch Altstar John Hurt in der kleinen Rolle des entlassenen Geheimdienstchefs. Der alten Garde, die noch im Zweiten Weltkrieg diente, werden jüngere Karrieristen gegenübergestellt, die ihre "Skalpjäger" rücksichtslos ins Feld und in Fallen schicken.

Konsequent gegen den Trend der Zeit inszeniert Alfredson. Er verzichtet auf alle Schaueffekte und Action, setzt ganz auf das exzellente Ensemble und eine ebenso zurückhaltende wie konzentrierte Inszenierung. Statt geschossen wird hier geredet und undramatisch wirkt auch die Enttarnung des Maulwurfs, der sich rechtfertigt, dass er sich aus moralischen und ästhetischen Gründen für die andere Seite, für den Osten, entschieden habe. – Verstehen kann man das nach "Dame König As Spion", denn so hässlich, so kalt und lebensfeindlich wie hier war der Westen der 70er Jahre selten einmal in einem Film.


Läuft derzeit im Kino Rex in St. Gallen (engl. O.m.U.) und im Cinedome in Abtwil (Deutsche Fassung)

Trailer zu "Tinker, Tailor, Soldier, Spy - Dame, König, As, Spion"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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