Marschflugkörperlyrik

Früher war die Beschaffung von Musik ein haptisches Erlebnis. Schallplatten, auf denen das Cover wirken konnte. Mit einem Titel, den man nicht vergaß. So wie Charles Bukowskis «Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang». Und auch heutzutage, zwischen e-books und mp3-files, kann etwas Ähnliches passieren. Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers, eine Sammlung von Gedichten David Lerners, die erstmals deutschsprachig übersetzt vorliegen.


die kaputten leben mit ihrer panik wie / andere mit ihrem morgenhusten // die kaputten haben tolle geschichten / alle davon wahr, gerade die lügen // die kaputten sind spannend wie verkehrsunfälle / die kaputten legen in der hölle einen wahnsinstango hin.

David Lerner, amerikanischer Lyriker, geboren 1951, gestorben 1997 an einer Überdosis Heroin, lebte für die Poesie. Er gab seine Journalistenkarriere auf, gehörte in San Francisco zu einer Gruppe von Spoken-Word-Dichtern, veröffentlichte zu Lebzeiten drei Gedichtbände und hinterließ tausende beschriebene Seiten unpublizierten Materials. ich will nichts anderes tun / als lyrik berühmt zu machen // ich will nichts anderes tun als / der sonne mein monogramm einzubrennen.

Es sind wütende Gedichte, Rocksongs, der ganz spezielle amerikanische Alptraum, der ihm Ende der Achtziger, anfangs der Neunziger begegnet. ich lebe in der 3. welt / ich lebe relativ am rand der 3. welt / ich lebe in der 3. welt in / Berkeley, Kalifornien, USA, / 1991. Die Texte haben einen eigenen, unverkennbaren Sound, hypnotische Zeilen, rhythmisch gehämmert.

ich war so traurig, dass ich aufhörte zu träumen // ich war so traurig / dass ich die treppen hinunterstolperte / und an jeder unebenheit funken schlug // ich war so traurig / dass es auf dieser wilden erde nichts gab, was mich // schlafen lassen konnte. Er packt die Welt in seine Texte und sich selbst dazu, so wie man Diamanten macht, unter Druck gesetzt, wie gemacht, um Schatten zu schneiden.

Er sägt sich durch Fernsehbilder und Straßenszenen, Nachrichtenfetzen, clipartige Momentaufnahmen, denen er seine Lyrik entgegen wirft, kurze Strophen, welche nie den Boden verlieren, Schicht für Schicht aneinander gefügt. Die Texte sind frisch, wie eben erst entstanden, eine Zeitreise in die Gegenwart.

Die Übersetzung, von Ron Winkler, Leonce-und-Lena-Preisträger, vorgenommen, wird zweisprachig präsentiert, was den Vergleich von Original und erfolgter Nachdichtung möglich macht. Im Verlag des Poetenladen, einer der zentralen Plattformen für Lyrik, ist die Zusammenstellung 2008 publiziert worden, was den Herausgebern, die damit zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum auf David Lerner aufmerksam machen, hoch anzurechnen ist.

Denn poesie schert sich nicht um ruhm / ruhm ist nett, aber für die poesie ist er der / nachtisch. Ein Dessert, das sich in diesem Fall lohnt.

Martin Dragosits


David Lerner:

Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers


Gedichte (deutsch/englisch)

Übersetzt von Ron Winkler

poetenladen, Leipzig 2008

144 Seiten, 12 Euro

ISBN 978-3-940691-04-0

Martin Dragosits lebt in Wien. Er betreibt die Internetseite Lyrikzone. http://www.lyrikzone.at

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